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Dürer und Blauer Reiter

Die Wiener Graphische Sammlung Albertina feiert den 500. Geburtstag Albrecht Dürers mit einer sehr wesentlichen Ausstellung, die zum erstenmal sämtliche Zeichnungen und Aquarelle in ihrem Besitz präsentiert. Sie umspannen das ganze Leben des Nürnberger Meisters vom Selbstbildnis des Dreizehnjährigen bis in die Jahre vor seinem Tode und geben ein eindringliches Bild von seiner Persönlichkeit, mehr und deutlicher als je seine Bilder vermöchten. Seine künstlerische Herkunft aus der Welt der Spätgotik wird deutlich, seine revolutionäre Entdeckung der Landschaft im Gefolge der Italienreisen von 1494 und 1505, die ihm einen entscheidenden Zufluß von Formvorstellungen und Ideen vermittelten. Durch Dürer kamen dann Formenwelt und Gedanken der italienischen Renaissance über die Alpen, während er von nun an nach dem Vorbild von Mantegna, Leonardo und Giovanni Bellini (den er in Venedig kennengelemt hatte), bewußt die wissenschaftliche Seite seiner Kunst und den Umgang mit den deutschen Humanisten seiner Zeit pflegte. Man kann, wie die Ausstellung zeigt, von einem inneren Drama seiner Kunst sprechen, das im Spannungsverhältnis zwischen seinem nordischen Individualismus mit den idealistischen, neuplatonischen Formvorstellungen und Gedanken des Südens besteht, die Früchte einer anderen, älteren Tradition sind. Die Größe und Bedeutung Dürers liegt offensichtlich darin, daß er als Künstler in einer Zeitenwende diesen Gegensatz erkannte, sich ihm stellte und in der Bemühung um seine Überwindung als weithin befruchtender Mittler wirkte.

Eingeführt wird man in die Ausstellung durch das aus Nürnberg übernommene „Dürer-Studio“, das, mit Hilfe von Projektionen, Vergrößerungen, technischen Behelfen und Modellen versucht, in handwerkliche Voraussetzungen ästhetische und gedankliche Erwägungen des Künstlers einzuführen. Wir wollen auch nicht versäumen, auf den ausgezeichneten Katalog hinzuweisen, der einem für immer den Reichtum der Ausstellung vermittelt, ferner auf die verlegerische Glanzleistung des Salzburger Residenz-Verlages, der nun sämtliche Dürerzeichnungen und Aquarelle der Albertina in einem mit Vergleichsbeispielen reich ausgestatteten Band und mit ausführlicher wissenschaftlicher Barbeitung durch Alice Strobl und Walter Koschatzky herausbrachte.

Anläßlich der Wochen „München in Wien“ veranstaltete die Städtische Galerie München in der Wiener Secession eine Sonderausstellung von Werken der Künstlergruppe „Der Blaue Reiter“, die wieder einmal die revolutionäre Bedeutung dieser von München vor 1914 ausgehenden Bewegung verdeutlicht. In Kandinsky besaß sie einen der Väter der gegenstandslosen Malerei und in Franz Marc und in Paul Klee die Pioniere der lyrischen Abstraktion. Die erste Ausstellung des „Blauen Reiters“, der seinen Namen der Liebe von Kandinsky für Reiter und der

Marcs für Pferde und ihrer gemeinsamen Liebe zur Farbe Blau verdankt, fand vom Dezember 1911 bis zum Jänner 1912 in der Münchner Galerie Thannhauser statt und wurde von der Veröffentlichung des großen Almanachs bei Piper und einer zweiten Ausstellung im März und April ebenfalls bei Thannhauser im Jahre 1912 gefolgt.

Die Ausstellungen umfaßten Namen wie Henri Rousseau, David und Wladimir Burljuk, Albert Bloch, Heinrich Campendonk, Robert Delaunay, Kandinsky, Marc, August Macke, Gabriele Munter, Arnold Schöberg, Hans Arp, Georges Braque, Andrė Dėrain, Erich. Heckei, E. L. Kirchner, Paul Klee, Emil Nolde, Pablo Picasso und Alfred Kubin die längst Kunstgeschichte geworden sind. Wie die Wiener Ausstellung deutlich zeigt, entwik- kelte sich Kandinsky vom Jugendstil über einen dekorativen Fauvismus zu seinen „Improvisationen“ und „Impressionen“, zur Gegenstandslosigkeit, während Marc von Gauguin und der Volkskunst herkam. Klee gelangte von einem exakten Naturstudium bereits im „Steinbruch von Ostermundingen“ (1908) zu einer erstaunlich freien Umsetzung, die er dann mit Anklängen an Kinderzeichnungen und Graffltti in seine lyrischen Assoziationen verwandelte, während Macke Anregungen Delaunays aufnahm. Kubins Blätter zeigen die Wandlung von einem von Ensor, Goya und Munch beeinflußten Stil zur eigenen Aussage, während bei dem Amerikaner Bloch die Wirkung des Futurismus, bei BechtejefE und Burljuk die Umsetzung des Orphis- mus zu spüren ist.

Nicht alle Bilder, die einen Wendepunkt der europäischen Kunst markieren, sind frisch und lebendig geblieben, am ehesten jene von Jaw- lensky und hier das schöne „Stilleben mit Früchten“ und die „Spanierin“. Eine aufschlußreiche und sehenswerte Ausstellung.

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