6905095-1980_41_14.jpg
Digital In Arbeit

Architektur - wohin?

19451960198020002020

„A rchitektur aus Österreich" ist der Titel eines Buches, das aus der Feder des Münchner A rchitekturtheoretikers Peter M. Bode und des Wiener Architekten Gustav Peichl im Residenz-Verlag, Salzburg, erschienen ist. Das Buch enthält eine kritische Dokumentation der österreichischen Architekturentwicklung der letzten 20 Jahre mit einem umfangreichen Dokumentationsteil und einem persönlichen Beitrag Peichls zum Thema „Zeichnungen-Projekte-Utopien". Wir bringen auszugsweise einen Vorabdruck aus dieser A nalyse.

19451960198020002020

„A rchitektur aus Österreich" ist der Titel eines Buches, das aus der Feder des Münchner A rchitekturtheoretikers Peter M. Bode und des Wiener Architekten Gustav Peichl im Residenz-Verlag, Salzburg, erschienen ist. Das Buch enthält eine kritische Dokumentation der österreichischen Architekturentwicklung der letzten 20 Jahre mit einem umfangreichen Dokumentationsteil und einem persönlichen Beitrag Peichls zum Thema „Zeichnungen-Projekte-Utopien". Wir bringen auszugsweise einen Vorabdruck aus dieser A nalyse.

Werbung
Werbung
Werbung

Wenn man die Entwicklungsgeschichte der Architektur betrachtet, wird man feststellen, daß das Zeichnen seit jeher von großem Einfluß auf revolutionierende Entwicklungen war. Im 16. Jahrhundert war es mit „Erfinden" gleichgesetzt worden, mit dem Hervorbringen einer Idee, ja der Idee selbst oder der Form der Dinge.

Die Skizze ist die erste und einfachste Art des Zeichnens, die den Gebrauch der Linie in ihrer reinsten Form zeigt und meist dem Umrißzeichnen gleichgesetzt wird. In der Umrißzeichnung sind die verschiedenen Aspekte eines Objektes (einer Architektur) ohne die Wirkung von Licht und Schatten auf ein vereinfachtes ideales Ergebnis beschränkt. Skizzieren ist eine Art Nachdenken auf dem Papier. Die Sprache des Architekten ist die Zeichnung.

Ende der fünfziger und Anfang der sechziger Jahre entsteht weltweit eine Bewegung durch eine neue Architektengeneration, die zum Nachdenken provozierende Experimente zur Diskussion stellt. Ein Anstoß ging von England aus. Hier war es die Archi-gram-Gruppe (Warren Chalk, Peter Cook, Dennis Crompton, David Greene, Ron Herron und Michael Webb), die das Image einer volltechnisierten Welt in phantasiereichen utopischen Architekturvisionen zeichnerisch hochstilisierte und die herkömmlichen Begriffe von Gebäude, Haus und Stadt aufhob.

In eigenständiger Position begann sich in Österreich früher als im übrigen Mitteleuropa eine Architektur-Avantgarde mit Hilfe von theoretischen Arbeiten und Manifesten gegen den erstarrten internationalen Stil aufzulehnen.

Die Betrachtung oder gar Beurteilung von zwanzig Jahren Architekturentwicklung in Österreich wäre ohne Berücksichtigung und Einordnung der entstandenen Projekte und Zeichnungen aus diesem Zeitraum unvollständig. Mehr als die Realisationen der sechziger und siebziger Jahre waren die unausgeführten Projekte und Ideen aus dieser Zeit maßgebend und wirksam. Einerseits sind es die Skizzen und Zeichnungen zu ausgeführten Bauten, andererseits die visionären Projekte, die in Zeichnungen und Collagen Zeugnis von den intensiven Auseinandersetzungen und Grundsatzdebatten in der Architektur ablegen.

Die „gezeichneten Ideen" - nicht frei von Ideologien - waren Wegweiser, die ein Ausbrechen aus der Gleichgültigkeit der Gewöhnung andeuteten. Dahinter stand das Bemühen, eine Gegenwirkung zu der allgemeinen Formlosigkeit der Schachtel- und Behälterarchitektur zu erreichen. Architektur, die nicht realisiert wurde, ist eines der bedauernswertesten Versäumnisse in der Architekturentwicklung der letzten Jahrzehnte. Peinlich besonders dann, wenn die errichteten Bauwerke sich oft zu den nicht gebauten Projekten verhalten wie das Negativ zum Positiv.

An der Akademie der bildenden Künste am Schillerplatz schuf ein Meisterschulklima der Nachkriegszeit eine Atmosphäre des Nachholens und Nachdrängens. Es waren die um 1930 geborenen und vornehmlich aus Salzburg, Tirol und Oberösterreich nach Wien gekommenen Studenten der Schule Holzmeister, die durch theoretische und praxisbezogene Arbeiten frühe Beispiele setzten. Die Arbeitsgruppe 4 (Wilhelm Holzbauer, Friedrich Kurrent, Johannes Spalt), die bereits in den frühen fünfziger Jahren Informationen und Kenntnisse der Vorgänge aus dem Ausland beachtet hatten, kämpfte durch konsequente und kompromißlose Haltung um die verstärkte Beachtung der Qualität in der Architektur.

An der Technischen Hochschule Wien (heute Technische Universität) war es Günther Feuerstein, der in den frühen sechziger Jahren mit dem von ihm gegründeten Klubseminar als Zeichensetzer und Anreger wirkte. Feuerstein war es, der auf seine emotionelle Art und Arbeitsweise irrationalistische Architekturauffassungen durch die Uberbetonung der Formen zur Diskussion stellte. Durch die literarischen und theoretischen Äußerungen der diversen Gruppen und vor allem durch Feuerstein selbst, dessen Beitrag „Inzidente Architektur" und dessen Arbeit „Archetypen" viel beachtet wurden, entstanden polemische, aber wirksame Aktionen. Die wichtigsten und wirkungsvollsten Teams dieser Zeit waren „Coop Himmelblau" (Prix und Swi) und „Haus-Rucker-Co" (Laurids Ortner, Günter Zamp Kelb und Manfred Ortner).

Anstoß und eigentlicher Wendepunkt in der Wiener Entwicklung war die Ausstellung „Architektur" von Hans Hollein und Walter Pichler im Jahr 1963 im seinerzeitigen Avantgarde-Treffpunkt des Kunstförderers Monsignore Otto Mauer, in der Galerie St. Stephan. Aktionistisch wandten sich die beiden Autoren gegen die Uberbetonung des Funktionalismus und rüttelten mit Manifesten und visionären Zeichnungen an den festgefahrenen dienenden Funktionen der Architektur. Hans Hollein und Walter Pichler - inzwischen getrennte Wege gehend - mühten sich um die Befreiung der Architektur aus der untergeordneten Rolle des Dienenden zu ihren ursprünglichen universellen Inhalten und Werten.

Nach 1960 wurden unabhängig von der Wiener Situation durch junge Architekten in den Bundesländern Gedanken und Überlegungen formuliert, die neue Blickrichtungen in Bezug auf die Umweltgestaltung sichtbar machten. Zwei Ausstellungen waren es, die Mitte der sechziger Jahre einen Überblick über die Architekturereignisse in der Steiermark gaben, wobei besonders die Tätigkeit der Studenten der Grazer Technischen Hochschule (heute Technische Universität Graz) augenfällig wurde.

Die Situation der theoretisch-literarischen Architekturentwicklung der achtziger Jahre ist offen. Es gibt einige Strömungen unter den Absolventen der österreichischen Architekturhochschulen, innerhalb derer es sich die jungen Architekten zur Aufgabe gemacht haben, die Geschichte der modernen Architektur aufzuarbeiten und sich mit der Entwicklung der zeitgenössischen Architektur kritisch auseinanderzusetzen. Man entdeckt wieder „Räume" und setzt sich mit der Maßstäblichkeit auseinander. Das Bemühen, die baukulturellen Zusammenhänge zu erkennen und architektonische und städtebauliche Orientierungen für neue Ansätze zu finden, ist deutlich erkennbar.

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau
Werbung
Werbung
Werbung