Das Drohen der summenden Drohnen

Noch vor dem Anfang schon Theater im Theater: Aktivisten protestierten gegen die Verwendung des N***-Wortes im Titel von Bernard-Marie Koltès' Stück, das im französischen Original "Combat de nègre et de chiens" heißt. Egal, ob es mit der Freiheit der Kunst legitimiert würde, fördere das N***-Wort rassistische Gewalt, war auf einem von der Galerie ins Parkett flatternden Flugzettel zu lesen. Oder: egal, wie es gemeint sei, das N***-Wort reproduziere immer rassistische Machtverhältnisse. Dem würden wir zustimmen und sicherlich hat die nachhaltige Aufforderung auf sensiblen und reflektierten Umgang mit Sprache seine Berechtigung, nur würden wir den Protest insofern relativieren wollen, weil erstens Kontexte, in denen Worte verwendet werden, mitbedacht werden müssen, und zweitens es in Koltès Stück -und das Programmheft weist darauf hin -gerade um Unterdrückung und Ausbeutung geht.

Neben diesem Umgang mit dem N***-Wort durfte man gespannt darauf sein, wie der serbische Regisseur Miloˇs Loli´c die Titelfigur besetzen würde, die bei vielen Inszenierungen des jüngst oft gespielten Stückes für ebenso heftige Kontroversen gesorgt hat, wie es überraschende Lösungen zeitigte (Blackfacing, die Besetzung durch eine weibliche Schauspielerin oder durch einen zehnköpfigen Chor).

In Wien ist Loli´c ganz einfach der Forderung des Autors nachgekommen, der gemeint hat, sein "Neger" Alboury sei mit einem farbigen Schauspieler zu besetzen, denn er habe "kein Problem geschrieben, sondern eine Figur". Ihn spielt Ernest Allen Hausmann, der es auch war, der dem aktivistischem Treiben vor Beginn des Stückes mit dem Hinweis begegnete, jeder habe das Recht zu sagen, was er denke, und nun hätten sie aber auch das Recht, das Stück zu spielen. Ob die Aktion wirklich spontan war oder ein Vorspiel im Sinne des unsichtbaren Theaters, also Teil der Inszenierung, ist nicht zu entscheiden.

Moralisch heruntergekommen

Bernard-Marie Koltès' Stück, mit dessen Uraufführung vor 37 Jahren Patrice Chéreau sein Theater in Nanterre eröffnete, ist ein eher rätselhaftes Drama. Das Vierpersonenstück spielt in Westafrika auf einer stillgelegten französischen Baustelle. Der einheimische Alboury ist gekommen, um die Leiche seines toten Bruders abzuholen (der Arbeiter ist bei einem angeblichen Unfall ums Leben gekommen), damit "seine Nähe uns noch wärmt". Die beiden Weißen, der zerrissene, dauernd Whisky trinkende Baustellenleiter Horn (Philipp Hauß) und der offen rassistische, spielgeile Ingenieur Cal (Markus Meyer) wollen ihm den Leichnam aber nicht aushändigen, weil er ein Loch im Kopf hat. Cal hat ihn im Streit erschossen, der angebliche Unfall war also ein Mord, den es nun zu vertuschen gilt. Dazu kommt noch Horns angereiste Braut Léone (Stefanie Dvorak). Die etwas dümmliche Pariserin ist von der Exotik Afrikas fasziniert und macht Alboury unverholen eindeutige, aber erfolglose Avancen. Diesen Kampf des "Negers" gegen die weißen "Hunde" beschreibt das Stück. Denn die Weißen sind seelisch kaputte, moralisch heruntergekommene Subjekte, zynische Kolonialisten voller Vorurteile gegenüber den Afrikanern, vor allem auf das schnelle Geld und schnellen Sex aus.

Miloˇs Loli´c macht aus dem Drama kein Zeitstück. Seine Inszenierung interessiert sich kaum für Themen wie Neokolonialismus, Globalisierung, Ausbeutung und Zerstörung gewachsener sozialer Strukturen Afrikas oder für die Zivilisationskritik und die Abrechnung mit der eurozentristisch kalten Rationalität, die dem Stück ohne Weiteres abzuringen wären. Vielmehr bleibt es in der Nähe jener fiebrigen Fantasie, mit der der 1989 mit nur 41 Jahren an Aids verstorbene Dramatiker der schleichenden Veränderung der Welt nachspürte. Der Kern seiner rätselhaften, fast parabelhaft anmutenden Inszenierung ist das Fremde, Ungewisse und der Umgang einer Gesellschaft mit einer Welt, die sie nicht mehr versteht. Dabei begegnet er der etwas gespreitzten, vom französischen Existentialismus durchtränkten Poesie von Koltès auf gleicher Ebene.

Statt den Text auszudeuten oder zu bebildern, lässt er ihn eher ausstellen und fügt ihm szenisch rätselhafte Zeichen bei. So sind die vier wunderbaren Darsteller in transparente Ganzkörperlatexanzüge verpackt, die ihre Haut zum Glänzen bringt. Ein Zeichen für die Zuschreibung von Hautfarbe?

Atmosphäre und Zeichen

Vor allem setzt der Regisseur auf Atmosphäre. Die erzeugen die eigentlichen Stars der Inszenierung, die plötzlich auftauchenden Flugobjekte. Kleine summende und leuchtende Drohnen umschwirren die schwadronierenden Akteure, werden immer zahlreicher und größer. Sie erscheinen wie rätselhafte Wachen oder Beobachter aus einer fremden Welt und erzeugen vor allem ein Moment der Verunsicherung. Loli´cs intuitiv anmutende Inszenierung ist durchaus legitim, dürfte in ihrer Rätselhaftigkeit allerdings so manchen Zuschauer, wie auch Rezensenten, etwas ratlos zurücklassen.

Kampf des Negers und der Hunde Akademietheater, 15., 26. Oktober

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