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Politik

Wie man die Geschichte neu schreibt

1945 1960 1980 2000 2020

Die nationalkonservative Regierung in Warschau interpretiert Polens Geschichte neu: Der PiS-Partei ist nicht nur der Kulturpalast, ein Geschenk Stalins, ein Dorn im Auge. Die patriotische Wende in der Geschichtspolitik scheint generell ihr Programm zu sein.

1945 1960 1980 2000 2020

Die nationalkonservative Regierung in Warschau interpretiert Polens Geschichte neu: Der PiS-Partei ist nicht nur der Kulturpalast, ein Geschenk Stalins, ein Dorn im Auge. Die patriotische Wende in der Geschichtspolitik scheint generell ihr Programm zu sein.

Er ist der erste Blickfang für alle Besucher Warschaus, die vom Hauptbahnhof aus auf die quirligen Straßen der Hauptstadt treten: der monumentale Kulturpalast, in den 1950ern als "Geschenk" Stalins an die Polen errichtet. Das Wahrzeichen der Kapitale verengt sich nach oben hin zu einer Spitze, die wie ein Stachel aussieht. Als einen solchen, tief im Fleisch Polens sitzend, betrachtet ihn auch die regierende, nationalkonservative Recht und Gerechtigkeit (PiS)."Wir ersetzen den Stalin-Palast durch das Warschauer Königsschloss", twitterte der neue Chef des polnischen öffentlichen Fernsehens Jacek Kurski. Er tilgte kurzerhand das Palastbild aus dem Einspielfilm der Hauptnachrichten -sofort, nachdem die PiS im Januar die Kontrolle bei den öffentlich-rechtlichen Medien übernommen hatte.

Auch an anderen Stellen der jüngsten polnischen Geschichte greift die PiS seit ihrem Machtantritt vor einem halben Jahr zum Radierer. Vor kurzem beschloss sie, alle verbliebenen rund 500 Denkmäler, die an den Sieg der Roten Armee über die Nazi-Truppen in Polen erinnern, abzubauen -und sie in einem Freilichtmuseum zu deponieren. Auch Namen von Straßen und Plätzen, die an das "repressive, autoritäre Regimesystem von 1944 bis 1989" erinnern, werden geändert. Die kommunistische Armee des Zweiten Weltkriegs wird dann ebenso aus dem öffentlichen Raum verbannt wie Rosa Luxemburg, eine polnische Jüdin. "Als Mitbegründerin der kommunistischen Ideologie fällt auch sie unter das neue Gesetz. Außerdem hat Rosa Luxemburg keine Verdienste für Polen", sagt Paweł Ukielski.

Brisante politische Arbeit

Ukielski ist Vizechef des Instituts für Nationales Gedenken (IPN), einer Art Stasi-Unterlagenbehörde und Zentrum zur Geschichtsaufarbeitung in einem. Die Warschauer Zentrale der im Jahr 1999 etablierten Behörde befindet sich in einem unscheinbaren Gebäude unweit des Zentrums. Doch die Optik täuscht. Denn die Arbeit des IPN ist politisch brisant, jüngst sorgte es mit der Veröffentlichung von Unterlagen für Aufsehen, die Solidarnosc-Ikone und Expräsidenten Lech Wałe¸sa belasten. Für die PiS dürfte das IPN künftig zum wichtigen Hebel bei der Neujustierung ihrer Geschichtspolitik werden. So hat sie ein neues IPN-Gesetz verabschiedet, das die Wahl des Institutschefs stärker als bislang in die Hände der Politik legt.

Vize-Direktor Ukielski wie auch sein Chef Łukasz Kaminski sind lange vor dem PiS-Machtantritt zum IPN gekommen, beide gelten als renommierte, konservative Historiker. Und so klingen Ukielskis Argumente zur Entfernung von Denkmälern und Straßennamen durchaus plausibel -vor allem aus polnischer Perspektive. "Westeuropa hat, außer dem Osten Deutschlands, den verbrecherischen kommunistischen Totalitarismus nicht selbst erfahren", sagt er. Es gebe zwar sehr wohl Unterschiede zwischen dem Nazismus und dem Kommunismus. "Doch Polen erlebte eben nicht nur die Unterwerfung unter die UdSSR nach 1944, sondern schon zuvor den sowjetischen Überfall von 1939, massenhafte Deportationen oder das Verbrechen von Katyn."

Ukielski äußert die dominierende Ansicht vieler Konservativer im Land. Die Regierenden in Warschau aber sind und denken nicht in erster Linie konservativ. Sondern national - in einem mitunter engen Sinne. Anfang Mai etwa beschloss Kulturminister Piotr Gli´nski ein bereits konzipiertes und im Bau befindliches Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig in seinem Rang abzuwerten und mit dem geplanten Westerplatte-Museum zu verschmelzen. Auch das Konzept soll sich ändern: Die PiS will den europäischen Ansatz schleifen. "Wir werden die Form des Museums ändern, sodass die Ausstellung den polnischen Standpunkt wiedergibt", so PiS-Chef Jarosław Kaczy´nski.

Die Pläne stoßen zwar auf Protest. Einlenken dürfte die PiS indes kaum. Klar scheint, dass die Weltkriegsschau künftig im Schatten eines anderen Museums stehen wird: jenem zur Geschichte Polens in Warschau. Dessen Bau war bereits während der ersten PiS-Regierung (2005 bis 2007) beschlossen worden. Doch noch heute zwängen sich die rund 50 Mitarbeiter auf zwei Etagen eines Bürogebäudes im Stadtzentrum. Bereits im November 2018 aber, zum 100. Jahrestag der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität, soll ein riesiger Bau in Weichselnähe stehen.

Polen, sagt Museumsdirektor Robert Kostro, habe nach 1989 einen riesigen Wandel erlebt. "Deshalb sollten wir viele Karten unserer verleugneten Geschichte neu entdecken, etwa den sowjetischen Überfall auf Polen im Jahr 1939". Die Dauerausstellung werde dennoch "keine scharfen, spaltenden Thesen formulieren", mindestens 80 bis 90 Prozent seiner Landsleute sollen sich mit der Schau identifizieren können. "Ich will nicht, dass Museen als 'Parteien-Einrichtungen' gesehen werden", sagt Kostro, der bis 1989 in der Opposition mitgewirkt hatte und sich selbst als "gemäßigten Konservativen" sieht.

Eine "Pädagogik der Schande"

Den politischen Einfluss auf die Ausstellung dürfte Kostro dennoch zu spüren bekommen. Denn die PiS will Schluss machen mit der angeblich vorherrschenden, linksliberalen "Pädagogik der Schande", also der kritischen Auseinandersetzung auch mit weniger ruhmreichen Seiten der Geschichte Polens. Stachel wie den "Stalin-Palast" gibt es einige: Filme wie das Oscar-prämierte Drama "Ida" etwa, das die Komplexität der Beziehungen von Polen und Juden im Zweiten Weltkrieg sowie polnische Verbrechen zeigt. Oder auch die weit verbreitete Ansicht, Täter und Mitläufer in der Zeit des Kommunismus seien nicht eindeutig von den aufrechten Regimegegnern zu trennen.

Zu letzteren zählen für die PiS die "verstoßenen Soldaten" - Widerstandskämpfer, die seit 1944 im Untergrund bewaffnet gegen die neuen kommunistischen Machthaber vorgingen. Die Geschichte der einst verfolgten und vielfach ermordeten Soldaten wurde in Polen bislang weitgehend verdrängt. Die Regierung etabliert um sie jedoch einen Kult, den Kritiker gefährlich finden: Denn auch Rechtsradikale sehen die "Verstoßenen" als Vorbilder.

Diese schwarz-weiße PiS-Linie in der Geschichtspolitik ist nicht bloß eine Taktik der Regierung. Die Lesart mit der Betonung einer Trennung in 'wir' und 'sie', der steten Bedrohung durch innere und äußere Feinde, ist in Teilen der Gesellschaft tief verankert. "Es war ein Fehler von Angela Merkel, muslimische Flüchtlinge einzuladen, denn sie sind eine Gefahr", sagt etwa Ryszard Halwa. Der 62-Jährige ist katholischer Geistlicher und betreibt das Onlineportal "prawy. pl" ('rechtschaffen'), in dem Autoren auch zur Geschichte schreiben. Im Jahr 1683, sagt Halwa, habe der polnische König Jan Sobieski die auf Wien vorrückenden Türken zurückgeschlagen. "Damals verteidigte er Europa vor den Muslimen -und jetzt laden wir sie nach Polen ein?"

Die PiS greift solche schwarzweißen Bilder gerne auf -und verstärkt sie. "Das Gute wird wieder vom Bösen getrennt", sagte Jarosław Kaczynski bei einer großen Kundgebung Anfang Mai. "Wir können von einer Wiedergeburt reden, und davon, dass eine große, weiß-rote Bewegung entsteht."

Er ist der erste Blickfang für alle Besucher Warschaus, die vom Hauptbahnhof aus auf die quirligen Straßen der Hauptstadt treten: der monumentale Kulturpalast, in den 1950ern als "Geschenk" Stalins an die Polen errichtet. Das Wahrzeichen der Kapitale verengt sich nach oben hin zu einer Spitze, die wie ein Stachel aussieht. Als einen solchen, tief im Fleisch Polens sitzend, betrachtet ihn auch die regierende, nationalkonservative Recht und Gerechtigkeit (PiS)."Wir ersetzen den Stalin-Palast durch das Warschauer Königsschloss", twitterte der neue Chef des polnischen öffentlichen Fernsehens Jacek Kurski. Er tilgte kurzerhand das Palastbild aus dem Einspielfilm der Hauptnachrichten -sofort, nachdem die PiS im Januar die Kontrolle bei den öffentlich-rechtlichen Medien übernommen hatte.

Auch an anderen Stellen der jüngsten polnischen Geschichte greift die PiS seit ihrem Machtantritt vor einem halben Jahr zum Radierer. Vor kurzem beschloss sie, alle verbliebenen rund 500 Denkmäler, die an den Sieg der Roten Armee über die Nazi-Truppen in Polen erinnern, abzubauen -und sie in einem Freilichtmuseum zu deponieren. Auch Namen von Straßen und Plätzen, die an das "repressive, autoritäre Regimesystem von 1944 bis 1989" erinnern, werden geändert. Die kommunistische Armee des Zweiten Weltkriegs wird dann ebenso aus dem öffentlichen Raum verbannt wie Rosa Luxemburg, eine polnische Jüdin. "Als Mitbegründerin der kommunistischen Ideologie fällt auch sie unter das neue Gesetz. Außerdem hat Rosa Luxemburg keine Verdienste für Polen", sagt Paweł Ukielski.

Brisante politische Arbeit

Ukielski ist Vizechef des Instituts für Nationales Gedenken (IPN), einer Art Stasi-Unterlagenbehörde und Zentrum zur Geschichtsaufarbeitung in einem. Die Warschauer Zentrale der im Jahr 1999 etablierten Behörde befindet sich in einem unscheinbaren Gebäude unweit des Zentrums. Doch die Optik täuscht. Denn die Arbeit des IPN ist politisch brisant, jüngst sorgte es mit der Veröffentlichung von Unterlagen für Aufsehen, die Solidarnosc-Ikone und Expräsidenten Lech Wałe¸sa belasten. Für die PiS dürfte das IPN künftig zum wichtigen Hebel bei der Neujustierung ihrer Geschichtspolitik werden. So hat sie ein neues IPN-Gesetz verabschiedet, das die Wahl des Institutschefs stärker als bislang in die Hände der Politik legt.

Vize-Direktor Ukielski wie auch sein Chef Łukasz Kaminski sind lange vor dem PiS-Machtantritt zum IPN gekommen, beide gelten als renommierte, konservative Historiker. Und so klingen Ukielskis Argumente zur Entfernung von Denkmälern und Straßennamen durchaus plausibel -vor allem aus polnischer Perspektive. "Westeuropa hat, außer dem Osten Deutschlands, den verbrecherischen kommunistischen Totalitarismus nicht selbst erfahren", sagt er. Es gebe zwar sehr wohl Unterschiede zwischen dem Nazismus und dem Kommunismus. "Doch Polen erlebte eben nicht nur die Unterwerfung unter die UdSSR nach 1944, sondern schon zuvor den sowjetischen Überfall von 1939, massenhafte Deportationen oder das Verbrechen von Katyn."

Ukielski äußert die dominierende Ansicht vieler Konservativer im Land. Die Regierenden in Warschau aber sind und denken nicht in erster Linie konservativ. Sondern national - in einem mitunter engen Sinne. Anfang Mai etwa beschloss Kulturminister Piotr Gli´nski ein bereits konzipiertes und im Bau befindliches Museum des Zweiten Weltkriegs in Danzig in seinem Rang abzuwerten und mit dem geplanten Westerplatte-Museum zu verschmelzen. Auch das Konzept soll sich ändern: Die PiS will den europäischen Ansatz schleifen. "Wir werden die Form des Museums ändern, sodass die Ausstellung den polnischen Standpunkt wiedergibt", so PiS-Chef Jarosław Kaczy´nski.

Die Pläne stoßen zwar auf Protest. Einlenken dürfte die PiS indes kaum. Klar scheint, dass die Weltkriegsschau künftig im Schatten eines anderen Museums stehen wird: jenem zur Geschichte Polens in Warschau. Dessen Bau war bereits während der ersten PiS-Regierung (2005 bis 2007) beschlossen worden. Doch noch heute zwängen sich die rund 50 Mitarbeiter auf zwei Etagen eines Bürogebäudes im Stadtzentrum. Bereits im November 2018 aber, zum 100. Jahrestag der Wiedererlangung der staatlichen Souveränität, soll ein riesiger Bau in Weichselnähe stehen.

Polen, sagt Museumsdirektor Robert Kostro, habe nach 1989 einen riesigen Wandel erlebt. "Deshalb sollten wir viele Karten unserer verleugneten Geschichte neu entdecken, etwa den sowjetischen Überfall auf Polen im Jahr 1939". Die Dauerausstellung werde dennoch "keine scharfen, spaltenden Thesen formulieren", mindestens 80 bis 90 Prozent seiner Landsleute sollen sich mit der Schau identifizieren können. "Ich will nicht, dass Museen als 'Parteien-Einrichtungen' gesehen werden", sagt Kostro, der bis 1989 in der Opposition mitgewirkt hatte und sich selbst als "gemäßigten Konservativen" sieht.

Eine "Pädagogik der Schande"

Den politischen Einfluss auf die Ausstellung dürfte Kostro dennoch zu spüren bekommen. Denn die PiS will Schluss machen mit der angeblich vorherrschenden, linksliberalen "Pädagogik der Schande", also der kritischen Auseinandersetzung auch mit weniger ruhmreichen Seiten der Geschichte Polens. Stachel wie den "Stalin-Palast" gibt es einige: Filme wie das Oscar-prämierte Drama "Ida" etwa, das die Komplexität der Beziehungen von Polen und Juden im Zweiten Weltkrieg sowie polnische Verbrechen zeigt. Oder auch die weit verbreitete Ansicht, Täter und Mitläufer in der Zeit des Kommunismus seien nicht eindeutig von den aufrechten Regimegegnern zu trennen.

Zu letzteren zählen für die PiS die "verstoßenen Soldaten" - Widerstandskämpfer, die seit 1944 im Untergrund bewaffnet gegen die neuen kommunistischen Machthaber vorgingen. Die Geschichte der einst verfolgten und vielfach ermordeten Soldaten wurde in Polen bislang weitgehend verdrängt. Die Regierung etabliert um sie jedoch einen Kult, den Kritiker gefährlich finden: Denn auch Rechtsradikale sehen die "Verstoßenen" als Vorbilder.

Diese schwarz-weiße PiS-Linie in der Geschichtspolitik ist nicht bloß eine Taktik der Regierung. Die Lesart mit der Betonung einer Trennung in 'wir' und 'sie', der steten Bedrohung durch innere und äußere Feinde, ist in Teilen der Gesellschaft tief verankert. "Es war ein Fehler von Angela Merkel, muslimische Flüchtlinge einzuladen, denn sie sind eine Gefahr", sagt etwa Ryszard Halwa. Der 62-Jährige ist katholischer Geistlicher und betreibt das Onlineportal "prawy. pl" ('rechtschaffen'), in dem Autoren auch zur Geschichte schreiben. Im Jahr 1683, sagt Halwa, habe der polnische König Jan Sobieski die auf Wien vorrückenden Türken zurückgeschlagen. "Damals verteidigte er Europa vor den Muslimen -und jetzt laden wir sie nach Polen ein?"

Die PiS greift solche schwarzweißen Bilder gerne auf -und verstärkt sie. "Das Gute wird wieder vom Bösen getrennt", sagte Jarosław Kaczynski bei einer großen Kundgebung Anfang Mai. "Wir können von einer Wiedergeburt reden, und davon, dass eine große, weiß-rote Bewegung entsteht."