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Ein brüllender Erlöser

Das Disney Fantasy-Epos "Die Chroniken von Narnia: Der König von Narnia", der erste Kinofilm nach dem Romanzyklus von C. S. Lewis, ist ganz nach dem Geschmack der religiösen Rechten in den usa.

Peter, der fesche blonde Prinz, absolviert die erste Schlacht seines Lebens, und zwar in leitender Position. In glänzender Rüstung sitzt er auf einem Schimmel, der eigentlich ein Einhorn ist. Der tapfere Knappe daneben ist sein Pferd gleich selbst: ein wackerer Kentaur - und seinem Herrn ergeben "bis in den Tod".

Wer immer schon sehen wollte, wie Kentauren galoppieren, wie sich Faune auf ihren Bocksbeinen gerade halten, wie ein sprechendes Biberpärchen ein Wolfsrudel überlistet oder wie der gutmütigste Löwe seit Clarence Kluges von sich gibt, kommt in "Der König von Narnia" auf seine Kosten.

Scheußlich, was der Armee der Guten an hässlichen Kreaturen gegenübersteht: Zyklopen mit faltigen Nacken sind darunter, schrecklich und kriegsgeil brüllt der Minotaurus. Die böse Hexe (beeindruckend: Orlando-Darstellerin Tilda Swinton), die das geheimnisvolle Land "Narnia" in einem hundertjährigen weihnachtslosen Winter gehalten hat, hebt sich mit ihrer wenn auch stark unterkühlten Erotik deutlich ab von dem Geschmeiß, das sie umgibt.

Kriegsfilm: Gut gegen Böse

Am Ende des Films beginnt also die Schlacht des "Guten" gegen das "Böse". Aslan, der Löwe mit der sanften Stimme, kann auch brüllen wie sein Kollege von Metro-Goldwyn-Mayer und wird die böse Zauberin mit einem raschen Löwenbiss erledigen. Es ist ein Kriegsfilm, begleitet von schweren Begriffen: Geschwisterliebe, Verrat, Treue, Opfer, Hoffnung, Tapferkeit, Sieg. Zunächst aber hebt der Prinz sein Schwert. Da steigt hinter dem Hügel eine ganze Armada geflügelter Wesen auf, bewirft den Feind mit Felsbrocken, sorgt für Verwirrung und erste Opfer.

Dass der Kampf mit einem Luftangriff beginnt, ist kein Zufall. Peter und seine drei Geschwister haben die deutschen Bombenangriffe in London erlebt. Ihr Vater kämpft im Krieg, die Mutter schickt sie aufs Land, wo das Leben sicherer scheint. Sie werden im Landhaus eines alten Professors untergebracht. Die Jüngste, Lucy, entdeckt an der Rückwand eines Kleiderschranks den Zugang zu einem winterlichen Land. Narnia leidet unter einem Zauber, bietet aber auch eine tröstliche Übersichtlichkeit. Das Böse hat einen Namen. Es ist bekämpfbar, und zwar nicht mit List und Gegenzauber, sondern mit purer Gewalt. Zwar verfällt Edmund, der schwierige Bruder, kurzfristig der kalten Königin und ihrer Verführung mit türkischem Honig ("Turkish delight") und wird zum Verräter. Insgesamt aber sind die "Guten" und die "Bösen" leicht auseinander zu halten - ein Dualismus, der sich in Londoner Bombennächten durchaus nahe legte.

Die Narnia-Mythologie lässt sich auch als eine Art "rite de passage", als Einweihung ins Erwachsenwerden interpretieren: In der Auseinandersetzung mit einer kalten Welt, die ihnen gleichwohl Bedeutung zumisst (eine Verheißung hat ihr Erscheinen in Narnia angekündigt), lernen die Kinder den Waffengebrauch, bringen ihre Welt zum Blühen und werden am Ende Könige und Königinnen, gelangen also in den Vollbesitz ihrer Fähigkeiten.

Zielgruppe Fundamentalisten

So weit, so mittelmäßig. Wer Fantasy mag, wird einiges an diesem Film schätzen, auch wenn all die Figuren aus Trickkiste und Computerkunst angesichts des recht vorhersehbaren Plots kaum abendfüllend sind.

Problematisch wird die Geschichte, wenn sie als christliche Allegorie gelesen wird. Nach dem überraschenden Erfolg von Mel Gibsons Blutorgie "The Passion of the Christ" scheinen sich christlich-fundamentalistische Kreise als Zielgruppe der Filmvermarktung nachhaltig zu empfehlen. Zuletzt stürmten die rechten Christen der usa die Kinovorstellungen des französischen Dokumentarfilms "Die Reise der Pinguine" und erkoren sich die drollig watschelnden Schwimmvögel gegen jede biologische Realität zu Vorbildern monogamer Treue.

Auch dieser erste von sieben Teilen der "Chroniken von Narnia" wird nun von der pr dem christlichen Publikum ans Herz gelegt. Zur Verwirklichung des Projekts hat neben dem Disney Konzern vor allem Walden Media beigetragen. Walden - mit dem christlichen Milliardär Phil Anschutz im Rücken - fördert Projekte, die Bildung mit Unterhaltung kombinieren, und bietet ein 17-wöchiges Narnia-Seminar für Kinder an.

Durcheinander von Mythen

Der Autor der Buchvorlage war der Literaturprofessor in Oxford und Cambrigde, C. S. Lewis, einer der profiliertesten christlichen Autoren seiner Zeit. Die Entwicklung der Geschichte begann seinen eigenen Angaben zufolge mit der Idee von einem Faun im Wald. Christliche Analogien seien erst im Lauf der Zeit hinzugekommen. In der von Kindern viel gelesenen Literatur mögen sie durchaus pädagogischen Wert besitzen.

Lewis' Freund, der "Herr der Ringe"-Autor J. R. R. Tolkien, hat die "Chroniken" wegen der Kompilation von mythologischen Motiven unterschiedlicher Herkunft übrigens nicht sehr geschätzt. Die Freundschaft der beiden soll darüber drastisch abgekühlt sein.

Wenn nun aber zwecks Erbauung christlicher Kreise der Film-Löwe Aslan vorbehaltlos als Christus-Analogie ausgeschildert wird, müssen Bedenken angemeldet werden. Aslan opfert sein Leben für Edmund, den Verräter. Er wird von der bösen Königin anlässlich einer Art Hexensabbat eigenhändig erdolcht. Aber der Zauber der Hexe ist nicht tief genug, der steinerne Opfertisch zerbricht und Aslan brüllt wieder, als wäre nichts gewesen. Den beiden Mädchen erklärt er, damit sei irgendwie der Tod selbst überwunden. Wie bitte? Auferstehung als Rückkehr ins irdische Leben, als Wiederaufnahme weltlicher Agenden - was in diesem Fall heißt: als Fortsetzung des Krieges? Das muss ein Missverständnis sein.

Begrenzte Verführungskraft

Überhaupt scheint diese Idee von einem löwenstarken Christentum nicht ganz geheuer. "We're getting stronger everyday, we're getting braver in every way, Hallelujah, here we come", heißt eine Songzeile auf einem fürs christliche Publikum adaptierten Soundtrack. Hier wird also ein brüllender, kriegerischer Erlöser beschworen - nicht ein Lamm, sondern ein Löwe, der "das Böse" (oder seine Achse?) bekämpft und dabei hervorragend in das Selbstverständnis gegenwärtiger amerikanischer Politik passt.

Muss noch dazu gesagt werden, dass diesseits des Kleiderschranks die Welt ein wenig komplizierter ist? Dass hier die "Guten" bisweilen foltern, ihren Gefangenen alle Rechte verweigern und völkerrechtlich nicht gedeckte Kriege führen? Ganz abgesehen davon sind hier - anders als in Narnia - bisweilen auch "die Bösen" fesch.

Zum Glück hält sich die Verführungskraft des Streifens sehr in Grenzen. Am Ende sind die Bösen besiegt, die Langeweile aber nicht. Und die Neugier auf Folge zwei bis sieben hält sich - zumindest aus der Sicht eines Erwachsenen - in engen Grenzen.

Der Autor ist Religionsjournalist beim orf-Fernsehen.

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