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Ungehemmt

Franzobel erzählt von Nazidadaisten, gefährlichen Verlockungen und Argentinien.

Ein lächerliches Skelett aus Tulpitz-Knochen und jede Menge Nazienergieextrakte, krachendes orgiastisches Treiben in Olavarría, ein argentinischer Hilfsinspektor samt selbst modellierter Hackfleischgemahlin - an skurrilen Einfällen mangelt es in Franzobels neuer Wunderkammer der Exzentrik wahrlich nicht!

Die "Lusthausschen" Querfäden nach Südamerika haben sich diesmal zu einem ordentlichen, argentinischen Handlungsstrang verschweißt, in den einzelne historische Ereignisse des 20. Jahrhunderts rückstichartig hineingestickt werden. Wie ein Pendel schwingt er in regelmäßigen Bewegungen weit über Kontinent und Ozean hinweg nach Europa, genauer gesagt nach Österreich, wo Franzobel kräftig im Morast der Geschichte rührt und den braunen, gestockten Nazisatz ungeniert zu Tage fördert.

Morast der Geschichte

Wo anfangen? Angesichts der textualen Fülle von 644 Seiten stellt sich nun die Frage, wo hineinstechen und die Geschichte mit all ihren Abgründen und Tümpeln zum Fließen bringen? Ein groteskes Epos oder besser gesagt ein überbordendes Gemälde hat man da vor sich, in das die Figuren hineingestoßen werden und aus dem man sie dann irgendwann wieder brutal hinauskatapultiert, in dem sie sich entblößen, um ihr Innerstes, die Glut des Leiblichen und Fleischlichen, Begierden und Verlangen gemein nach außen zu stülpen. Franzobel leuchtet dabei beherzt ins Gedärm, in den finstersten Schmutz und lüpft schamlos die Bettdecke zu den stöhnenden Winkeln des Seins. Nazitumhausierer entlarvt er als Nazidadaisten und überhaupt ist klar, dass hier jede Harmonie aus den Fugen gerät.

Im Mittelpunkt der Geschichte steht zweifellos Oswald Mephistopheles Wuthenau, das so genannte "Nazinudelsuppenungetüm" mit Napolavergangenheit und "Naziherz", ein schillernder Provokateur und Aufschneider von so mächtiger Leibesfülle, dass er nicht einmal seine Zehen sehen kann. Im Herbst 1957 verschlägt es ihn aus Erbschaftsgründen nach Buenos Aires. Gerade einmal sieben Tage im Land wird er schuldlos des Onkelmordes verdächtigt. Der rothaarige, unbedarfte Ermittler mit dem langen Mutterschatten, der bald selber jede Menge Dreck am Stecken hat, lässt ihn ins Gefängnis werfen, wo er einen Frauenliebhaber mit heilenden Händen und einen Halbindianer kennen lernt, der ihm die Karten für die Zukunft legt. Diese verbindet ihn nach seiner baldigen Entlassung mit dem Zementfabrikanten und künftigen Schwiegervater Franz Schwammenschneider. Auch der sich nicht schuldig fühlende "Heiland der Vernichtung", Ricardo Klement alias Adolf Eichmann, zählt, wie andere ehemalige Nazis und die einstige Prostituierte Madlen, zu seinen Bekannten.

All diese Figuren bleiben einander verbunden, tauchen in den unmöglichsten Situationen quer durch Vergangenheit und Gegenwart wieder auf, finden zueinander, teilen mit anderen das Geheimnis einer wüsten Orgie, die mit einer brutalen Steinigung ihr Ende findet und zum zentralen Fluchtpunkt des Gewissens, zum Damoklesschwert der Rache wird. Dabei tastet Franzobel alles an, was hoch und heilig ist, und macht auch vor der Blasphemie nicht Halt.

Was hoch und heilig ist

Erzählt werden diese sieben voluminösen Kapitel dem gefangenen Neonazi-Zwitter Jahn vom jüdischen Liliputaner und Hypnotiseur Danny Milchman, der mit dem israelischen Geheimdienst in Argentinien die Spur Adolf Eichmanns aufgenommen hat, dann aber dort verblieben ist und das leitmotivisch wiederkehrende Rätsel des Diskus von Phaistos gelöst hat.

Ins Extreme und Entgrenzte

Rasch und wollüstig dreht sich Franzobels Figurenkarussell. Alles lehnt sich über das Normale hinaus, franst ins Extreme und Entgrenzte aus. Denn seine Figuren kriechen in Abgründen herum, bleiben Naziparolen schmetternd im Sumpf der Verharmlosung stecken und sind bar jeder Reflexion Gier und Trieben ausgeliefert. Erst am Schluss strömt alles der "Erlösung" zu, als "Schwammerl aus seiner Demenz erwacht" und alles "Verkommene, Krankhafte, Degenerierte" zur Sprache bringt. "Alle Gegenwart ist Travestie, tut in einer hochgespielten Überhöhung so, als ob sie sich seiner sicher wäre, spielt sich selbst, ist ausgehöhlt, geschminkt, Eskamotage. Eine befremdliche Parallelaktion, und alle machen mit. Alles Theater!"

Auch diesmal legt Franzobel wieder einen ungeheuren Einfallsreichtum an den Tag. Seine polternde Wortgewalt, die förmlich aus allen Nähten platzenden Sprachbilder, in die auch genug Österreichisches hineinfaschiert wird, wälzen sich mit immenser Wucht durch die Seiten. Aber insgeheim schnappt man beim Lesen ratlos und verstört ob der ewigen Wiederkehr des im Kern Gleichen, was auch die Asymmetrie im Denken und Handeln betrifft, ob der ausladenden, libidinös voll gestopften Geschichtsbündel nach Luft. Denn hier liegt uns ein totaler Wahnsinn zu Füßen, prall, ungehemmt, perfide und grotesk.

Das Fest der Steine oder die Wunderkammer der Exzentrik

Roman von Franzobel

Zsolnay Verlag, Wien 2005

652 Seiten, geb., e 25,60

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