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Solschenizyn: Der Irrtum des Westens ist groß

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Der Westen hat nur einen sehnlichsten Wunsch: Eine Konfrontation mit dem Kommunismus zu vermeiden. Er gab stets vor, weder die kommunistische Aggression noch das damit einhergehende Schlachten zu bemerken.

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Der Westen hat nur einen sehnlichsten Wunsch: Eine Konfrontation mit dem Kommunismus zu vermeiden. Er gab stets vor, weder die kommunistische Aggression noch das damit einhergehende Schlachten zu bemerken.

Schnell wurden die Ereignisse in Ostberlin (1953) verdrängt, ebenso die von Budapest und Prag, leichtfertig wurde den friedlichen Absichten der nordkoreanischen Führer Glauben geschenkt (die werden es euch übrigens noch zeigen!) ebenso wie der Seelengröße der Herrscher in Nordvietnam.

Durch die Abkommen von Helsinki hat sich der Westen einfach lächerlich gemacht (um den Preis dieser Abkommen hat er für alle Zukunft die kommunistischen Annexionen in Europa anerkannt) und er hat den Mythos vom progressiven Kuba gepflegt (weder Angola noch Äthiopien noch der Südjemen konnten den Senator McGovern vom Gegenteil überzeugen).

Schließlich hat er sich noch an den Rettungsring, den ihm der Eurokommunismus zugeworfen hat, geklammert, hat bis zur Bewußtlosigkeit an der skandalösen Wiener Truppenabbaukonferenz teilgenommen und es zwei Jahre lang vorgezogen, die Augen vor der Okkupation Afghanistans zu verschließen.

Die Geschichtsschreiber der Zukunft und unsere Nachfahren werden ungläubig staunen, sie werden keine Erklärung für soviel Blindheit und Feigheit finden. Nur der schauerliche Völkermord in Kampuchea gab dem Westen den Blick frei auf die abgrundtiefe To-desträchtigkeit, die uns, die wir seit sechzig Jahren mit ihr leben, schon vertraut ist.

Ach, wenn doch all diese Träumer ein für alle Mal begreifen wollten, daß das Wesen des Kommunismus auf der ganzen Welt und in jedem einzelnen Land gleich ist: daß er immer antinational ist, daß er den nationalen Organismus, innerhalb dessen er sich entwik-kelt stets zugrunde richtet, um im weiteren Gefolge den Nachbarnationen den Tod zu bringen! . .

Sicher, man kann auch einen anderen Ausweg in Betracht ziehen: „Die kommunistischen Aggressoren werden zu guter Letzt schon straucheln, so wie alle Aggressoren der Weltgeschichte”. Sie glauben zwar, daß die Stunde ihres Sieges geschlagen habe, eilen dem Sieg entgegen, aber hur, um ihre Niederlage zu erleben . . .

Freilich im nächsten Krieg könnte diese Niederlage die Menschheit hunderte Millionen von Opfern kosten. Wohin sollten in Anbetracht einer solch tödlichen Bedrohung die Anstrengungen der westlichen Demokratie sich richten?

Sie sollten die Expansionisten weniger furchterregend und weniger mächtig werden lassen, dazu beitragen, daß sie in keinem Land mehr nationale Gefühle vor ihren Karren spannen lassen. Dann können jene nicht mehr ihre Kraft aus der Unterstützung breiter Bevölkerungsschichten schöpfen. Aber dieser Ansatz ist dem heute gewählten diametral entgegengesetzt.

Heute stellt sich die Situation so dar, daß die Existenz Amerikas von der Wiedergeburt eines gesunden nationalen Rußlands abhängt, denn im Fall einer blutigen Auseinandersetzung gäbe es einen Kampf auf Leben und Tod.

In einer solchen Auseinandersetzung, läuft Amerika in sein Unglück, wenn es - sowohl in seinem Denken wie in seinem Handeln - die kommunistischen Aggressoren und die Völker der Sowjetunion, die gegen ihren Willen in den Konflikt gezogen werden, in einen Topf wirft, wenn es also nicht dem Kommunismus, sondern den „Russen” den Kampf ansagt. Wenn sich die Russen neuerlich zu befreien versuchen und dabei nicht auf Sympathie von außen stoßen, werden sie in eine Situation wie 1941 gedrängt.

Das Nationalgefühl wird gegen seinen Willen und zu seinem eigenen Verderben in die Arme des herrschenden Kommunismus getrieben: allein die amerikanische Diplomatie begünstigt einen solchen Prozeß mit allen Mitteln.

Um die 35 Jahre politischer Rückschläge zu kompensieren, hat sie jetzt in ihrer Kurzsichtigkeit ganz unvernünftiger Weise auf eine neue Karte gesetzt: sich Chinas als Schild zu bedienen, oder anders gesagt, die nationalen Kräfte Chinas in die Arme des Kommunismus zu treiben, sie ihm auszuliefern. Hand in Hand damit hat sie nicht davor zurückgeschreckt, als Vorleistung Taiwan zu opfern . . .

Ich frage dabei gar nicht danach, wo da die demokratischen Grundsätze oder das, was noch davon übrig ist, bleiben, was aus dem der Freiheit der Völker geschuldeten Respekt wird.

Schon allein von einer strategischen Sicht der Dinge her ist dieses Kalkül sehr kurzsichtig. Und wenn die beiden Kommunismen sich plötzlich versöhnten und sich gemeinsam gegen den Westen wenden sollten? Und selbst wenn es zu keiner Versöhnung kommt, wird China, letztendlich von Amerika aufgerüstet, auch über euch siegen!

Durch hartnäckiges Unverständnis dafür, daß auf lange Sicht die unterdrückten Völker Verbündete des Westens sind, haben die Regierungen unwiederbringliche Fehler begangen. Die Rundfunkwellen stellen eine direkte Brücke zu den unterdrückten Völkern dar, aber entweder hat man sich ihrer gar nicht oder aber auf eine jämmerliche Art bedient...

Mit Ausnahme der Nachrichten und der Tageskommentare sind Stunden um Stunden der täglichen Sendungen vollgestopft mit primitiven Albernheiten, die das Mißfallen von Millionen nachrichtenhungriger Zuhörer erregen, die von der Möglichkeit die Wahrheit über die Geschichte ihres eigenen Landes zu erfahren abgeschnitten sind ...

Die Verantwortlichen der „stimme Amerikas” verlieren niemals das Anliegen aus dem Auge, nur ja nicht den Zorn der Sowjetregierung zu erregen. Eifrig im Dienste der Entspannung, eliminieren sie aus ihren Sendungen alles, was die Sowjetführer irritieren könnte. Für die Servilität der „Stimme Amerikas” gibt es eine Fülle von Beispielen. Ich selbst weiß ein Lied davon zu singen

(Auszüge aus: L'Erreur de l'Occident. Von ALEXANDER SOLSCHENIZYN. Verlag Bernard

Grasset Paris, 126 Seiten, öS 109.-)

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