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Feuilleton

Diskussion ums kulturelle ORF-Flaggschiff Ö1

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Auch Ö1, der Edelsender des ORF, bleibt von der Strukturdebatte nicht verschont. Keine Gefahr für die Qualität, entwarnen ORFler.

"Ineffiziente Organisationsstrukturen, nicht realisierte Einsparungspotentiale und hohe Personalkosten": Der kürzlich veröffentlichte Rechnungshofbericht stellt dem ORF ein vernichtendes Zeugnis aus. Zugleich gibt er dem ORF Empfehlungen, wie die vermeintlichen Missstände zu beseitigen seien. Einer der Ratschläge des Rechnungshofes lautet, der ORF solle die Redaktionsstrukturen und -konzepte überarbeiten und die generelle redaktionelle Trennung von TV, Radio, Online und Teletext überdenken. Sickert dann noch am Rande einer ORF-Führungskräfteklausur durch, über eine eine Neustrukturierung von Ö1 werde bereits diskutiert, so stellt sich berechtigterweise die Befürchtung ein: Geht es dem europaweit einzigartigen Kultursender Ö1 jetzt an den Kragen?

"Niemand will an der Qualität von Ö1 irgendetwas ändern", beteuert ORF-Hörfunkdirektor Willy Mitsche, bestätigt aber im Gespräch mit der FURCHE, dass es tatsächlich interne Beratungen über eine Strukturreform gibt. Dabei gehe es jedoch lediglich um die Umwandlung der letzten vier in Ö1 existierenden Hauptabteilungen (Wissenschaft, Religion, Information, Kultur) in Abteilungen. Zum einen koste eine Hauptabteilung (und der dazugehörige Hauptabteilungsleiter) mehr als eine Abteilung, zum anderen würde damit eine überflüssige Hierarchieebene abgebaut und die Organisationsstruktur flacher. Ein Abteilungsleiter habe das gleiche Gewicht wie ein Hauptabteilungsleiter, so der Hörfunkdirektor, "auch wenn er einen Stern weniger auf der Schulter trägt".

"Familiensilber des ORF-Radios"

Auch ORF Zentralbetriebsrats-Vorsitzender Gerhard Moser beschwichtigt: "Ich sehe keine Gefahr eines Qualitätsverlustes. Die Frage, ob Ö1 eigene Hauptabteilungen braucht, ist grundsätzlich nicht verwerflich." Sinnvolle Einsparungen seien auch eine Forderung der Gewerkschaftsvertretung, betont Moser, der selbst Ö1-Mitarbeiter ist ("Ex libris").

Zu den "Juwelen" (Mitsche) des ORF gehören die Hörfunkjournale, die dieein Aushängeschild von Ö1 sind. Dieses "Familiensilber des ORF-Radios" (Mitsche) ist von nun an der breiten Öffentlichkeit zugänglich: Unter der Internetadresse www.journale.at stellt die Österreichische Mediathek insgesamt 5000 Stunden Hörfunkjournale aus den Jahren 1967 bis 1989 digital als mp3-Stream zur Verfügung. "Eine zentrale auditive Quelle zur österreichischen Zeitgeschichte fließt nun in Strömen", freut sich Rainer Hubert, Leiter der Mediathek. Ob Mondlandung, Reichsbrückeneinsturz, Waldheim-Affäre, Fall der Berliner Mauer: Rund 60.000 Einzelbeiträge - Hintergrund- und Korrespondentenberichte, Reportagen, Interviews, Kurznachrichten - können nun kostenlos im Netz angehört werden.

RSO in Bedrängnis

Im Gegensatz zu Zeitungen, die seit jeher in Bibliotheken einsehbar sind, waren ältere Hörfunkjournale praktisch unerreichbar. Um auch die akustischen zeitgeschichtlichen Dokumente einer breiten Öffentlichkeit zugänglich zu machen, hat die Mediathek enorme Anstrengungen auf sich genommen. Das Material musste katalogisiert, analysiert und digitalisiert werden. Teilweise waren die Originalbänder aufgrund einer chemischen Reaktion klebrig geworden und mussten vorab restauriert werden - und zwar mit Dörrgeräten, wie sie im Haushalt für das Trocknen von Obst und Gemüse verwendet werden. Aufgrund der begrenzten finanziellen Mittel der Mediathek sind bis auf weiteres nur die Journale bis 1989 abhörbar.

Während der Wert der Hörfunkjournale unbestritten ist, gerät ein anderes ORF-Juwel zunehmend in Bedrängnis: das Radio-Symphonieorchester Wien. Die Ausgliederung des Orchesters solle "so bald wie möglich" durchgezogen werden, ließ ORF-Kommunikationschef Pius Strobl kürzlich wissen. Eine Maßnahme, die auch der Rechnungshof empfiehlt: Das Betreiben des RSO stelle keine Kernaufgabe des ORF dar und sei auch nicht im Programmauftrag enthalten.

Dieses Ansinnen wird von Kulturschaffenden vehement kritisiert: "Dieses Orchester ist derzeit das einzige Österreichs, das regelmäßig und auf hohem Niveau Musik lebender Komponisten, der klassischen Moderne und selten gespielte Werke der Vergangenheit aufführt. Es stellt daher einen unverzichtbaren Faktor im österreichischen Kulturleben dar", heißt es in einem Offenen Brief des Österreichischen Kunstsenats. Die Ausgliederung bedeute eine Existenzgefährdung des Orchesters und zwinge es, sich in seiner Tätigkeit "populistischen Tendenzen" zu beugen. Daher fordert das aus 21 herausragenden Künstlern bestehende Gremium eine "explizite Verankerung des RSO im Rundfunkgesetz".