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Zentrale Vertreterin des Expressionismus

Eine auffallende, hübsche Frau mit großem, breitkrempigem Hut. Sie trägt ein weißes Kleid, gerahmt von einem lila Schal, ihr Kopf ist dem Betrachter zugewandt, ihr freundlicher Blick trifft uns direkt. Der knallgelbe, fast goldfarben wirkende Hintergrund lässt uns eine Sekunde lang an Klimt denken. Die Farbe ist in breiten Pinselstrichen aufgetragen. Das Bild strahlt, die Farben erstaunen, denn das Gesicht ist mitnichten rosé-farben, sondern rötlich-pink, grün und gelb, das Weiß der Augen ist hier blau. 1909 hat Gabriele Münter dieses Bild gemalt, die Frau mit dem breiten Hut ist ihre Freundin Marianne von Werefkin, selber Künstlerin und damals Lebensgefährtin von Alexej von Jawlensky. Ein Jahr zuvor hatte Münter ihre eigene Malhandschrift gefunden, weg von impressionistisch anmutenden Anfängen. Und sie hatte nach langen Reisen im bayrischen Dorf Murnau am Staffelsee ein Haus gekauft und ein Zuhause gefunden -gemeinsam mit Wassily Kandinsky.

Herablassendes Wohlwollen

Geboren wurde Gabriele Münter 1877 in Berlin als jüngstes der vier Kinder von Carl-Friedrich Münter, einem "Amerikanischen Dentisten und Hof-Zahnarzt", und seiner amerikanischen Frau Wilhelmine (Münter war als junger Mann in die USA ausgewandert)."Dass meine Vorfahren mir die künstlerische Begabung mitgegeben hätten, lässt sich weder nachweisen noch herausdeuten", betonte Münter stolz und dass die "frühe Neigung zum Zeichnen" ganz aus ihr selbst kam. Denn noch im 19. Jahrhundert kamen die wenigen erfolgreichen Künstlerinnen meist aus Künstlerfamilien, ausgebildet von Vätern oder Brüdern. Die damalige Haltung gegenüber Künstlerinnen war, freundlich gesagt, von herablassendem Wohlwollen durchdrungen. So stellte der Kunstgelehrte Ernst Guhl 1858 die bezeichnende Frage, "ob und inwieweit das weibliche Geschlecht zur Ausübung der Kunst berechtigt sei." Eigenschöpferische Kraft wurde Frauen abgesprochen, wenn überhaupt, waren sie zur Nachbildung der Natur geeignet. Ausbildung war nur im privaten Einzelunterricht oder an einigen privaten Kunstakademien möglich. Münter begann ihre Studien in Düsseldorf, privat, beim norwegischen Landschaftsmaler Morten Müller.

Finanziell war sie relativ unabhängig, ihr Vater war schon 1886 verstorben. Nach dem Tod der Mutter 1897 unterbrach Gabriele Münter ihre Ausbildung und bereiste zwei Jahre lang mit ihrer Schwester die USA -auf den Spuren der Mutter. Sie zeichnete viel und fotografierte. Einige dieser in den USA entstandenen Fotos sind nun erstmals zu sehen. Sie sind von erstaunlicher Qualität und verweisen auf ihre spätere Malerei. Es finden sich Landschaften, Porträts von Verwandten, darunter etliche Variationen ein und desselben Bildmotivs - ein Arbeitsprinzip, das in ihrer Malerei sehr wichtig werden sollte. Schön die Fotos, die kleine Mädchen bei einer Art Theateraufführung auf der Straße zeigen, die Fotosequenz gemahnt an die damals neue Erfindung der Kinematografie -Münter war zeitlebens eine leidenschaftliche Kinogängerin (nicht umsonst kann man in der Ausstellung einige ihrer Lieblingsfilme sehen). Nach ihrer Rückkehr aus den USA und einem Intermezzo im Rheinland kam sie 1901 nach München.

Ein Jahr später hatte sie erstmals das Gefühl, als Künstlerin ernst genommen zu werden -an der privaten Kunstakademie "Phalanx", von ihrem Lehrer Wassily Kandinsky. Ein Stillleben von ihr erregte Aufsehen und sie "wuchs dazu heran", wie sie rückblickend feststellte, auch die "Farbe" so "selbstverständlich und unangestrengt" zu beherrschen wie die Linie. Rasch wurden sie und der noch verheiratete Kandinsky ein Paar. Künstlerisch profitierten beide von der ansonsten nicht immer einfachen Beziehung, die bis 1915 währen sollte. Anders als Marianne von Werefkin, die zugunsten Jawlenskys ihre persönlichen Ambitionen zurückstellte, ging Münter zielstrebig ihren eigenen künstlerischen Weg. Und sie war erfolgreich. 1907 stellte sie erstmals aus -in Paris, beim "Salon des Indépendants". 1908 hatte sie ihre erste Einzelausstellung in der Kölner Galerie Lenobel.

"Ich sah und malte" - Sommer 1908

Die Jahre bis zum Ersten Weltkrieg waren prägend für sie -besonders das Jahr 1908. Den Sommer verbrachten sie und Kandinsky in Murnau -noch nicht im eigenen Haus, zusammen mit Werefkin und Jawlensky. Bunte Häuser im Vordergrund, eine zackige, blau getönte Bergkette und ein dramatischer Himmel, angedeutetes Sonnenlicht, all das mit breitem Pinselstrich erfasst. Der Titel des Bildes: "Vom Griesbräu-Fenster." "Deprimiert", schrieb sie später, stand sie am Fenster des Gasthofs Griesbräu, als ihr "ein Knopf aufging" -"die Augen waren aufgegangen, ich sah und malte." Tatsächlich wechselte sie fast übergangslos von einer spätimpressionistischen Malweise und kleinen Pinselstrichen zu vereinfachten Formen und großen Flächen -viel mehr von Jawlensky beeinflusst als von Kandinsky, der sich in Richtung Abstraktion bewegte. In der Retrospektive wird Münters Werk thematisch und nicht chronologisch präsentiert - die Kuratoren wollten das Augenmerk auf die Vielschichtigkeit ihrer Arbeit richten und biografische Deutungen vermeiden. Wesentliche Themen sind Landschaft, Interieurs, Porträts, Wiederholungen und Variationen von Bildmotiven sowie "primitive" Kunst: Kinderzeichnungen und Volkskunst.

Wiederholungen und Variationen

Besonders beeindruckend das Bild "Kahnfahrt" von 1910, ein Porträt, Genre-und Landschaftsbild in einem: Kandinsky steht im Kahn, vor ihm sitzen Marianne von Werefkin und Jawlenskys Sohn, Münter selbst ist von hinten beim Rudern zu sehen. Das Bild wirkt durch die kräftigen Farben und die klare, fast geometrisch anmutende flächige Konstruktion. Gerne hat Münter erweiterte Porträts gemacht, also ganze Szenen eingefangen. Wunderbare Beispiele dafür sind das Bild "Zuhören", eine schöne Charakterisierung Jawlenskys, sitzend an einem Tisch, und ein Porträt Paul Klees in weißer Hose, "aufgenommen", möchte man fast sagen, 1913 im Münchner Wohnzimmer Münters und Kandinskys.

Bemerkenswert sind die Wiederholungen und Variationen, sie laden zum ganz genauen Hinsehen ein. "Manchmal male [ich] ein Bild immer wieder (bis 7 mal) bis ich mit dem Resultat zufrieden bin oder nicht mehr weiter kann" - meist tat sie das in kurzen Abständen, mitunter griff sie ein Motiv nach Jahren wieder auf.

Bei einer Nachkriegsausstellung von Werken des "Blauen Reiters" taucht sie als Randfigur auf, die sich laut Katalog keine "künstlerischen" Probleme gestellt hat in ihrer "einfachen und naturhaften" Kunst, "unbekümmert um Prinzipien, Komposition und Zeichnung" - eine totale Verkennung ihrer komplexen, genauen und stringenten Arbeitsweise. Ihr späterer Lebensgefährte, der Kunsthistoriker Johannes Eichner, schlägt in eine ähnliche Kerbe, wenn auch wohlwollend, als er in seinem Buch "Kandinsky und Münter" Kandinsky mit Attributen wie kühn beschreibt, Münter jedoch auf die "Ursprünglichkeit in ihrem Wesen" reduziert, "zugewandt den Grundzügen des Menschlichen, des Einfachen." Ihr Talent, so die Kuratoren der schönen Retrospektive, "eine für sie interessante Szene visuell schnell zu erfassen und ihr eine Klarheit des Ausdrucks zu verleihen, verdichtete sich im Klischee der spontan und intuitiv schaffenden Malerin." Das Vertrackte daran: Sie selbst bediente sich gerne dieses Klischees. "Was an der Wirklichkeit ausdrucksvoll ist, hole ich heraus, ohne Umschweife, ohne Drum und Dran." In ihrer langen Laufbahn entstanden nicht nur Meisterwerke, so manche Bilder aus den 20er-Jahren wirken zu glatt, zu sehr dem damaligen Zeitgeist angepasst. Subjektiv am schönsten sind ihre nur auf den ersten Blick einfachen plakativ-farbenfrohen Landschaften, einzelne Porträts und Momentaufnahmen wie das wunderschöne "Stilleben in der Trambahn (Nach dem Einkauf)" von 1912, eine Art Nahaufnahme einer sitzenden Frau samt Handtasche, Paketen und Blumenstock.

Gabriele Münter: Malen ohne Umschweife Museum Ludwig, Köln. Bis 13.1.2019 Di bis So: 10-18 Uhr (1. Do im Monat: bis 22 Uhr) www.museum-ludwig.de

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