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Feuilleton

An der Welt schreiben

1945 1960 1980 2000 2020
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Evelyn Schlag berührt in ihrem neuen Lyrikband die Ränder der sprache.

Sich versenken in Landschaften, Beziehungen, Bilder, das Auge ruhen lassen und leise den Blick auf die Ränder der Sprache werfen, die Worte losschicken und den Gedanken kantige Konturen geben. Dieses poetische Credo scheint der neuen Lyrik der niederösterreichischen Autorin Evelyn Schlag programmatisch eingeschrieben zu sein: "Zögernde Fernsicht / streckt sich langsam weiter / übergibt an das Nah / die Welt an der ich schreibe / verwandelt sich in das Wie." Seit dem Erscheinen ihres letzten Gedichtbandes sind sechs Jahre verstrichen. Schlags neue Lyrik ist noch konzentrierter, dichter und souveräner geworden. Es kennzeichnet sie eine schlichte Ästhetik, der eine kühne und unverbrauchte Metaphorik innewohnt.

Schlichte Ästhetik

Mit den ersten Gedichten "Juwelen Brasiliens" lenkt Schlag den Blick auf verborgene Momente in Bildern, auf hinter dem Strich liegende Assoziationen. Dort macht sich oft der geheime Fokus breit, der das Auge des Betrachters provoziert. Neben Francesco Fischis Winterlandschaften nimmt sie etwa die Kolibribilder Martin Johnson Heades ins Visier: "Färberröte Krapprot höchstens zwanzig Gramm. / Die Füße einer Wundersylphe sind unbeschuht / zum Laufen auch im Klostergarten nicht geeignet." Manchmal sind es Situationen, die im bekannten Bild ein Déjà-vu evozieren. Ein junges, dünn bekleidetes Mädchen erinnert an einer Tankstelle plötzlich an Leonardo da Vincis Porträt der Cecilia Gallerani, obgleich Jahrhunderte dazwischenliegen, nun wird es zur Anklage: "Ich sah mich lang nicht satt: / Wie ruhig sie stand. Dazu das Tierchen … Abgehauen von zuhause. Selber kennt man nie / die Missbrauchväter. Einziger vertrauter Zeuge / - da könnt ich heulen - ist das blöde Hermelin. / Die brachten beide nicht viel auf die Waage."

Liebe, Reisen, Fernsichten, die Berührung durch das Fremde, immer gepaart mit zeitkritischem Kontext, seismografisch wahrgenommene (politische) Wirklichkeit pulsieren als weitere große thematische Stränge durch diese Lyrik. Da ist die Entdeckung der hier personifizierten Stadt "St. Petersburg", ohne Stadtplan, nur tastend, langsam die kyrillischen Zeichen lesend. "Erfundenste Stadt" hat Dostojewskij sie schon damals genannt. Leise fällt "Toska", die Sehnsucht, als "Gewicht" auf die "Seele" der Flaneurin: "Ich rede nur / den Geliebten in dir an männliche Stadt nicht / die Skinheads in der Metro nicht die Mörder / des Melonenverkäufers aus Aserbeidschan / …, Manchmal brauche ich das Hässliche', sagst du., Meine / Schönheit stellt mich ans Ufer ich starre wie tot.'"

Intensive Stimmungen

Schlag greift auch Politisches auf und verwebt es mit dem Mythos. Die phönizische Königstochter Dido musste der Legende nach aus Tyrus fliehen. Schlag hebt Didos Schicksal aus dem Fluss der alten Geschichte und kontrastiert sie mit dem Libanonkrieg im umkämpften Tyrus: " Sag mal nur zum Spaß zu Dido: Condo-leeezza. /Was hattest du dir erwartet? Dass sie dich küsst? / Das sind so zwei Welten - die eine goldbegabt. / Die andere fährt mit Stöckelschuhn das Kraftrad. / Dann geht alles aus hier - Geld Straße Licht. // Mütter Kinder sogenannt mit Namen wehrlos."

Immer wieder gelingt es Schlag, mit einfachen Strichen intensive, schwebende Stimmungen, Liebe zu zeichnen und den Augenblick zu einem wunderbaren poetischen Kondensat werden zu lassen, feinsinnig entlang gewebt an emotionalen Knotenpunkten, wie beispielsweise hier: "Wir mündeten seitwärts von der Sonne in einen Weg / Sprache von einem anderen Holz / aber du bei mir / im Rückspiegel sah ich dass wir weiterzogen / Ineinander der Kosungen im Ohrtaumel verströmt".

Sprache von einem anderen Holz

Gedichte von Evelyn Schlag

Wien 2008

144 S., geb., € 15,40