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"Beweisen, kein Kamel zu sein"

Wer hat was im kommunistischen Polen getan? Die polnische Regierung forciert die Offenlegung von Geheimdienstakten. Sie schadet damit aber weniger dem politischen Gegner als der Kirche, die sich für ihre Spitzel-Priester rechtfertigen muss.

Lech Kaczynski hat mit seiner Unterschrift unter das heftig umstrittene neue polnische "Stasi-Gesetz" bis zum letztmöglichen Termin gewartet. Bis Montag dieser Woche, 18 Uhr, musste sich der polnische Präsident für oder gegen das "Lustrations-Gesetz" zur Bewältigung der kommunistischen Vergangenheit entscheiden - er hat einen dritten Weg gewählt: Kaczynski hat das Gesetz zwar unterschrieben, es tritt damit in Kraft, soll aber in den nächsten drei Wochen noch überarbeitet werden. Damit hat der Präsident auch den vielen Kritikern Recht gegeben, die dem Gesetz unter anderem vorwerfen, dass es die Kriterien dafür, wer als ehemaliger Mitarbeiter des kommunistischen Geheimdienstes definiert werden soll, viel zu wenig genau fasse.

"Plötzlich befinde ich mich in einer Situation, in der ich beweisen muss, dass ich kein Kamel bin", rechtfertigte sich unter anderem Wieslaw Mering, der Bischof von Wloclawek, der vor wenigen Wochen beschuldigt wurde, für den Geheimdienst gearbeitet zu haben. Mering gab zwar zu, dass er in den 1970er und 80er Jahren vor Auslandsreisen mehrfach mit Funktionären des Geheimdienstes gesprochen hatte. Er sei jedoch nie eine Verpflichtung als Mitarbeiter eingegangen. "Ich hatte auch keine Informationen, die für den Geheimdienst interessant gewesen wären."

"Wilde Durchleuchtungen"

Mit der teilweisen Öffentlichmachung von Geheimdienstakten seit Anfang dieses Jahrs hat die polnische Regierung eine Welle von Beschuldigungen gegen angebliche frühere Geheimdienstspitzel, darunter viele Geistliche, ausgelöst. Mittlerweile hat der Krakauer Erzbischof und frühere Papst-Johannes-Paul-Privatsekretär Kardinal Stanislaw Dziwisz eine Historikerkommission einberufen und an alle Priester, die Geheimdienst-Informanten waren, appelliert, sich ihm anzuvertrauen. Die "wilde und ohne klare Regeln praktizierte Durchleuchtung von Priestern" wird vom polnischen Episkopat jedoch scharf verurteilt, hätten doch "gerade solche öffentlichen Anprangerungen auf Grund vager Verdächtigungen die polnische Kirche und Gesellschaft in jüngster Zeit schwer erschüttert". Dieses Vorkommnisse sollen zudem zu einer deutlichen Abkühlung des Verhältnisses zwischen der Kirche und der von Präsidentenbruder Jaroslaw Kaczynski geleiteten Regierung geführt haben.

"Die Kirche hat das Recht, ihren guten Namen zu verteidigen", sagt dazu Bischof Tadeusz Pieronek, der frühere Generalsekretär der polnischen Bischofskonferenz, bei einem Gespräch mit der Furche in Krakau. Es sei absurd, allen Priestern, die mit Vertretern des kommunistischen Regimes in Kontakt waren, Spitzeltätigkeiten vorzuwerfen, erregt sich Pieronek. Damit würde vor allem das Vertrauen junger Polen in die Kirche untergraben, fürchtet der Bischof: "Denn die Jungen richten über die damalige Zeit mit heutigen Kriterien."

Adam Boniecki, Priester und Chefredakteur der katholischen Wochenzeitung Tygodnik Powszechny, sieht den Ansehensverlust für die polnische Kirche durch diese Spitzelaffären nicht so gravierend: "Das kann die positive Bedeutung der Kirche als die zentrale Opposition gegen das kommunistische Regime nicht schmälern", sagt er bei einem Mittagessen mit Journalisten in Krakau. Boniecki betont auch die großen Unterschiede und die Bandbreite bei den Geheimdienstkontakten von Priestern: So hat es einerseits so genannte "Patrioten-Priester" gegeben, die loyal zum Staat gestanden seien, während andere Priester zwar mit dem Geheimdienst gesprochen, diesen aber gezielt hinters Licht geführt hätten.

"Kranke Gesellschaft"?

Tatsächlich und zum Schaden anderer mit dem Regime kollaboriert, haben, laut Bischof Pieronek, "nur sehr wenige". Chefredakteur Boniecki schätzt: "Keine zehn Prozent."

Hart ins Gericht geht Pieronek mit Aussagen der Kaczynski-Brüder, wonach die polnische Gesellschaft "krank" sei. Wie überall gäbe es auch in Polen Mängel, und viele Wunden der Vergangenheit sind noch nicht geheilt, kritisiert der Bischof die Wortwahl von Präsident und Premier, "doch die Bürger sind in einer Demokratie die höchste Autorität - die wirft man nicht so mir nichts, dir nichts in den Mülleimer."

Selbst in der "Hitze des politischen Gefechts" dürfen nicht alle Regeln des gesellschaftlichen Miteinanders aufgegeben werden, fordert Pieronek. Und ergänzt: "Mit den Extrempositionen in der Regierung kann sich die Kirche nicht abfinden: Oder was sollen wir sagen, wenn die Todesstrafe gefordert wird? Wenn der gute Name vieler ohne Beweise ruiniert wird? Wenn eine Regierung sagt, der Zweck heiligt jedes Mittel?"

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