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Mehr "Verantwortung" oder "Gesinnung"?

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In den aktuellen gesellschaftlichen Polarisierungen und Diskursen spielen christliche und kirchliche Positionen eine markante Rolle. Einige Neuerscheinungen zum Thema zeigen, dass die Auseinandersetzung um rechtes Christsein in der Welt längst nicht zu Ende ist.

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In den aktuellen gesellschaftlichen Polarisierungen und Diskursen spielen christliche und kirchliche Positionen eine markante Rolle. Einige Neuerscheinungen zum Thema zeigen, dass die Auseinandersetzung um rechtes Christsein in der Welt längst nicht zu Ende ist.

Die Flüchtlingsfrage ist eines der politischen Themen, die zurzeit auch im deutschen Sprachraum die Gesellschaften polarisieren. Dabei schwingen gerade in den und durch die Kirchen religiös begründete Argumente durch die Diskussionsräume. Insbesondere der derzeitige Papst wird in den entsprechenden Diskursbeiträgen wieder und wieder beim Wort genommen. Letzten Sonntag forderte Franziskus beim Angelusgebet auf dem Petersplatz einmal mehr auf, Christen müssten offen sein für die Not anderer und für "Aufnahmebereitschaft gegenüber den Brüdern, besonders den schwächsten".

In den Kirchen verstehen dies viele Gläubige auch als politische Botschaften. Demgegenüber gibt es gewichtige Stimmen, die vor einer "Moralisierung" und/oder "Emotionalisierung" warnen, und die diese Warnung auch auf die Kirchen münzen: Der Buchtitel "Kirche als Moralagentur?" bringt diese Skepsis auf den Punkt, die das Christentum per se als "unpolitisch" versteht und bezweifelt, dass die biblischen Schriften (klassisches Beispiel: Das Gleichnis vom barmherzigen Samariter) auch "politisch" zu verstehen sind.

Kirche ist keine Moralagentur

In den letzten beiden Jahren ist darob auch eine Debatte um den Gegensatz zwischen Gesinnungs-und Verantwortungsethik, wie sie der protestantische Soziologe Max Weber nach Ende des Ersten Weltkriegs formuliert hat, entbrannt, die wie viele der auch medial geführten Diskurse schnell in gröbsten Vereinfachungen dahinzudümpeln begann: Vertreter eines liberalen Flüchtlingsregimes finden sich dann rasch als "Gesinnungsethiker" desavouiert, was dann als noblere Bezeichnung für boulevardeske Ausdrücke wie "Gutmenschen" herhält. Und wer der restriktiven Flüchtlingspolitik das Wort redet, beruft sich gut christlich darauf, ein Verantwortungsethiker zu sein -und beklagt, dass die Gesinnungsethiker ihrerseits dies mit dem Gestus der moralischen Überlegenheit abtun. In Wirklichkeit könnte die Weber'sche Unterscheidung ja dem Ausloten von christlichen Positionen und dem Ringen darum dienen, anstatt einmal mehr zu Wortkeulen in der täglichen Auseinandersetzung zu dienen.

Oben zitierter Buchtitel stammt vom deutschen Religionssoziologen und Katholiken Hans Joas. Das schon vor Jahresfrist erschienene Büchlein gehört zu den aktuell wichtigen Publikationen, mit denen sich religiös argumentierende Zeitgenossen auseinander setzen müssen. Denn Hans Joas erweist sich keineswegs als "reiner" Verantwortungsethiker, dem, um beim Beispiel Flüchtlingspolitik zu bleiben, das Schicksal von Flüchtlingen kalt lässt. Wofür er nachvollziehbar und gut belegt argumentiert, ist, den Blick auf die Komplexität der Probleme ebenso wenig zu verlieren wie auf die Dilemmata, in die man gerade als aus dem Glauben Handelnder gerät. Joas: "Es ist ein Missverständnis des christlichen Liebesgebots, wenn es so aufgefasst wird, als setze es die Forderungen der Gerechtigkeit und der politischen Klugheit außer Kraft." Joas postuliert vielmehr, "der Liebe eine supramoralische Dimension" zuzusprechen, die "die Prinzipien der Organisation des sozialen Lebens wie das Prinzip der Gerechtigkeit in der Gestaltung eines Gemeinwesens" nie ersetzen könne.

Politik verträgt keine Re-Theologisierung

In diesen Fragen ist der Wiener evangelische Ethiker und Theologe Ulrich Körtner ein Bruder im Geiste von Hans Joas. Auch Körtner schlug sich in der Flüchtlingsdebatte pointiert auf die Seite der Verantwortungsethiker, und auch er legt in seinem neuen Buch "Für die Vernunft. Wider die Moralisierung und Emotionalisierung in Politik und Kirchen" eine differenzierte Stellungnahme ab. Körtner zitiert Joas wiederholt (wie dieser seinerseits Körtner zitiert hat), und in der Einschätzung, dass vor allem die evangelischen Kirchen in Deutschland in der Flüchtlingsdiskussion viel zu viel Gesinnungsethik betreiben, statt adäquat einer Verantwortungsethik anzuhängen, passt zwischen beide kein Blatt.

Doch im Gegensatz zu den Aufsätzen und Stellungnahmen zu Beginn der Flüchtlingskrise müht sich Körtner um eine ganzheitlichere Sicht, sodass die Rechten in deutschsprachigen Landen nicht auf die Idee kommen dürften, Körtner für ihre Zwecke zu einzusetzen. Kritisch setzt sich Körtner auch mit der Rede von "Werten" in der politischen Diskussion wie in der Wirtschaft auseinander, wobei er befremdlicherweise auch mit dem durch seine NS-Nähe kompromittierten Staatsrechtler Carl Schmitt argumentiert.

Körtner deckt auch die "Re-Theologisierung der Politik" auf und identifiziert diese als eine der Ursachen der gegenwärtigen politischen Krise Europas. Er spannt da einen Bogen von der religiösen Rechten in den USA, über die Rolle orthodoxer Kirchen in Russland und Südosteuropa, um dann bei den jüngsten Entwicklungen in Polen und Ungarn sowie bei der FPÖ und der AfD zu landen. Gelinde gesagt interessant ist es, wenn Körtner im gleichen Atemzug das Buch "Entängstigt Euch!" des Wiener Pastoraltheologen Paul Zulehner als "religiös-moralische Überhöhung der deutschen Flüchtlingspolitik" abqualifiziert und auch in Hans Küngs "Projekt Weltethos" als Wegbereiter derartiger Re-Theologisierung brandmarkt.

Aber nicht nur die Positionen von Joas und Körtner bedürfen der redlichen Auseinandersetzung. Auch der viel mehr gesinnungsethischen Positionen verhaftete Band "Seht den Menschen. Die Versuchung zur Macht und das Elend der Flüchtlinge" des Jesuiten Peter Balleis verlangt nach interessierter wie kritischer Lektüre.

Realpolitik als geistliche Aufgabe

Balleis ist als Chef des Jesuitenflüchtlingsdiensts zwischen 2007 und 2015 an den Hotspots der Krisen gewesen. Über weite Strecken schildert das Buch Begegnungen in aller Welt -Schreckliches und Hoffnungsvolles oft ganz nahe beieinander. Berührend -als Beispiel unter vielen -schildert Balleis das Wirken seines Mitbruders Frans van der Lugt, der bis zuletzt in der belagerten westsyrischen Stadt Homs ausharrte, und der zu Ostern 2014 von einer der Kriegsparteien ermordet wurde. Ein Jahr kommt Balleis in die Stadt und schildert, wie in den Ruinen wieder Leben -auch christliches -zu blühen beginnt.

Das Buch endet mit einem Kapitel über "Geistliche Instrumente für realpolitische Entscheidungen". Balleis fordert da unter anderem, die Opfer ins Zentrum zu stellen. Und wenn man da liest: "Realpolitische Dynamiken und damit verbundene Probleme sind zutiefst geistliche Probleme", so spricht der jesuitische Autor eine Dimension an, die über den Widerstreit von Gesinnung und Verantwortung hinausweist: Es geht um eine Weltveränderung aus christlichem Verständnis und Geist, um eine nie zu vergessende Facette von Gottes-Dienst. Und die ist ganz und gar politisch.

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