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Weg aus der Geschiedenenfrage

Walter Kasper, renommierter Theologe und Kardinal, machte im Februar vor seinen Amtsbrüdern in Rom mit einem Referat Furore. Der vom Papst gelobte Vortrag liegt nun auch als Buch vor.

Papst Franziskus reißt die Kirchentüren zu konstruktiver und starre Fronten aufbrechender Diskussion auf. Nichts unterstreicht diesen Befund besser als der Vortrag Walter Kaspers zum Thema Familie, die der emeritierte Kurienkardinal vor den versammelten Kardinälen und dem Papst am 20. Februar in Rom gehalten hat. Kaspers Ausführungen unter dem bezeichnenden Titel "Das Evangelium von der Familie“ hatten überschwängliches Lob von Papst Franziskus ausgelöst, der das Referat als "ausgezeichnet“ charakterisierte.

Beim Konsistorium am 20. Februar soll es neben dem Papstlob auch heftigen Widerspruch aus dem sehr konservativen Flügel des Kardinalskollegium gegeben haben - kolportiert wird, dass etwa der mittlerweile emeritierte Kölner Kardinal Joachim Meisner und der deutsche Kurienkardinal Walter Brandmüller die Kasper-Überlegungen ganz und gar nicht goutieren wollten.

Kardinal und profilierter Theologe

Schnell hat der Herder-Verlag den Vortrag Kaspers und seine abschließenden Bemerkungen vor den Kardinälen in Buchform herausgebracht. Wer wissen will, was sich in der Kirche ändern kann und in welche Richtung der Wind weht, dem sei die Lektüre dieses Büchleins dringend empfohlen.

Walter Kasper, 81, bis 2010 "Ökumene-Minister“ des Papstes ist ja weit mehr als ein Kurienfunktionär. Der u. a. in Tübingen lehrende Dogmatiker ist auch einer der profiliertesten Theologen nicht nur des deutschen Sprachraums. Die theologische Kompetenz, die Kaspers Vortrag von Anfang an durchzieht, wird es Kritikern schwer machen, denn der Kardinal belegt seine Argumente auch mit dem Verweis auf die Bibel und die Tradition bestens und zeigt gleichzeitig auf, wie sehr die Kirche in Gefahr ist, Scharen von Gläubigen zu verlieren, wenn sie gerade in Fragen von Ehe und Familie auf rigoristischer Position beharrt.

Kasper verweist aufs II. Vatikanum: Er vergleicht die Situation der Kirche in Bezug auf den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen mit dem Ringen des Konzils um die Ökumene und die Religionsfreiheit, bei denen auch Türen geöffnet worden seien, ohne die "verbindliche dogmatische Tradition“ anzutasten.

Vielen "einfachen“ Gläubigen ist ja längst klar, dass sich in der Geschiedenenfrage etwas tun muss, nur die offiziellen Amtsträger waren bislang nicht dazu zu bewegen, etwa die Nichtzulassung Wiederverheirateter Geschiedener zu den Sakramenten zu überdenken.

Einfachen Gläubigen ist längst klar

Kasper zeigt Wege auf, wie diese für viele drängende Fragen gelöst werden können. Dabei geht er von einer nüchternen Analyse aus, die die Familie nicht romantisiert und vor allem die strukturelle Krise, in der sich die Kleinfamilie befindet, benennt.

Bislang gestand die Kirchenleitung bei einer gescheiterten Ehe nur ein Verfahren zu, dass die Ungültigkeit der Eheschließung feststellt. Kasper macht aber darauf aufmerksam, dass dies von vielen nicht als akzeptabler Weg angesehen wird. Und er weist darauf hin, dass die auch von Papst Benedikt XVI. ins Spiel gebrachte "geistliche Kommunion“ für wiederverheiratete Geschiedene, die zur sakramentalen Kommunion nicht zugelassen seien, wenig am Problem löst, denn so Kaspers Argument, wer die geistliche Kommunion anbiete, müsse sakramentale zulassen. Der Kardinal spricht sogar davon, dass die rigorose Handhabung des Sakramentenverbots für wiederverheiratete Geschiedene eine "Instrumentalisierung“ des Sakraments sein könne: Warum sei Vergebung für einen Mörder möglich, für einen wiederverheirateten Geschiedenen jedoch nicht? Auch dafür führt er Beispiele aus der frühen Christenheit und bei den Kirchenvätern an, nicht zuletzt verweist er auch auf die Praxis der Ostkirchen.

Einen Weg zwischen "Rigorismus und Laxismus“ will Kasper. Er will dabei weder die Unauflöslichkeit der Ehe über Bord werfen, noch die Probleme leugnen, die rund um das Scheitern von Beziehungen heraufdrängen. Aber Kasper fragt weiter: "… wenn Kinder in Familien von wiederverheirateten Geschiedenen nie sehen, dass ihre Eltern zu den Sakramenten gehen, dann werden auch sie selbst im Normalfall den Weg zu Beichte und Kommunion nicht finden. Nehmen wir hierbei nicht in Kauf, dass wir auch die nächste und vielleicht auch die übernächste Generation verlieren?“

Theologe Walter Kasper bietet keine generelle Lösung an. Aber er ringt um Auswege aus der verfahrenen Situation der Geschiedenenpastoral, die auch eine Zulassung zur Kommunion möglich machen - Kasper denkt da u. a. eine Versöhnung mit einem ausgeprägten Bußcharakter an. Man atmet auf - und hofft, dass sich nun viele, sehr viele pastoral gesinnte Bischöfe Kaspers Zugänge zueigen machen.

Am 11. März, bei seiner Pressekonferenz zum ersten Pontifikatsjubiläum von Franziskus machte sich - auf Nachfrage der FURCHE - auch Kardinal Christoph Schönborn des Papstes Äußerung zu eigen, Kaspers Referat sei "ausgezeichnet“ gewesen. Zu genauerer inhaltlicher Bewertung ließ sich der Wiener Erzbischof da aber (noch?) nicht hinreißen.

Das Evangelium von der Familie

Die Rede vor dem Konsistorium. Von Walter Kardinal Kasper. Herder 2014.

96 Seiten, kt., e 12,40

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