Ganz Österreich ist zugepflastert mit materialgewordenen Häuselbauerträumen, nur in Vorarlberg leisten engagierte Baukünstler seit Jahren erfolgreich Widerstand gegen die Verschandelung der Landschaft. Vorarlberg gilt als regionales Zentrum der Architektur in Europa, es hat die höchste Dichte an Energiesparhäusern in Österreich. Das liegt an hohen Förderungen. Die Vielzahl qualitativer, ökonomischer, moderner und schöner Bauten machte die Heimat des Bregenzer Wälderhauses zur Pflichtdestination für Architekturtouristen.

Ausgerechnet hier, wo es weder eine Universität, noch eine spezifische Architektenausbildung gibt, herrscht, wovon man in Restösterreich nur träumen kann: breite Akzeptanz für ausgesprochen hohe Baukultur.

Der Beginn der "Vorarlberger Bauschule" liegt in den sechziger Jahren. Damals trafen sich scharenweise Literaten, Maler, Bildhauer, Objektkünstler, Architekten, Musiker, Journalisten, Lehrer, Grafiker, Intellektuelle. Als Gegenbewegung zum offiziellen Festspielreigen veranstalteten sie die "Randspiele" oder "Wäldertage". Auf dem fruchtbaren Nährboden unkonventioneller Alternativkultur gediehen Kontakte und Beziehungen, die zum guten Gesprächsklima zwischen Architekten, Baumeistern, Handwerkern, Bauherren und vielen bemerkenswerten Häusern führten.

"Unsere Auftraggeber waren kulturell orientierte Personen mit sozialem Engagement," sagt Wolfgang Ritsch, wesentlicher "Vorarlberger Baukünstler" und Obmann des Vorarlberger Architekturinstituts. "Wir haben traditionell einen hohen Anspruch an Baukultur, sind dialogbereit und nehmen unsere Bauherren ernst. Viele Projekte der achtziger Jahre wären ohne engagierte Bauherren nie zustande gekommen!" Das Architekturwunder Vorarlberg geht bereits in seine dritte Generation, ohne Ermüdungs- oder Abnutzungserscheinungen zu zeigen. Holzbau, Selbstbau, Mischbau, Energiesparen, größere, öffentliche Bauten: die Szene entwickelt sich immer weiter. "Bei uns gibt es ein Phänomen: die Architekten sprechen miteinander! Baukultur ist Lebenskultur, keine Elitekultur. Wir gehen handwerklich und nicht realitätsfremd an die Sache heran," sagt Ritsch. Architektur wird als Dienstleistung gesehen, kollegialer Kritik steht man offen gegenüber: "Das ist der Schlüssel zu höherer Qualität."

Einer der Pioniere war Architekt Hans Purin, seine Siedlung "Auf der Halde" in Bludenz bot schon Mitte der sechziger Jahre die Möglichkeit zum Selbstbau. Höchstmögliche Ökonomie der Mittel, Verwendung traditioneller Holzbautechnik, industrielle Fertigteile und das hohe Niveau lokaler Handwerker spielten eine wesentliche Rolle. Purin hat bei Roland Rainer, dem vehementen Verfechter des verdichteten Flachbaus studiert. Rainers Auseinandersetzung mit anonymer Architektur, ihre Umsetzung in modernes Bauen beeinflussten Hans Purin und Jakob Albrecht. Mit Rudolf Wäger, Gunter Wratzfeld, der Architektengruppe C4 (Fohn, Pfanner, Sillaber, Wengler) und Leopold Kaufmann bildeten sie den Kern der "Vorarlberger Bauschule", der die hochstehende Bautradition des Wälderhauses zeitgemäß fortsetzte. Ein anderer früher Markstein war die Siedlung "Ruhwiesen", ein reiner Holzskelettbau von Rudolf Wäger. Die damals billigsten Reihenhäuser Österreichs wurden erstmals von Wohnungssuchenden eigenverantwortlich errichtet.

Ökonomie und Autonomie sind Schlüsselwörter zum Vorarlberger Erfolg, revolutionär und solidarisch der Geist, der hier kreativ wirkt. "Das Vorarlberger Baugesetz wurde 1970 ganz einigartig entrümpelt. Es ist das liberalste in Österreich. Bei uns kann jede Hausfrau eine Baueingabe machen, wenn sie vernünftig ist. Es gibt keinen Schutz der Ziviltechniker. Die Behörde prüft, und verlässt sich nicht blind auf Experten", sagt Ritsch.

Holz und Niedrigenergie

1984 eskalierte ein für einige existenzbedrohender Streit mit der Architektenkammer, weil die meisten Vorarlberg "unbefugt" ohne die vorgeschriebene Kammermitgliedschaft bauten. Man blieb solidarisch und gründete den Verein "Vorarlberger Baukünstler". Wolfgang Ritsch, Roland Gnaiger, Walter K. Holzmüller, Wolfgang Juen, Markus Koch, Helmut Kuess, Sture Larsen, Norbert Mittersteiner, Hans Purin, Bruno Spagolla, Walter Unterreiner, Rudolf und Siegfried Wäger, Carlo Baumschlager und Dietmar Eberle zählten dazu. Noch während des Studiums der Planer baute die "Cooperative" die Wohnanlage "Im Fang", einen Holzskelettbau, bei dem bis auf Skelett, Dachdeckung, Spengler und Installationsarbeiten alles in Eigenleistung von den Bewohnern gebaut werden konnte. Die "Wohnanlage Nachtgärtle" von Wolfgang Juen zählt zur konsequentesten Umsetzung gemeinschaftlichen Wohnens mit Waschküche, Kinderraum und Sauna. Ein Fünftel baute die Eigentümergemeinschaft selbst, der Architekt gehörte dazu.

"Mein Onkel Leopold war einer der Pioniere. Damals begannen Architekten, Autodidakten, Zimmermänner mit guten Ideen, erste Wohnbauten mit hohem Holzanteil in moderner Art und Weise zu bauen", sagt Johannes Kaufmann. Der Spross aus einer Vorarlberger Holzdynastie entwickelt das holzbauerische Erbe konsequent zeitgemäß weiter. Höchster Grad an Vorfertigung gedämmter Rahmenelemente und Platten für Decken, Fassaden, Zwischenwände führt zu rascher Montage: das spart teure Baustellenstunden. Ein industrielles Holz-Baukastensystem lässt sich verschieden zum individuellen Eigenheim kombinieren. Die Kleinstwohnung SU-SI für Nomaden, die den Ort mit den eigenen vier Wände wechseln wollen, ist in fünf Stunden montiert und ab Bestellung in fünf Wochen zu haben. SU-SI hat sehr gute Dämmwerte, geringe Energiekosten, ist drei bis vier Meter breit und je nach Wunsch und finanziellem Potential sechs bis 14 Meter lang. Das mobile Pendant dazu ist FRED, eine ausschiebbare Wohneinheit. Einer davon wird vielleicht bald im Burgenland stehen. Vorarlberger Architektur wirkt über ihre Landesgrenzen hinaus.

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