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Religion

Adieu, Kirchenmacht?

1945 1960 1980 2000 2020
1945 1960 1980 2000 2020

"Politische" Kirche

Am 7. Oktober lud die polnische Bischofskonferenz zu einem "Gebet für den Weltfrieden" und Menschenketten an Polens Grenzen. Kritiker sahen dies vor allem gegen Muslime gerichtet.

Daher ist es ein Verbrechen, wenn die Kirche eine der Parteien heiratet - sie riskiert damit, nach den nächsten Wahlen Witwe zu werden. (Szymon Hołowina)

"Wir wollen Gott" - unter diesem Leitmotto organisierten national bis nationalistisch gesinnte Gruppen am 11. November, dem polnischen Unabhängigkeitstag, einen großen Zug durch Warschau. Ob indes Gott Gefallen an allen Inhalten finden würde, die während des Marsches propagiert wurden, dürfte zumindest umstritten sein. "Europa wird weiß sein oder menschenleer" und "Reines Blut, klarer Verstand!", stand da auf großen Bannern. Neben patriotischen Gesängen gab es auch Schlachtrufe der Angst und des Hasses -gegenüber Flüchtlingen, Linken und Liberalen. Einzelne Bischöfe distanzierten sich zwar von einem "falsch verstandenen Patriotismus", eine offizielle Stellungnahme des Episkopats gab es indes nicht.

"Wir leben in einem Land, in dem ein bedeutender Teil der Gesellschaft -auch der Geistlichen -in großer Angst lebt. Es ist nicht allzu lang her, dass wir es zu etwas gebracht haben, und nun haben wir Angst, dass irgendwelche "sie" es uns wieder wegnehmen." Mit diesen Worten umschrieb Grzegorz Strzelczyk, Theologe und Leiter einer Akademie für Diakone, jüngst die Befindlichkeit in Polen anno 2017 - nicht nur jene am 11. November. Mit Angstmache auf ihren Schilden gewann die seit nunmehr zwei Jahren regierende, nationalkonservative Recht und Gerechtigkeit (PiS) die Parlamentswahlen in Polen -und dabei war ihr die Kirche mehr als nur stiller Helfer. Die PiS und die katholischen Hierarchen galten zuvor als beinahe symbiotisch agierende Körper, es bestand und besteht Einigkeit in etlichen Fragen. Ob es um Themen wie das Abtreibungsrecht, die angeblichen Gefahren von Feminismus, Gender Mainstreaming und der unchristlich-liberalen EU oder muslimischen Flüchtlingen geht: Die Rhetorik von PiS und Amtskirche schienen wie von einer Hand geschrieben..

Kirche bloß ein nützlicher Idiot?

Doch inzwischen zeigen sich erste Risse in dem informellen Bündnis. Denn die PiS um ihren Parteichef und informellen Staatslenker Jarosław Kaczy´nski emanzipiert sich zunehmend von den Hierarchen, die ihrerseits häufiger, wenn auch bislang verhalten, Kritik äußern. Bereits 2016 hatte sich ein erster Bruch gezeigt, als landesweit tausende von Frauen in einem kreativen "schwarzen Protest" gegen die von der PiS geplante und von der Amtskirche herbeigesehnte Verschärfung des ohnehin restriktiven Abtreibungsgesetzes auf die Straße gingen. Kaczy´nski zog das Projekt kurzerhand und kalkuliert zurück. Aktuell wird die vor den Wahlen versprochene Einführung des Handelsverbots an Sonntagen eingeführt - die PiS beugt sich hier zum Missfallen der Kirche der Wirtschaftslobby und hat das Verbot stark durchlöchert.

Die Regierung kann sich ihre Emanzipation von der Kirche aus mehreren Gründen erlauben. Dies liegt zum einen an ihren Erfolgen vor allem in der Sozial-und Steuerpolitik, die sich in steigenden Umfragewerten widerspiegeln. Zudem kann die PiS auch jenseits der Amtskirche auf religiös motivierten Beistand hoffen, etwa durch den radikal-konservativen Redemtoristenpater Tadeusz Rydzyk mit seinem einflussreichen Medienkonglomerat, den die PiS finanziell großzügig unterstützt.

Doch der Amtskirche wird womöglich gerade klar, dass sie für den Machtzirkel der Kaczy´nski-Formation nicht wesentlich mehr denn ein nützlicher Idiot bei der Sicherung von Wählerstimmen ist. Daher mehrt sich inzwischen die Kritik der Hierarchen. Bei keinem Thema wird dies so deutlich wie bei der Frage der Flüchtlinge. Hier hat sich die Amtskirche seit dem Aufkommen des Themas vor gut zwei Jahren nicht mit christlichem Ruhm bekleckert. Nun hört man deutlichere Störsignale. "An jedem Ort der Welt sollte man (Flüchtlingen; Anm.) ärztliche Hilfe leisten, das sind mitunter Kinder, die ihre Eltern verloren haben", sagte der Warschauer Kardinal Kazimierz Nycz jüngst in einer Predigt: "Lassen wir uns nicht einreden, dass es einen Konflikt gibt zwischen Hilfeleistung und Sicherheit." Mitte Oktober erinnerte die Bischofskonferenz an ihre Forderung, "humanitäre Korridore zu bilden, wir warten hier auf die Initiative der zuständigen Behörden". Eine Reaktion der PiS und der Regierungsstellen? Fehlanzeige. Denn dies scheint aus ihrer Sicht nicht nötig.

Das liegt auch daran, dass die an Papst Franziskus' Linie orientierten Stimmen der polnischen Bischöfe nicht deckungsgleich sind mit den Ansichten der Gläubigen. Rund 70 Prozent der Polen sind laut Umfragen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten -im Frühjahr 2015 war nur jeder Fünfte dagegen. "Gettoisierung ist eine für den Islam natürliche Methode, Städte zu bevölkern", sagt denn auch Piotr Mazurkiewicz, ehemaliger Generalsekretär der Kommission der Bischofskonferenzen der EU (COME-CE), in einem Gespräch mit dem auflagenstarken katholischen Wochenblatt Go´s´c Niedzielny. Es gäbe "eine Ordnung der Liebe", so Mazurkiewicz."Der Staat hat das Recht zu entscheiden, ob er Migranten aus islamischen Ländern oder eher aus der Ukraine aufnimmt."

Bischöfe pochen auf Versöhnung

Bei der Frage der Kriegsreparationen, die Polens Regierung von Deutschland fordern will, sind die Dissonanzen in der Kirchenführung geringer. "Vergebung ist keine konjunkturelle Entscheidung, die von Umständen abhängig ist, sondern ein unwiderruflicher Akt der Barmherzigkeit, die nicht im Widerspruch zur Gerechtigkeit steht, sondern diese vervollständigt", heißt es in einem Schreiben des Episkopats vom September. Die berühmten Worte polnischer Bischöfe, darunter des späteren Papstes Johannes Paul II. an ihre deutschen Amtsbrüder aus 1965: "'Wir vergeben und bitten um Vergebung'", hätten "nicht an Gewicht und Aktualität verloren", heißt es darin.

Diese Worte waren, neben den Mahnungen einzelner Bischöfe ob der Angriffe der PiS auf die Unabhängigkeit der polnischen Gerichte, die bislang klarste Distanzierung der Amtskirche von der Regierung. Doch auch hier schert sich die PiS bislang nicht um die Bischöfe. Die Frage der Reparationen liegt weiter vage auf dem Tisch, und auch der Griff der Exekutive nach der Justiz wird forciert - bischöfliche Kritik hin oder her. Denn die PiS hat begriffen, dass sie mit einer besonderen Art von Religionsverständnis operieren kann, das von der Amtskirche losgelöst ist: Es ist der Katholizismus als tief verwurzelter Teil der polnischen Nationalidentität. Deshalb können die Regierenden am Sonntagvormittag öffentlichkeitswirksam die Messe besuchen, um nur Stunden später gegen die gefährlichen Islamisten -in der Gestalt von Flüchtlingen -und "Polen der schlechteren Sorte", wie Kaczy´nski seine Gegner nennt, zu wettern.

Auch daher sei die Gesellschaft in Polen heute "so geteilt wie wohl noch nie zuvor", schreibt der katholische Publizist Szymon Hołownia. "Die Kirche hat daher eine besondere Mission, zusammenzuflicken, was auseinandergefallen ist. Daher ist es ein Verbrechen, wenn die Kirche eine der Parteien heiratet -sie riskiert damit, nach den nächsten Wahlen Witwe zu werden." Würde die Amtskirche nicht nur die Angst vor Halloween abstreifen, sondern sich auch von fragwürdigen weltlichen Propheten lösen -es könnte der PiS empfindlich weh tun.

"Politische" Kirche

Am 7. Oktober lud die polnische Bischofskonferenz zu einem "Gebet für den Weltfrieden" und Menschenketten an Polens Grenzen. Kritiker sahen dies vor allem gegen Muslime gerichtet.

Daher ist es ein Verbrechen, wenn die Kirche eine der Parteien heiratet - sie riskiert damit, nach den nächsten Wahlen Witwe zu werden. (Szymon Hołowina)

"Wir wollen Gott" - unter diesem Leitmotto organisierten national bis nationalistisch gesinnte Gruppen am 11. November, dem polnischen Unabhängigkeitstag, einen großen Zug durch Warschau. Ob indes Gott Gefallen an allen Inhalten finden würde, die während des Marsches propagiert wurden, dürfte zumindest umstritten sein. "Europa wird weiß sein oder menschenleer" und "Reines Blut, klarer Verstand!", stand da auf großen Bannern. Neben patriotischen Gesängen gab es auch Schlachtrufe der Angst und des Hasses -gegenüber Flüchtlingen, Linken und Liberalen. Einzelne Bischöfe distanzierten sich zwar von einem "falsch verstandenen Patriotismus", eine offizielle Stellungnahme des Episkopats gab es indes nicht.

"Wir leben in einem Land, in dem ein bedeutender Teil der Gesellschaft -auch der Geistlichen -in großer Angst lebt. Es ist nicht allzu lang her, dass wir es zu etwas gebracht haben, und nun haben wir Angst, dass irgendwelche "sie" es uns wieder wegnehmen." Mit diesen Worten umschrieb Grzegorz Strzelczyk, Theologe und Leiter einer Akademie für Diakone, jüngst die Befindlichkeit in Polen anno 2017 - nicht nur jene am 11. November. Mit Angstmache auf ihren Schilden gewann die seit nunmehr zwei Jahren regierende, nationalkonservative Recht und Gerechtigkeit (PiS) die Parlamentswahlen in Polen -und dabei war ihr die Kirche mehr als nur stiller Helfer. Die PiS und die katholischen Hierarchen galten zuvor als beinahe symbiotisch agierende Körper, es bestand und besteht Einigkeit in etlichen Fragen. Ob es um Themen wie das Abtreibungsrecht, die angeblichen Gefahren von Feminismus, Gender Mainstreaming und der unchristlich-liberalen EU oder muslimischen Flüchtlingen geht: Die Rhetorik von PiS und Amtskirche schienen wie von einer Hand geschrieben..

Kirche bloß ein nützlicher Idiot?

Doch inzwischen zeigen sich erste Risse in dem informellen Bündnis. Denn die PiS um ihren Parteichef und informellen Staatslenker Jarosław Kaczy´nski emanzipiert sich zunehmend von den Hierarchen, die ihrerseits häufiger, wenn auch bislang verhalten, Kritik äußern. Bereits 2016 hatte sich ein erster Bruch gezeigt, als landesweit tausende von Frauen in einem kreativen "schwarzen Protest" gegen die von der PiS geplante und von der Amtskirche herbeigesehnte Verschärfung des ohnehin restriktiven Abtreibungsgesetzes auf die Straße gingen. Kaczy´nski zog das Projekt kurzerhand und kalkuliert zurück. Aktuell wird die vor den Wahlen versprochene Einführung des Handelsverbots an Sonntagen eingeführt - die PiS beugt sich hier zum Missfallen der Kirche der Wirtschaftslobby und hat das Verbot stark durchlöchert.

Die Regierung kann sich ihre Emanzipation von der Kirche aus mehreren Gründen erlauben. Dies liegt zum einen an ihren Erfolgen vor allem in der Sozial-und Steuerpolitik, die sich in steigenden Umfragewerten widerspiegeln. Zudem kann die PiS auch jenseits der Amtskirche auf religiös motivierten Beistand hoffen, etwa durch den radikal-konservativen Redemtoristenpater Tadeusz Rydzyk mit seinem einflussreichen Medienkonglomerat, den die PiS finanziell großzügig unterstützt.

Doch der Amtskirche wird womöglich gerade klar, dass sie für den Machtzirkel der Kaczy´nski-Formation nicht wesentlich mehr denn ein nützlicher Idiot bei der Sicherung von Wählerstimmen ist. Daher mehrt sich inzwischen die Kritik der Hierarchen. Bei keinem Thema wird dies so deutlich wie bei der Frage der Flüchtlinge. Hier hat sich die Amtskirche seit dem Aufkommen des Themas vor gut zwei Jahren nicht mit christlichem Ruhm bekleckert. Nun hört man deutlichere Störsignale. "An jedem Ort der Welt sollte man (Flüchtlingen; Anm.) ärztliche Hilfe leisten, das sind mitunter Kinder, die ihre Eltern verloren haben", sagte der Warschauer Kardinal Kazimierz Nycz jüngst in einer Predigt: "Lassen wir uns nicht einreden, dass es einen Konflikt gibt zwischen Hilfeleistung und Sicherheit." Mitte Oktober erinnerte die Bischofskonferenz an ihre Forderung, "humanitäre Korridore zu bilden, wir warten hier auf die Initiative der zuständigen Behörden". Eine Reaktion der PiS und der Regierungsstellen? Fehlanzeige. Denn dies scheint aus ihrer Sicht nicht nötig.

Das liegt auch daran, dass die an Papst Franziskus' Linie orientierten Stimmen der polnischen Bischöfe nicht deckungsgleich sind mit den Ansichten der Gläubigen. Rund 70 Prozent der Polen sind laut Umfragen gegen die Aufnahme von Flüchtlingen aus Kriegsgebieten -im Frühjahr 2015 war nur jeder Fünfte dagegen. "Gettoisierung ist eine für den Islam natürliche Methode, Städte zu bevölkern", sagt denn auch Piotr Mazurkiewicz, ehemaliger Generalsekretär der Kommission der Bischofskonferenzen der EU (COME-CE), in einem Gespräch mit dem auflagenstarken katholischen Wochenblatt Go´s´c Niedzielny. Es gäbe "eine Ordnung der Liebe", so Mazurkiewicz."Der Staat hat das Recht zu entscheiden, ob er Migranten aus islamischen Ländern oder eher aus der Ukraine aufnimmt."

Bischöfe pochen auf Versöhnung

Bei der Frage der Kriegsreparationen, die Polens Regierung von Deutschland fordern will, sind die Dissonanzen in der Kirchenführung geringer. "Vergebung ist keine konjunkturelle Entscheidung, die von Umständen abhängig ist, sondern ein unwiderruflicher Akt der Barmherzigkeit, die nicht im Widerspruch zur Gerechtigkeit steht, sondern diese vervollständigt", heißt es in einem Schreiben des Episkopats vom September. Die berühmten Worte polnischer Bischöfe, darunter des späteren Papstes Johannes Paul II. an ihre deutschen Amtsbrüder aus 1965: "'Wir vergeben und bitten um Vergebung'", hätten "nicht an Gewicht und Aktualität verloren", heißt es darin.

Diese Worte waren, neben den Mahnungen einzelner Bischöfe ob der Angriffe der PiS auf die Unabhängigkeit der polnischen Gerichte, die bislang klarste Distanzierung der Amtskirche von der Regierung. Doch auch hier schert sich die PiS bislang nicht um die Bischöfe. Die Frage der Reparationen liegt weiter vage auf dem Tisch, und auch der Griff der Exekutive nach der Justiz wird forciert - bischöfliche Kritik hin oder her. Denn die PiS hat begriffen, dass sie mit einer besonderen Art von Religionsverständnis operieren kann, das von der Amtskirche losgelöst ist: Es ist der Katholizismus als tief verwurzelter Teil der polnischen Nationalidentität. Deshalb können die Regierenden am Sonntagvormittag öffentlichkeitswirksam die Messe besuchen, um nur Stunden später gegen die gefährlichen Islamisten -in der Gestalt von Flüchtlingen -und "Polen der schlechteren Sorte", wie Kaczy´nski seine Gegner nennt, zu wettern.

Auch daher sei die Gesellschaft in Polen heute "so geteilt wie wohl noch nie zuvor", schreibt der katholische Publizist Szymon Hołownia. "Die Kirche hat daher eine besondere Mission, zusammenzuflicken, was auseinandergefallen ist. Daher ist es ein Verbrechen, wenn die Kirche eine der Parteien heiratet -sie riskiert damit, nach den nächsten Wahlen Witwe zu werden." Würde die Amtskirche nicht nur die Angst vor Halloween abstreifen, sondern sich auch von fragwürdigen weltlichen Propheten lösen -es könnte der PiS empfindlich weh tun.