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Religion

Zwischen Wahrheit und Hypothese

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Eine groß angelegte Schau in Rom über das vatikanische Geheimarchiv schreibt die gängige, aber falsche Überlieferung des Falls Galilei fort. - Ein österreichischer Physiker hält dagegen.

In der Ausstellung "Lux in arcana“ in Rom sind bisher nie öffentlich gezeigte Dokumente aus dem vatikanischen Archiv zu sehen (Kapitolinische Museen, bis 9. September). Leider ist einmal mehr der Prozess Galilei falsch dargestellt! Neben der Schrift aus der Hand Galileis, in der er sein "Abschwören“ erklärt, steht in der englischen Beschreibung lapidar, Galilei sei 1633 in seinem Prozess wegen Häresie verurteilt worden. Im offiziellen Katalog zur Ausstellung zum Fall Galilei steht zwar nichts Falsches, aber die Darstellung ist so missverständlich, dass man daraus durchaus auch den Schluss ziehen kann, der in der Ausstellung geboten wird.

Mich wundert die Haltung der katholischen Kirche in diesem Punkt. Die Meinung, Galilei sei wegen Häresie angeklagt und verurteilt worden, ist allgemein verbreitet, aber falsch. Die Kirche könnte für die Richtigstellung dieser allgemeinen Meinung arbeiten, anstatt sich für den historischen Fehler zu entschuldigen. Die "Rehabilitierung“ Galileis durch Papst Johannes Paul II. gehört meines Erachtens zu diesen überflüssigen Aktionen.

Kirchenpolitisch-theologische Feinheiten

Galilei wurde nämlich von vielen Kardinälen geradezu verehrt und verteidigt. Die kopernikanische Lehre von der Bewegung der Erde um die Sonne war nicht zur Häresie erklärt worden, weil sie eine wichtige Grundlage für die Kalenderreform des Papstes Gregor XIII. im Jahre 1582 war. Schon im 15. Jahrhundert hatte sich Nikolaus von Kues, Kardinal und Bischof von Brixen, Sorgen über den Kalender gemacht; wenn der Kalender falsch war, wurden die beweglichen Feste (wie Ostern, Pfingsten) nicht mehr zur rechten Zeit gefeiert. 1436 schlug er dem Konzil von Basel vor, zum Zwecke der einfacheren Neuberechnung des Kalenders anzunehmen, dass die Sonne im Mittelpunkt stehe und die Erde sich gemeinsam mit den anderen Planeten um sie bewege. Da dies aber einigen Bibelstellen aus dem Alten Testament widersprach, konnte es nicht ohne weitere Erklärungen akzeptiert werden. Die Kirche hatte eine geradezu geniale Idee, die schließlich zur Naturwissenschaft führen sollte: Sie unterschied zwischen Wahrheit und Hypothese!

Wer öffentlich gegen die Wahrheit sprach, musste mit der Strafe der Inquisition rechnen. Hypothesen dagegen durfte jeder beliebig aufstellen, weil sie lediglich nach praktischen Kriterien zu beurteilen waren. Verständlich, dass solche Feinheiten nicht von jedem verstanden wurden und Galilei in den unteren Rängen der Hierarchie viele Feinde hatte. So kam es schon 1616 zu einer ersten Begegnung mit der Inquisition; glücklicherweise war der Großinquisitor, Kardinal Roberto Bellarmin, ein Freund Galileis. Das Werk des Kopernikus wurde noch einmal von der Inquisition geprüft - Kardinal Bonifacio Caetani, verantwortlich für die Prüfung, schrieb: "Wenn es bei Kopernikus Passagen über die Bewegung der Erde gibt, die keinen hypothetischen Charakter haben, so sind diese als Hypothesen zu formulieren. Dann werden sie weder gegen die Wahrheit noch gegen die Heilige Schrift verstoßen.“

Galilei konnte das Entweder-Oder von Hypothese und Wahrheit nicht akzeptieren. Er wollte nicht, dass große Männer von ihm dächten, er akzeptiere die kopernikanische Lehre als bloße Hypothese, die nicht wirklich wahr sei. Also war er in einer Klemme, denn er wollte auch seine Freunde in der Kirche nicht verlieren. In dieser Situation fand er eine dialektische Lösung: Er erfand ein drittes Argument, um zwischen falsch und richtig zu unterscheiden: das Experiment.

Mit seinem Fernrohr hatte er die Phasen der Venus entdeckt und konnte nun deren Verlauf sowohl aus dem kopernikanischen als auch aus dem älteren ptolemäischen System vorhersagen. Ein Vergleich mit den Beobachtungen zeigte, dass die Vorhersagen des Kopernikus richtig, die des Ptolemäus hingegen falsch waren. Damit war das ptolemäische System experimentell widerlegt. Das war die Geburt der naturwissenschaftlichen Methode. Galilei sprach aber nicht von Wahrheit. Seine "Neue Wissenschaft“ konnte Kenntnisse und Wissen schaffen, sollte aber von Wahrheit deutlich unterschieden werden.

"… die Zuneigung, die ich für Euch hege …“

Im Jahre 1623 wurde Galileis Verehrer, Kardinal Maffeo Barberini, zum Papst Urban VIII. gewählt. Barberini wollte als Förderer der Wissenschaften in die Geschichte eingehen. Er hatte an Galilei, als dieser erkrankte, geschrieben: "Ich schreibe, weil Männer wie Ihr, die von großem Wert für das Allgemeinwohl sind, ein langes Leben verdienen, und ich bin dazu auch veranlasst durch das besondere Interesse und die Zuneigung, die ich für Euch hege, und durch die beständige Wertschätzung Eurer Person und Eures Werkes.“ Galilei fasste daher den Mut, seine Überlegungen zu den "beiden hauptsächlichen Weltsystemen“ in einem großen Buch darzustellen. 1630 war er fertig und sandte das Manuskript an die Inquisition in Florenz mit der Bitte um Druckerlaubnis. Nach einigen Änderungen und genauem Studium wurde sie ihm 1632 erteilt.

Warum der Papst noch im selben Jahr den berühmten Prozess forderte, ist bis heute nicht geklärt. Vermutlich waren es die Wirren des Dreißigjährigen Krieges, die ihn dazu veranlassten. Der Feind - die Schweden - steht an der Grenze Italiens, und der Papst befasst sich mit Wissenschaft! So waren wohl die Argumente seiner Gegner. Es soll im Vatikan zu Handgreiflichkeiten gegen den Papst gekommen sein, sodass die Schweizergarde eingreifen musste.

Die Sakramente Newtons

Das stieß aber auf Schwierigkeiten, weil Galilei ja die Druckerlaubnis der Inquisition eingeholt hatte. Also musste ein anderer Grund für den Prozess im Jahre 1633 gefunden werden: Die Anklage lautete auf Ungehorsam. Nicht alle Kardinäle des Richterkollegiums unterzeichneten das Urteil. Galilei erhielt Hausarrest und durfte in seine eigene Villa in Arcetri bei Florenz zurückkehren. Dort verfasste er sein zweites Hauptwerk über die Fallgesetze und die Mechanik. Während Galilei in seinem Werk über Kopernikus und Ptolemäus noch mit Gott argumentierte, kommt in seinem zweiten Hauptwerk Gott nicht mehr vor - wohl aus Gründen der Vorsicht.

Wahrscheinlich war das eine der schwerwiegenden Folgen des Prozesses Galilei: die Trennung von Naturwissenschaft und Religion, die Voltaire schließlich zur Ansicht führte, Physik sei nun die neue Religion. In einem Brief an den Physiker Maupertuis, der ihm die Newton’sche Physik erklärt hatte, machte er das deutlich: "Ihr erster Brief hat mich auf die neue Newton’sche Religion getauft, Ihr zweiter hat mir die Firmung gegeben. Ich bleibe voller Dank für Ihre Sakramente. Verbrennen Sie, bitte, meine lächerlichen Einwürfe. Sie stammen von einem Ungläubigen. Ich werde auf ewig Ihre Briefe bewahren, sie kommen von einem großen Apostel Newtons, des Lichts zur Erleuchtung der Heiden.“

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