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"Polen wird autistischer"

Für den Sprecher des polnischen Präsidenten ist die politische Krise zwischen Oder und Weichsel nur eine Erfindung ausländischer Medien - nur: Warum sind dann auch viele Landsleute besorgt?

Hier ist mein Profil", sagte der polnische Ministerpräsident Jaroslaw Kaczynski am letzten Freitag gegenüber anwesenden Pressefotografen und wandte ihnen seine Seite zu. Die nahmen's amüsiert zur Kenntnis, denn wenige Stunden vorher hatte ihnen der Regierungssprecher noch Profilaufnahmen des Premiers untersagt, um Kaczynskis Doppelkinn vor der Öffentlichkeit zu verbergen.

Jetzt dürfen die Medien einen der Zwillinge in Polens Regierungsspitze also wieder von allen Seiten porträtieren, und auch der andere Bruder, Staatspräsident Lech Kaczynski, will seinen Medienauftritten mehr Aufmerksamkeit widmen. Das beteuert sein außenpolitischer Sprecher, Andrzej Krawczyk, in einem Gespräch, zu dem die Furche gemeinsam mit anderen europäischen Medien in den Warschauer Präsidentenpalast geladen war. "Das Bild, das in-und ausländische Medien von unserem Land, von unserer Regierung, von unserem Präsidenten zeichnen, ist sehr gefährlich für Polen", sagt Krawczyk, "wir müssen da besser aufpassen." Denn, so der Präsidenten-Intimus: Das Bild von einer politischen Dauerkrise seit der Machtübernahme durch die Kaczynskis "ist ein Medien-Konstrukt, das den Vergleich mit der Realität nicht standhält".

Todesstrafe? "Ja, aber ..."

Diese "Gute Regierung/Böse Medien"-Schablone erregte heftigen Widerspruch seitens der geladenen Journalisten:

*Gegenargument 1: Was ist der Regierungsausstieg und baldige Wiedereintritt des radikalen Bauernführers Andrzej Leppers anderes als ein Zeichen politischer Instabilität?

Krawczyk: "Das war nicht angenehm, zeigt aber, dass wir uns in einem dynamischen Prozess befinden, der innerhalb demokratischer Regeln abläuft - ich sehe darin keinerlei Gefahr oder Krise, Polen ist ein stabiles Land."

*Gegenargument 2: Die Regierungskoalitionen mit extrem nationalistischen, EU-und ausländerfeindlichen Parteien ist Realität und keine Medienphantasie.

Krawczyk: "Diese Parteien sind in der Regierung großteils isoliert - die haben kaum Einfluss."

*Vorwurf 1: Präsident Kaczynski hat die Einführung der Todesstrafe befürwortet und damit einen zentralen europäischen Grundkonsens in Frage gestellt.

Krawczyk: "Für den Präsidenten hätte die Anwendung der Todesstrafe in bestimmten Fällen einen positiven Effekt auf die Gesellschaft. Eine Diskussion darüber ist in Europa aber derzeit nicht populär und der Präsident wird zu diesem Zeitpunkt das Thema nicht mehr vorantreiben."

*Vorwurf 2: Das von den Kaczynskis geschätzte Radio Maryja betreibt antisemitische Hetze.

Krawczyk: "Der Ministerpräsident hat bei Radio Maryja interveniert - seither habe ich diesbezüglich keine Anrufe des israelischen Botschafters mehr erhalten. Generell sehe ich keine antisemitischen Strömungen, Polen ist großteils ein philosemitisches Land."

Ortswechsel: Hinaus aus Warschau, hinauf an die polnisch-russisch-litauisch-weißrussische Grenze im Nordosten des Landes: Boz Dena Szroeder arbeitet dort im Kulturhaus des Städtchens Sejny, in dem sich eine Grenzland-Stiftung der Verständigung über Nationalitäten hinweg und der Erinnerung an das historische, vor allem jüdische Erbe der Region widmet: "Nur kurz nach der Wende", sagt sie, "war es möglich, so eine Stätte zu gründen - damals standen alle Zeichen auf Aufbruch nach Europa. Heute aber gehen die Zeiger wieder Richtung Nationalismus, Verdächtigung und Abschottung gegen jegliches Fremde, Andere, Neue ..."

Bloß ein Medienkonstrukt?

Schade, dass Präsidentensprecher Krawczyk nicht beim Gespräch mit Frau Szroeder und anderen, die Ähnliches sagen (siehe Interview unten), dabei ist - jetzt wird er glauben, es sei wiederum nur ein Medienkonstrukt, wenn auch die Furche jene polnischen Stimmen zitiert, die sagen: "Polen wird zunehmend autistischer!"

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