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Vergewaltigung als Kriegswaffe

Massenvergewaltigungen sind keine bedauerlichen Nebenerscheinungen von Konflikten, sondern eine systematisch eingesetzte und von der Politik genutzte Kriegstaktik.

Ein Bus kommt nach Sarajewo. "Für Alija Izetbegovi´c - von seinen Serben" ist mit großen Lettern auf die Längsseite des Busses geschrieben. Im Fahrzeug sitzen Dutzende junge Frauen, alle schwanger, alle traumatisiert - alle vergewaltigt. Im Jänner 1993 ist dieser Bus voller Schrecken in der bosnischen Hauptstadt angekommen. Mitten im Bosnienkrieg. Eine Machtdemonstration der bosnischen Serben unter dem Kommando des nach wie vor gesuchten mutmaßlichen Kriegsverbrechers Ratko Mladi´c. Eine Demütigung für den bosnischen Präsidenten Izetbegovi´c.

Die bosnische Menschenrechtsaktivistin und Archivarin der Kriegsgräuel, Fadila Memisevi´c, erzählt diese Tragödie beim letztwöchigen Symposium der Gesellschaft für bedrohte Völker zum Thema "Vergewaltigung im Krieg - Ein Verbrechen gegen die Menschlichkeit". 20.000 Frauen, schätzt Memisevi´c bei ihrem Auftritt in Wien, wurden während des Bosnienkriegs vergewaltigt. Sie nennt diese tausenden Schändungen einen "Teil des Genozids in Bosnien".

Unter den Folgen leiden die betroffenen Frauen bis heute. Viele sind von ihren Familien verstoßen, leben am Rande der Gesellschaft. Diejenigen, die ihre bei den Vergewaltigungen gezeugten Kinder geboren haben, erhalten heute eine kleine Rente von 250 Euro. Ein Ergebnis von Memisevi´cs Lobbyarbeit, auf das sie stolz ist. Doch kein Geld kann die Gewalt vergessen lassen. Die Frauen leiden. Und die Kinder? Die sind heute 14, 15 Jahre alt, mitten in der Pubertät, sagt Memisevi´c und fragt: "Wer wird diesen Kindern einmal die Wahrheit sagen?"

Eine Wahrheit ist: Vergewaltigungen als bewusst eingesetztes Mittel zur Kriegsführung "ziehen sich wie ein roter Faden durch die Geschichte, unabhängig von Nationalität, geografischer Lage, kulturellem Niveau, von Rasse, Klasse, Kaste oder Ideologie", heißt es in einem Fachbeitrag zum Thema.

König Richard Löwenherz drohte mit Galgen

Schon Richard Löwenherz drohte den Teilnehmern seines Kreuzzugs im 12. Jahrhundert für Plünderung, Raub und Vergewaltigung den Galgen an. Umsonst, es gibt und gab fast keinen bewaffneten Konflikt, sagen Experten, in dem es nicht zu sexualisierter Gewalt an Frauen gekommen wäre.

Deutsche und österreichische Soldaten vergewaltigten während des Zweiten Weltkriegs sowjetische Frauen, Sowjet-Soldaten deutsche und österreichische Frauen. Japanische Soldaten zwangen koreanische, chinesische und taiwanesische Frauen zur Prostitution (die sogenannten "Trostfrauen"). Bis zu 400.000 bengalische Frauen sollen im bengalisch-pakistanischen Krieg 1971 Massenvergewaltigungen zum Opfer gefallen sein; während der siebenmonatigen Besatzung Kuwaits durch den Irak 1991 werden ca. 5000 Mädchen und Frauen mehrfach vergewaltigt; so wie in Vietnam, Ruanda, Kongo, Osttimor, Haiti, kurdischen Gebieten in der Türkei, Sierra Leone, Somalia, Kolumbien, Burma, Darfur …

"Ich weiß nur noch, dass ich der zwanzigste war, ihr Haar verklebt war, dass sie ekelerregend und voller Sperma war, und dass ich sie am Ende getötet habe." Mit fünf Kugeln in den Bauch. Die Belgrader Feministin Lepa Mla-djenovi´c hat dieses Geständnis eines Vergewaltigers während der Jugoslawien-Kriege aufgeschrieben. Die Abscheu und Menschenverachtung, die aus diesen Zeilen spricht, mag zu der Annahme verleiten, dass es sich bei den vergewaltigenden Soldaten um Monster handelt, um geistig abnorme oder psychisch gestörte Triebtäter. Doch die Fachliteratur widerspricht: "Die Täter sind nicht einzelne, von der Norm abweichende Männer, die ihren Trieb nicht unter Kontrolle halten, sondern Soldaten, die gezielt und nach Plan handeln", schreibt die deutsche Kriminologin Angelika Förster in ihrer Arbeit "Vergewaltigung im Krieg und seine Strafverfolgung durch den Internationalen Strafgerichtshof in Den Haag."

Jugoslawien-Tribunal war ein Meilenstein

Erst die Kriege im früheren Jugoslawien und Ruanda und ihre juristische Aufarbeitung verursachten eine Änderung der Einstellung zu Vergewaltigungen im Krieg. Die internationalen Strafgerichtshöfe für Ex-Jugoslawien und Ruanda definierten in ihren Urteilen erstmals sexuelle Gewalt und Vergewaltigung und dass "es dabei immer um Macht und Kontrolle geht". Erstmals in der Geschichte des humanitären Völkerrechts wurde sexuelle Gewalt an Frauen nicht als Kriegs-Kollateralschaden und unvermeidlich hingenommen, sondern als Verbrechen anerkannt und verfolgt. Für Förster kam damit "die Verfolgung von sexualisierter Gewalt einen großen Schritt voran".

Soweit zur juristischen Dimension. Politisch legitimiert werden Massenvergewaltigungen in Kriegen als Rache, als Teilaspekt von ethnischen Säuberungen oder als Demoralisierung und Demütigung des (männlichen) Gegners, der nicht in der Lage ist, seine Familien zu beschützen. Soldaten, die im Krieg ständigen Angst- und Ohnmachtsgefühlen ausgesetzt sind, können mit Vergewaltigungen Machtgefühle zurückgewinnen und Angst abbauen, lautet eine weitere Erklärung für diesen Massensadismus.

Und die Frauen? Viele begehen Selbstmord, andere flüchten oder werden von ihren Ehemännern und Familien verstoßen. Das Konzept der Vergewaltigung als Demoralisierung und sozialen Vernichtung des Gegners wird damit bestätigt. Und viele Frauen schweigen. Eren Keskin, eine Istanbuler Menschenrechtsanwältin, erzählt beim eingangs erwähnten Symposium zum Thema von einer Kurdin, die 66 Tage in einem türkischen Militärgefängnis systematisch sexuell gefoltert und vergewaltigt worden ist. Wieder in Freiheit wollte sie aber keine Anklage erheben. Der Grund: Sie möchte nicht die Ehre des Vaters verletzen.

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