Vom Idyll zu Zerfall und Chaos

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Vom frühen Expressionismus bis in die achtziger Jahre - die Kunsthalle Krems versammelt die Creme de la Creme der Moderne: "Von Macke bis Picasso".

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Vom frühen Expressionismus bis in die achtziger Jahre - die Kunsthalle Krems versammelt die Creme de la Creme der Moderne: "Von Macke bis Picasso".

Expressiv strahlende Farben beherrschen momentan die Kunsthalle Krems. "Von Macke bis Picasso" zeigt rund 200 Werke aus der Sammlung des Museums am Ostwall. Die anno dazumal bahnbrechenden Bilder Künstlervereinigungen "Brücke" und "Blauer Reiter" überstrahlen noch heute ihre Rahmen. Die Creme de la creme der Moderne ist hier versammelt: "Brücke"-Prominenz Ernst Ludwig Kirchner, Erich Heckel, Karl Schmidt-Rottluff ebenso wie Emil Nolde, August Macke, Max Pechstein oder Otto Mueller. Sie legten ab 1905 den expressiven Grundstein zur modernen Malerei, wie sie sich weiter entwickelte, kann man in Krems sehen.

In einem historisch aufgebauten Gang lassen sich wesentliche Strömungen bis zur Bewegung des "Informel" und vereinzelten "Neuen Wilden" der achtziger Jahre verfolgen. Gekonnt ausgeleuchtet und inszeniert, bezaubert August Mackes flächenmäßig größtes und bedeutendstes Werk im ersten, mutig grüntürkis ausgemalten Raum. Formal ist Mackes "Großer Zoologischer Garten" wie ein Tryptichon aufgebaut, dargestellt wird aber nur eine Szene. Meisterlich lenkt Macke den Blick von Mutter mit zwei Töchtern in der Bildmitte zur Antilope rechts, die ihn lakonisch aus dem Gemälde zurückwirft. Die Eintracht zwischen Mensch und Tier in diesem poetischen Bild scheint paradiesisch.

Die unschuldige Schönheit des Garten Eden kann die Kunst im Schatten der Weltkriege und des Holocaust nicht mehr finden. Schon Ernst Ludwigs Kirchners "Dorf mit blauen Wegen", "Stafealp bei Mondschein" oder der "Graue Kater auf Kissen" widersetzen sich in komplementär expressiven Farben, beängstigenden Perspektiven und vehementer Pinselführung dem Idyll. Sein "Wasserfall bei Davos" zeigt Zerfall und Chaos. In Paula Modersohn-Becker ist eine Künstlerinnenpersönlichkeit zu entdecken. Der hierzulande eher unbekannte Alexander Kanoldt entpuppt sich als Meister der strengen, ruhigen, räumlichen Komposition. Die singuläre Stellung des frühen Oskar Kokoschka wird deutlich. Reizvoll kontrastreich ist die Gegenüberstellung der grafischen Arbeiten des zynischen Max Beckmann und der sozial engagierten Käthe Kollwitz. Beißend kritische Satire prallt auf gefühlvolle Appelle. Beckmanns suggestive Kraft im Farbbild zeigt sich in "Selbstbildnis mit Zigarette" und "Afternoon". Christian Rohlfs, Max Pechstein, Emil Nolde, Max Ernst, Otto Mueller, Alexej von Jawlensky mit seinen abstrakten Köpfen und Meditationen sind nur einige aus dem "Who is Who" der Kunstgeschichte, die hier zu sehen sind. Der titelgebende Picasso findet sich mit einem liegenden Akt, auch in der jüngeren Vergangenheit bietet man bekannte Namen:Marcel Duchamp, Jean Tinguely, Georg Baselitz.

Verpackte Sektflaschen von Christo aus dem Jahr 1963, Pol Burys kinetisches Objekt, oder Gerhard Hoehmes "NiCePA.Te, 1968" verlassen das Tafelbild und erobern den Raum. Eine besonders lyrische Skulptur stammt von Man Ray: "Obstruction" bildet ein Perpetuum mobile aus hölzernen Kleiderbügeln. Ein solcher ist auch Bestandteil eines anderen Werks der jüngeren Vergangenheit. Großmeister Joseph Beyus hat seinen "Filzanzug" 1970 auf einem Exemplar des "Pelzhauses Morgenroth" aufgehängt. Vom dräuenden Morgen bis zum frühen Abendrot des Heute streift "Von Macke bis Picasso" die Malerei der Moderne über Picasso hinaus.

Bis 30. September

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