Massenmord durch Gleichgültigkeit"

Um in Entwicklungsländern eine humanitäre Katastrophe durch Aids zu verhindern, werden enorme Anstrengungen nötig sein. Auch am Balkan und in der ehemaligen UdSSR drohen massive Probleme.

Die Furche: Stephen Lewis, UN-Sonderbeauftragter für Aids in Afrika, hat die Industriestaaten gewarnt, sie würden sich in Afrika des "Massenmordes durch Gleichgültigkeit" schuldig machen, wenn sie nicht mehr Geld zur Bekämpfung der Krankheit zur Verfügung stellten...

Wolfgang AichelburgRumerskirch: Das ist eine harte Aussage, aber ich muss ihr Recht geben. Man kann sich ja gar nicht vorstellen, welche Auswirkungen Aids hat. Zum Beispiel wird geschätzt, dass in Afrika die Lebenserwartung um elf Jahre sinkt.

Die Furche: Wie gehen die afrikanischen Regierungen mit der Aids-Problematik um?

Aichelburg-Rumerskirch: Ganz unterschiedlich. In Südafrika etwa wird sie einfach negiert.

Die Furche: Immerhin hat Südafrikas Regierung bei der Aids-Konferenz in Durban die Verteilung von Aids-Medikamenten versprochen (vgl. Interview mit Zackie Achmat, S. 4).

Aichelburg-Rumerskirch: Man kann nur hoffen, dass sie sich auch daran hält. Denn bisher war es sehr schwierig, dort Aids-Programme durchzusetzen. Im Gegensatz dazu haben Staaten wie Kenia oder Uganda viel gemacht.

Die Furche: Gerade Uganda wurde vor etwas mehr als zehn Jahren eine humanitäre Katastrophe, ausgelöst durch das HI-Virus, prophezeit. Sie ist nicht eingetreten. Was hat Uganda richtig gemacht?

Aichelburg-Rumerskirch: In Uganda ist tatsächlich die Zahl der Neuinfektionen zurückgegangen. Von staatlicher Seite wurde die Aidsproblematik erkannt und es wurden offensiv Aufklärungs- und Präventionsprojekte durchgeführt, die gewirkt haben. Allgemein sind Kampagnen in Afrika aber schwierig. Es stehen nicht die Kommunikationsmöglichkeiten zur Verfügung, die wir kennen. Die Analphabetenrate ist hoch, Zeitungen und Fernsehen gibt es in ländlichen Gegenden nicht. Aufklärung kann also nur im direkten Kontakt, vor allem in Schulen und Spitälern, funktionieren.

Die Furche: Aus welchen Faktoren setzt sich eine wirkungsvolle Kampagne zusammen?

Aichelburg-Rumerskirch: Aufklärung, Prävention und Medikamente sind sicher die wesentlichen Punkte. Eine große Bedeutung kommt auch der Implementierung von Familienplanung und Gesundheitsvorsorge in die Gesundheitspolitik der einzelnen Staaten zu. Aber nicht nur die Regierungen müssen handeln. Auch das Engagement von nichtstaatlichen Organisationen und der internationalen Gemeinschaft ist nötig.

Die Furche: Während in Afrika das Problem seitens der UNO und der Weltgesundheitsorganisation gezielt bekämpft wird, steigt am Balkan die Zahl der Neuinfektionen rasant...

Aichelburg-Rumerskirch: In den ehemaligen Sowjetstaaten hat man geglaubt, dass Infektionen hauptsächlich durch verseuchte Blutkonserven und Spritzen hervorgerufen werden. Man hat übersehen, dass die meisten Ansteckungen durch heterosexuellen Kontakt passieren. Aber auch die Weltgesundheitsorganisation hat die Zeichen der Zeit zu spät erkannt. Es bahnen sich nun ähnliche Probleme wie in Afrika vor 15 Jahren an. Die Aufklärung hat völlig versagt. Die Jugendlichen wissen zwar teilweise über die Krankheit Bescheid, haben aber keine Ahnung, wie sie sich schützen können.

Die Furche: Aus der europäischen Aids-Statistik hört man keine erschreckenden Zahlen mehr...

AichelburgRumerskirch: Aufgrund der Therapiemöglichkeiten ist die Todesrate in Europa massiv gesunken. Und es gab in den letzten Jahren keinen massiven Anstieg der Erkrankungsrate. Denn sie ist letztlich auch einfach eine Frage der Bildung.

Das Gespräch führte Claudia Feiertag.

Wolfgang AichelburgRumerskirch ist medizinischer Berater für Gesundheitsprojekte der Caritas; vorher beschäftigte er sich bei der African Medical Research Foundation (AMREF) mit dem Thema Aids.

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