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Allerlei Unwahrscheinliches

In Christian Mährs Roman macht eine junge Frau Unerklärliches möglich und das Schicksal nimmt seinen Lauf.

Das Rezept funktioniert heute immer noch, zahlreiche Krimi- und Vorabendserien leben davon, "Derrick" oder "Dallas" zählen zu den Klassikern. Man nehme: mindestens einen Menschen mit sehr viel Geld (Villa, Jaguar), eine Dreiecksbeziehung, Betrug im großen Stil (zeitgemäß an der Börse), eine mysteriöse Fremde und verschiedene geheimnisvolle Ereignisse vom Autounfall bis zur Entführung. Der Grundgeschmack ist bitter und zugleich süß - auch reiche Menschen haben ihre Probleme, die sogar größer sein können als die eigenen, banal-alltäglichen, weshalb man froh sein sollte, nicht in deren Haut zu stecken.

Dazu kommt, dass seit Mitte der 1990er Jahre in der deutschsprachigen Literatur die Nouvelle Cuisine mit ihrer drapierten Handlungsarmut massiv an Bedeutung verloren hat. Mal euphorisch, mal euphemistisch ist von der Rückkehr des Erzählens gesprochen worden. Allwissende Erzähler dürfen den Leser wieder durch die Untiefen der Handlung führen, ohne ihn allzu sehr mit dem Gelesenen allein zu lassen. Autorinnen und Autoren wie Juli Zeh (aktuell in "Schilf"), Helmut Krausser ("Eros") oder Stefan Beuse ("Die Nacht der Könige") richten ein üppiges Mahl, an dem man sich, der kalorienreichen Kost entwöhnt, aber auch den Magen verderben kann. Durch die an sich begrüßenswerte Aufweichung alter Grenzen ist die Entscheidung, was nun Fast Food und was Höhepunkt der kulinarischen Kunst ist, nicht einfacher geworden.

Peppig postmodern

So peppig postmodern der Titel "Semmlers Deal" klingt, er ist aus noch zu erläuternden Gründen passend und daher klug gewählt. Vom Motiv des Schutzumschlags kann man das nicht gerade sagen, es ist zwar plakativ, hat aber mit dem Buch eigentlich nichts zu tun. Die Pistole in einer durchsichtigen Handtasche suggeriert Krimi und Gewalt, dabei kommt im ganzen Roman weder eine Pistole noch ein brutales Verbrechen vor. Die Mär von Christian Mähr gehört, wie schon seine früheren Bücher "Die letzte Insel" und "Simon fliegt", zu einer relativ neuen Reihe von Was-wäre-wenn-Romanen. Übernatürliche Fähigkeiten einen beispielsweise Patrick Süskinds Grenouille im "Parfum" oder Robert Schneiders Elias Alder in "Schlafes Bruder". Thomas Glavinic stellt sich in "Die Arbeit der Nacht" vor, wie es wäre, wenn die Menschheit bis auf ein einziges, dann sehr einsames Exemplar plötzlich verschwindet. In "Semmlers Deal" ist es eine junge Frau, die Unerklärliches möglich macht. Semmler, von Beruf Millionär, rettet sie aus einem Auto, das durch ein Unwetter von der Straße abgekommen und in einem Fluss gelandet ist. Dafür verrät sie ihm einen Trick, wie man das Schicksal beeinflussen kann - man macht einen Deal, wünscht sich etwas und opfert dafür etwas von vergleichbarem Gegenwert. Die nun kommenden Verwicklungen, der Aufstieg und dann Abstieg Semmlers sind spannend erzählt, sie gewinnen vor allem durch den gekonnten Perspektivenwechsel - faszinierend ist die Differenz von Selbstbild und Fremdbild der Figuren, die kaum größer sein könnte und dennoch, leider, ausgesprochen realistisch wirkt.

Ob nun die entscheidende Szene in einer Kirche eher esoterisch zu nennen ist, ob sie die Leser zurück in die Arme des Katholizismus treiben oder einfach zum Nachdenken über die Zufälligkeiten und Absichtlichkeiten des Lebens anregen will, muss jeder für sich entscheiden. So vermag es aber mit der ganzen Handlung, die an den Haaren herbeigezogen wirkt und als Erklärungsmodell nur die geheimnisvolle Unbekannte anbietet. Es beginnt schon damit, dass Semmler die gerettete Frau eigentlich gar nicht attraktiv findet und dennoch sofort mit ihr schläft, dass sie sich ihm anbietet und ihn dann gleich verabschiedet. Dass sich der Playboy Semmler beim ersten Augenschein unsterblich in Ursula verliebt, die nicht mehr junge Frau seines ehemaligen Schulkameraden Koslowski. Dass Semmler den Anfang des Romans zu erzählen scheint, obwohl er - aber das sei nicht verraten.

Unterm Strich hätte dem Roman ein kräftiger Schuss Ironie gutgetan, das Unwahrscheinliche wäre zum humorvoll Konstruierten geworden und das hätte den Nährwert des Mahls erheblich gesteigert. Dennoch - langweilen wird sich keiner über "Semmlers Deal" und für alle literaturinteressierten Vorarlberger (der Autor lebt in der Nähe von Feldkirch, die Handlung spielt überwiegend in Dornbirn) dürfte der Roman sowieso Pflichtlektüre sein.

Semmlers Deal

Roman von Christian Mähr

Wien, Deuticke-Verlag 2008

271 Seiten, geb., € 20,50

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