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Als Priester das Land regierten

In seinem Buch „,Heil Hitler‘ – Pastoral bedingt“ beschreibt der Grazer Kirchenhistoriker Maximilian Liebmann die Entwicklungen vom Politischen Katholizismus eines Ignaz Seipel (im Bild anno 1923 mit Kardinal Piffl) bis hin zum „Pastoralkatholizismus“ nach 1945.

Der Grazer Kirchenhistoriker beschäftigt sich in seiner knappen, leicht lesbaren Studie „‚Heil Hitler‘ – Pastoral bedingt. Vom Politischen Katholizismus zum Pastoralkatholizismus“ mit einer sensiblen Materie, die in ihren Auswirkungen da und dort immer noch nachwirkt: „Politischer Katholizismus“ sowie „Pastoralkatholizismus“ – im Austrofaschismus, unter dem Nationalsozialismus und im wiedererstandenen demokratischen Österreich.

Für jüngere Zeitgenossen ist es heute kaum mehr nachvollziehbar, dass Priester einmal Bundeskanzler, Außenminister und Parteiobmann (Ignaz Seipel) oder Sozialminister (Theodor Innitzer) werden konnten. Der Kardinalerzbischof begrüßte die Ausschaltung des Parlaments und die Errichtung einer autoritären Diktatur ausdrücklich. Der Austrofaschismus konnte auf die katholische Kirche als einen ihrer Stützpfeiler zählen.

Tragische Berufung auf Bibel

Ignaz Seipel wurde zu dem Exponenten des Politischen Katholizismus. Als sich im März 1933 der Ständestaat etablierte, gewann die katholische Kirche eine Reihe von im Kulturkampf verloren gegangenen Privilegien zurück. Ein Konkordat mit dem Vatikan kam im Juni 1933 zustande. Mit ihrem „Jahrhundertbeschluss“ vom 30. November 1933 sagten sich die Bischöfe vom Politischen Katholizismus los und konnten „alle politisch, d. h. parteipolitisch tätigen Priester aus der Politik zurückbeordern“. In der katholischen Kirche fanden Austrofaschisten mindestens moralisch einen Bündnispartner. Tragisch erwies sich dabei die Berufung auf das Neue Testament: Jede obrigkeitliche Gewalt sei als von Gott her gegeben, weswegen Widerstand (gegen Hitler) als kirchlich verboten galt.

Abgelöst wurde der Politische Katholizismus vom Pastoralkatholizismus. Namen wie Heinrich Swoboda, Karl Handloss, Karl Rudolf und Michael Pfliegler (die beiden letzteren waren die Begründer des „Bundes Neuland“) sind damit verbunden: Priester, die zu echten pastoralen Pionieren wurden.

Pfarrgemeinde als Keimzelle

Die Katholische Aktion begann sich zu formieren. Auf dem „Wiener Pastoralkonzil“, das im Jänner 1935 tagte, wurden die Grundsätze künftiger Pastoral formuliert. Die „Pastoraldoktrin“ favorisierte, idealisierte und monopolisierte die Pfarrgemeinde als Keimzelle der Kirche, proklamierte den Diözesanbischof zum obersten „Führer“ und bewirkte die Absorbierung der Vereine von der KA. „Grundlegend“ gilt nach Liebmann, „daß der im Austrofaschismus entwickelte Pastoralkatholizismus mit seiner klaren Pastoraldoktrin für die Kirche und ihr Verhalten unter dem NS-Regime und diesem gegenüber äußerst hilfreich war“.

„ … und Heil Hitler“

Breiten Raum nimmt in Liebmanns Buch deswegen die NS-Zeit ein: Innitzers Aufwartung bei Hitler am 15. März 1938; seine „und Heil Hitler“-Paraphe im Begleitbrief zur Erklärung der Bischofskonferenz in Sachen Volksabstimmung (wofür ihn Pius XI. nach Rom zitierte); die Jugendandacht vom 7. Oktober 1938 im Stephansdom, an die sich nach der Predigt Innitzers spontan eine politische Demonstration anschloss – was erste massive Übergriffe der NS-Behörden nach sich zog. „Juden“ waren zwar offiziell „kein Thema“. Doch wird fairerweise an den Kardinal als „Freund der Juden“ und die „Erzbischöfliche Hilfsstelle für nichtarische Katholiken“ erinnert.

Der Abschnitt über den Pastoralkatholizismus nach 1945 hinterlässt seiner Tendenz nach einen merkwürdigen Beigeschmack, jedenfalls beim Nichthistoriker. Holzschnittartig wird jeder „Aufbruch“ (gegen die KA) einseitig dem Cartellverband (CV) zugeschrieben. Sind die Rollen, die dabei Michael Pfliegler, Karl Rudolf, Otto Mauer oder Ferdinand Klostermann spielten, objektiv dargestellt? Und Karl Rahner SJ: Kann man behaupten, er hätte Otto Mauer widersprochen? Eine Debatte wurde damals in der Jesuitenzeitschrift „Der große Entschluß“ geführt, zu der Rahner die Beiträge „Über das Laienapostolat“ und „Nochmals: das eigentliche Apostolat der Laien“ beigesteuert hat. Aus dem Kontext gerissen wirken die Überlegungen des Innsbrucker Jesuiten (der von 1939 bis 1944 kriegsbedingt im Wiener Exil lebte und eng mit Karl Rudolf zusammenarbeitete) als einseitige Parteinahme. Die Berücksichtigung der Hinweise in den „Sämtlichen Werken“ (SW 16, Freiburg 2005) wäre nützlich gewesen.

Nach dem Wiener Pastoralkonzil, so das Fazit Liebmanns, habe man sofort begonnen, „aus der demokratisch strukturierten KA die autoritär-hierarchische KA zu schaffen“. Stimmt das so pauschal?

* Der Autor ist Chefredakteur der „Stimmen der Zeit“ in München sowie Leiter des Karl-Rahner-Archivs

„Heil Hitler“ – Pastoral bedingt

Vom Politischen Katholizismus zum Pastoral-katholizismus.

Von Maximilian Liebmann, Böhlau Verlag, Wien 2009. 100 S.,

geb, e 25,60

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