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"Wetteifert um die guten Dinge!"

Es gab Zeiten, da galt die Theologie als die Krönung des Denkens. "Sie borgt allen Wissenschaften ihr Licht", hieß es einst. Viel Zeit ist seither vergangen -wie auch die Schwerpunkte des 650-Jahr-Jubiläums der Wiener Universität zeigen.

Und doch: Fasziniert habe ich dieser Tage das Symposium der Katholischen Fakultät zu Lessings "Ringparabel"(aus "Nathan der Weise") miterlebt. Eine geballte europäische Geistigkeit hat dabei die 230 Jahre alte Vision einer Verständigung von Juden, Christen und Muslimen neu in den Blick genommen. Rasch war die Aktualität offenkundig -angesichts der vielen Gewaltorgien "im Namen Gottes" und einer zunehmenden säkularen Religionskritik. Auch die globale Brisanz des Themas war augenfällig: Hinter den drei "abrahamitischen" Weltreligionen stehen heute mehr als 55 Prozent der Menschheit. Es geht also um den Weltfrieden.

Zum Stück: Ausgerechnet im dritten Kreuzzug und am Schauplatz Jerusalem lässt Lessing den muslimischen Sultan Saladin, den jüdischen Kaufmann Nathan und einen christlichen Ordensritter erkennen: Jeder ist fehlbar, jeder aber auch liebesfähig, ja sogar Erbe einer gemeinsamen Familiengeschichte. Drei Männer stehen für drei Religionen.

Was die drei eint, ist ihre Gottes-und Menschenliebe und viel Glaubensgut. Was sie weit mehr einen sollte: Respekt voreinander, statt Überheblichkeit und Rechthaberei. Und Offenheit für die eigene Schuldgeschichte.

Lessing aber versucht noch mehr. Er bietet eine Antwort auf die Uralt-Frage: "Welche Religion ist die wahre?" Seine Botschaft: Um des Friedens willen muss die Wahrheitsfrage offen bleiben! Muss aus dem Streit um die "wahre" Religion ein "Wettstreit um das Gute" werden. O-Ton: "Es strebe jeder von Euch um die Wette mit innigster Ergebenheit in Gott."

Auswege aus der täglichen Brandgefahr

Hier wird es heikel, bis heute: Werden Religionen je auf ihren "Wahrheitsanspruch" verzichten können? Ist ihnen zumutbar, dass Gott, der "immer Andere", sein Antlitz durch verschiedene "Masken" hindurch scheinen lässt?

Einmal mehr geriet Lessings "Ringparabel" genau hier in Turbulenzen: Ja, keine Konfession habe einen Exklusivanspruch auf den rechten Heilsweg.

Aber auch: Nein, niemand dürfe den Wahrheitsanspruch des eigenen Glaubens verflüssigen. Der wahre Ring ist nicht verloren -jeder darf überzeugt bleiben, ihn alleine zu besitzen.

Gedankenschwer bin ich aus der Universität in den Alltags-Wahnsinn zurückgekehrt: Habe an einem TV-Drehbuch über gewaltbereite "Salafisten" weiter gewerkt. Habe von neuen antisemitischen Ausfällen und Christenverfolgungen gelesen. Auch von Attacken auf verschleierte muslimische Frauen.

Und frage mich seither: Kennt irgendwer Auswege aus der täglichen Brandgefahr, die realistischer wären als jene Lessings? Lösungsmodelle, die überzeugen können, dass Religionen nicht mehr entzweien, sondern zusammenführen?

Heinz Nußbaumer

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