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Der Mehrwert des Wilden

Wir belächeln Karl May wegen seiner Klischees vom Wilden Westen. Dabei ist das offizielle Geschichtsbild von Cowboy und Indianer mindestens ebenso falsch. Eine Richtigstellung.

Würden sich Psychologen mit Karl Mays Werk im allgemeinen und Winnetou im Besonderen auseinandersetzen sie würde schnell mit einem kompliziert klingenden Begriff aufwarten, der den riesenhaften Erfolg treffend erklären kann: Die "Intoleranz der Ambiguität“. Anders gesagt: der Mensch neigt gerne zur Vereinfachung und zur schnellen Einteilung in Gut und Böse. Er reagiert ablehnend gegenüber vielschichtigen und kompliziert scheinenden Zusammenhängen. Er fälscht sich sozusagen die Welt zurecht. In "Winnetou“ geht das so: Der gute Old Shatterhand und die guten Indianer kämpfen gegen böse Weiße, die so ziemlich von allen vorstellbaren moralische Ekeln befallen sind: Gier, Verschlagenheit, Mordlust. Am Ende opfert der edle Wilde sein Leben für seinen Bruder und wird Christ. Sein Schicksal ist eine Missions- und Passionsgeschichte - kurz: Ostern im Wilden Westen. Darüber mag man heute lächeln und Karl May als hoffnungslosen Romantiker abtun. Aber denselben Prinzipien der positiven oder negativen Vereinfachung gehorchte lange auch die historische Wahrnehmung der indigenen Völker Nordamerikas: Waren sie vor 200 Jahren noch blutrünstige Skalpjäger, so sind sie nun die guten Kinder der Erde und spirituelle Heiler von Stress und anderen Zivilisationsgeisseln. Auf diese Art wird die Kundschaft noch immer bestens bedient. Die Erwachsenen haben ihren Medizinmann, die Kinder "Yakari“, einen Cartoon-Indianerbuben, der mit Tieren sprechen kann.

Verzerrtes Bild

Neben solchen Vorstellungen kann die vielschichtige Wirklichkeit, um deren Darstellung sich Historiker und Ethnologen bemühen, kaum bestehen. Die Klärung des auf allen Ebenen gefälschten Bildes müsste eigentlich damit beginnen, dass es "den Indianer“ per se nicht gibt. Es handelt sich um hunderte Stämme und Völker, um 60 Sprachfamilien und 700 verschiedenen Sprachen. Die sozialen Organisationsformen reichen vom Matriarchat bis zur patriarchalen Vielweiberei. Nomadenvölker sind ebenso vertreten wie hoch entwickelte Stadtstaaten mit bis zu 30.000 Bewohnern (Monks Mound/Illinois). Einige dieser Völker hatten auch sehr ausgefeilte politische Strukturen wie etwa die Irokesen.

Nach Interpretation einiger Historiker übernahmen die ankommenden Europäer das System der "Wahlmänner“ als demokratie-Instrument indianischen Vorbildern.

Bis ins späte 18. Jahrhundert versorgten die Indianer die Siedlungen der Weißen mit Lebensmitteln und kommen so selbst durch Handel zu einigem Wohlstand.

Dieses Bild ändert sich erst durch die Ausweitung des weißen Siedlungsgebietes ab 1800. Damit beginnen jene "Indianerkriege“, die das Bild von 300 Jahren amerikanischer Geschichte prägen werden. Allerdings gibt es eine lebhafte Auseinandersetzung darüber, ob man als "Krieg“ bezeichnen kann, was sich da über knapp 90 Jahre abspielt.

Zumeist handelt es sich um lokale Aufstände, die spontan ausbrechen, meist aufgrund von Betrug und Nichterfüllung von Verträgen durch weiße Händler und Regierungsbeamte. Diese Aufstände dauern in der Regel nur wenige Wochen und endeten mit der Hinrichtung der Redelsführer.

Der Zug der Tränen

Scheinbar friedliche Aktionen haben dagegen weitaus dramatischere Folgen als solche Kämpfe. Beim "Zug der Tränen“, der sukzessiven Umsiedlung aller Stämme der Ostküste zwischen 1830 und 1860 nach Oklahoma, sterben Zehntausende Menschen an Hunger, Krankheiten und Entbehrungen. Allein das Volk der Cherokee wurde von 13.000 Personen auf rund die Hälfte dezimiert, als es im Winter 1838 gezwungen wurde, knapp 2000 Kilometer zu Fuß von Georgia nach Oklahoma zu marschieren. Ein Bürgerkriegsveteran, der den Trail begleitete sprach später von "dem Schlimmsten, was ich je in meinem Leben gesehen habe“. Auch das Bild der trompetenschmetternden stolzen Kavallerie ist falsch. Die US-Armee bestand 1860 aus etwa 18.000 Rekruten, die ein Gebiet von mehr als einer Million Quadratmeilen zu überwachen hatten. Die "großen Schlachten“ der Indianerkriege erweisen sich näher betrachtet entweder als peinliche Niederlagen (Custer bei Little Big Horn/300 Tote), als relativ folgenlose Scharmützel, oder als ein widerstandsloses Abschlachten von zum Teil waffenlosen Indigenen wie etwa jenes bei "Wounded Knee“ (250 Tote). Die ruhmreiche "Unterwerfung“ der Navajos 1861 durch einen der berühmtesten Wildwest-Helden, Kit Carson, war nicht mehr als die systematische Zerstörung von Siedlungen samt organisierter Brandschatzung und der Vernichtung von Feldern, Viehbeständen und Vorräten.

Indianischer Mehrwert

Die Rolle wirtschaftlicher Interessen bei diesen Konflikten wird in den Western-Legenden vollkommen ausgespart. Aus gutem Grund. So scheinen die Motive für den Zug gegen die Navajos vermutete Goldvorkommen in deren Stammesgebiet gewesen zu sein. Und auch General Custer sollte mit seinem Regiment nicht mordlustige Wilde stoppen, sondern weiße Goldsucher in den Black Mountains unterstützen - die illegal in indianischem Territorium schürften.

Generell standen die Verträge mit den Indianern sofort infrage, sobald wirtschaftliche Interessen der Weißen berührt waren. Als beispielgebend darf die Enteignung der Stämme in Oklahoma Ende des 19. Jahrhunderts gelten. Die Regierung widmete über Nacht ein riesiges "auf ewig“ den Indianern zugesichertes Gebiet als Siedlungsraum für Farmer um. Die Aktion endete in einem brutalen Duell der Weißen um die besten Parzellen, der als "Oklahoma Land Run“ in die Geschichte einging.

Die Folge dieser Verdrängungspolitik: Heute gibt es in den USA über 300 Reservate zumeist in Halbwüsten oder Wüstengebieten. Durchschnittlich sind 39 Prozent der Bewohner in diesen Reservaten arbeitslos, in einigen Gebieten bis zu 80 Prozent. 40 Prozent der Familien leben unter der Armutsgrenze. Die reichen Öl-, Kohle- und Uranvorkommen der Reservate werden vom Staat ausgebeutet, die Bewohner erhalten dafür kaum Entschädigung, obwohl sie offiziell Eigentümer des Landes sind.

In dieser fortgesetzten Rechtsbeugung besteht die eigentliche Kontinuität in der Geschichte des Wilden Westens. Der historische Mehrwert des Indianers für die US-Geschichte besteht aber in seiner Fälschung zum großen, tapferen Gegner von noch heldenhafteren Siedlern und Soldaten, die sich mit seiner Vernichtung das gelobte Land verdienten. So gesehen funktioniert der Wilde Westen noch viel einfacher als alles, was Karl May je über Winnetou geschrieben hat.

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