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Feuilleton

Ein brisantes Erzählparkett

1945 1960 1980 2000 2020

Evelyn Schlag mäandert sich durch einen kirchlichen Stoff.

1945 1960 1980 2000 2020

Evelyn Schlag mäandert sich durch einen kirchlichen Stoff.

Mit jedem Satz mehr Ruhe." Den Seiltanz der Gefühle in einem schwarzen Buch bändigen und "Tritt gewinnen", ihn in Worte bannen, weil Aufgeschriebenes nicht mehr gedacht werden muß. Ein Priester "eröffnet die Jagd auf sich", weil eine Frau in sein Leben tritt. Keine anrührende Herz-Schmerz-Geschichte, sondern ein tiefgründiger Blick in eine erschütterte "Seelenarithmetik".

Das jüngste Buch der Oberösterreicherin Evelyn Schlag mäandert sich souverän in einen kirchlichen Stoff. Mit Sensibilität betritt sie ein brisantes Erzählparkett. In der ungewöhnlichen Optik eines Pfarrers tastet sich die Autorin mit erstaunlichem Einfühlungsvermögen an die "Tiefenstrukturen des Priestertums" heran und schält - im Echo der Spiritualität - ein Netz psychischer Befindlichkeiten heraus. Brillant wird es mit sakralem und profanem Bildungsgut verbunden. Wie kleine Intarsien liegen religiöse Zitate im Erzählfluß, der eine sichere literarische Aneignung des kirchlichen Szenarios erkennen läßt.

Im Mittelpunkt des Romans steht der Konflikt des Priesters Ulrich Brenneisen. Mit 50 Jahren steckt er mitten im Sog "einer Welle von Lebensveränderungen". Seine Hündin Malve, bisher wichtigstes Bezugsobjekt, stirbt; und Cordula, oh "vita nuova", stiehlt ihm plötzlich die Ruhe. Eine gemeinsame Reise nach Wales zapft ein völlig anderes Gefühlssensorium an. Nichts, schon gar nichts "wird mehr sein wie früher". Auf einer Wanderung zieht sich Cordula eine Gehirnblutung zu und schwebt in Lebensgefahr. Und Ulrich überdenkt sein aus der Ordnung geratenes Leben neu - schreibend, im Rückspulen der Erinnerungsknäuel. Das gerät aber auch zur Anamnese einer Krise. Just am Pfingstsonntag, als Ulrich im spätbarocken, dunkelroten Damastgewand ungesammelt und unkonzentriert vor die Gemeinde tritt, nimmt er bestürzt seine "erschütterte Spiritualität" zur Kenntnis. Die Kraft der Erleuchtung weicht einer widrigen Macht des Zweifels: "Was mich gehalten hatte, lief wie mit zu geringer Kraft weiter und verlor mich." Sein bisheriges Leben galt der Arbeit an seinem spirituellen "Lebensprogramm", der Suche nach Gott, nach dem er seine Vorstellung von Liebe geformt hatte. Schlag präsentiert die sukzessive Metamorphose dieses Priesters, die "Lockerung seines starrgewordenen Lebensplans" im Widerschein eines schmerzenden Dilemmas.

Das komplexe Erzählen intendiert keine Chronologie, denn der Faden, der die Beziehung zwischen Ulrich und Cordula aufnimmt, wird immer wieder gekappt für einschneidende Erlebnisse aus der Rückblende, kunstvoll eingesponnene Reflexionen oder Blitzlichter auf unterschiedliche Beziehungsmuster. Die Liebe Ulrichs wird parallelgeführt mit der Homosexualität seines Studienfreundes Johannes, der wegen dieser Neigung aus dem Kloster ausgetreten ist. Auch hier läßt die Autorin Offenheit walten. Homoerotik als "Lebensstil" erscheint als integriertes Segment im schillernden Kosmos des Eros.

Wie ein zarter Film zieht sich Schlags Faszination am Spiel mit der Sprache der Liebe durch den Roman. So erhalten Worte durch Situationsverfremdungen, wenn sie beispielsweise aus dem spirituellen Kontext herausgenommen werden, eine verblüffend neue Färbung. Schon immer galt das Hohelied als "Möglichkeit erotischen Redens mit Bildern". Auch die Worte Jan van Ruusbroecs über die unio mystica -"wild und wüst wie ein Verirren, denn da ist weder Weise, noch Weg, noch Pfad, noch Satzung und Maß" - lassen sich als göttlicher Kontrapunkt zur verkrusteten Ordnung leicht in einer sinnlichen Brennweite erspüren. Virtuos füllt Evelyn Schlag sprachlich vorgeprägte Sehnsuchtsräume mit neuen Empfindungen auf, entwirft geradezu eine Ästhetik des Fühlens in der Neuordnung der Begierden. Mit Vehemenz beschwört sie Liebe, Eros und Begehren als tragende Säulen menschlichen Daseins. Gezeigt wird hier, daß die Macht der Liebe unbeirrbar über klar definierte Grenzen hinwegfließt, auch mit der "Rücksichtslosigkeit eines Aufbruchs". Und dieser Aufbruch zielt darauf hin, Identität neu zu hinterfragen: "Wer bin ich, wenn ich nicht Priester bin?" Was bleibt, wenn das Unantastbare, der Status fällt, wenn "die uralte Sehnsucht nach dem sich nähernden, beugenden Gesicht" bedingungslos zugelassen wird?

Es sind nicht die zweifellos angerissenen Fragen des Zölibats oder die kirchliche Haltung zur Sexualität, die den Reflexionsradius dieses Buches vordergründig dominieren. Im Gegenteil, der Roman wirft keine grellen Lichter an, sondern hält die Botschaft viel subtiler bereit. Und das alles atmet in einer bestechend schönen Prosa, immer wieder leuchtet die poetische Wahrnehmung von Welt kraftvoll aus den Zeilen. Die literarische Reise durch die Koordinaten einer vielstimmigen Emotions- und Gedankenlandschaft ist von einem Esprit der Tiefe durchdrungen, der den Leser bis zum Schluß im Genuß dieses Erzählens hält.

Die göttliche Ordnung der Begierden Roman von Evelyn Schlag Residenz Verlag, Salzburg 1998 187 Seiten, geb., öS 278,-

Mit jedem Satz mehr Ruhe." Den Seiltanz der Gefühle in einem schwarzen Buch bändigen und "Tritt gewinnen", ihn in Worte bannen, weil Aufgeschriebenes nicht mehr gedacht werden muß. Ein Priester "eröffnet die Jagd auf sich", weil eine Frau in sein Leben tritt. Keine anrührende Herz-Schmerz-Geschichte, sondern ein tiefgründiger Blick in eine erschütterte "Seelenarithmetik".

Das jüngste Buch der Oberösterreicherin Evelyn Schlag mäandert sich souverän in einen kirchlichen Stoff. Mit Sensibilität betritt sie ein brisantes Erzählparkett. In der ungewöhnlichen Optik eines Pfarrers tastet sich die Autorin mit erstaunlichem Einfühlungsvermögen an die "Tiefenstrukturen des Priestertums" heran und schält - im Echo der Spiritualität - ein Netz psychischer Befindlichkeiten heraus. Brillant wird es mit sakralem und profanem Bildungsgut verbunden. Wie kleine Intarsien liegen religiöse Zitate im Erzählfluß, der eine sichere literarische Aneignung des kirchlichen Szenarios erkennen läßt.

Im Mittelpunkt des Romans steht der Konflikt des Priesters Ulrich Brenneisen. Mit 50 Jahren steckt er mitten im Sog "einer Welle von Lebensveränderungen". Seine Hündin Malve, bisher wichtigstes Bezugsobjekt, stirbt; und Cordula, oh "vita nuova", stiehlt ihm plötzlich die Ruhe. Eine gemeinsame Reise nach Wales zapft ein völlig anderes Gefühlssensorium an. Nichts, schon gar nichts "wird mehr sein wie früher". Auf einer Wanderung zieht sich Cordula eine Gehirnblutung zu und schwebt in Lebensgefahr. Und Ulrich überdenkt sein aus der Ordnung geratenes Leben neu - schreibend, im Rückspulen der Erinnerungsknäuel. Das gerät aber auch zur Anamnese einer Krise. Just am Pfingstsonntag, als Ulrich im spätbarocken, dunkelroten Damastgewand ungesammelt und unkonzentriert vor die Gemeinde tritt, nimmt er bestürzt seine "erschütterte Spiritualität" zur Kenntnis. Die Kraft der Erleuchtung weicht einer widrigen Macht des Zweifels: "Was mich gehalten hatte, lief wie mit zu geringer Kraft weiter und verlor mich." Sein bisheriges Leben galt der Arbeit an seinem spirituellen "Lebensprogramm", der Suche nach Gott, nach dem er seine Vorstellung von Liebe geformt hatte. Schlag präsentiert die sukzessive Metamorphose dieses Priesters, die "Lockerung seines starrgewordenen Lebensplans" im Widerschein eines schmerzenden Dilemmas.

Das komplexe Erzählen intendiert keine Chronologie, denn der Faden, der die Beziehung zwischen Ulrich und Cordula aufnimmt, wird immer wieder gekappt für einschneidende Erlebnisse aus der Rückblende, kunstvoll eingesponnene Reflexionen oder Blitzlichter auf unterschiedliche Beziehungsmuster. Die Liebe Ulrichs wird parallelgeführt mit der Homosexualität seines Studienfreundes Johannes, der wegen dieser Neigung aus dem Kloster ausgetreten ist. Auch hier läßt die Autorin Offenheit walten. Homoerotik als "Lebensstil" erscheint als integriertes Segment im schillernden Kosmos des Eros.

Wie ein zarter Film zieht sich Schlags Faszination am Spiel mit der Sprache der Liebe durch den Roman. So erhalten Worte durch Situationsverfremdungen, wenn sie beispielsweise aus dem spirituellen Kontext herausgenommen werden, eine verblüffend neue Färbung. Schon immer galt das Hohelied als "Möglichkeit erotischen Redens mit Bildern". Auch die Worte Jan van Ruusbroecs über die unio mystica -"wild und wüst wie ein Verirren, denn da ist weder Weise, noch Weg, noch Pfad, noch Satzung und Maß" - lassen sich als göttlicher Kontrapunkt zur verkrusteten Ordnung leicht in einer sinnlichen Brennweite erspüren. Virtuos füllt Evelyn Schlag sprachlich vorgeprägte Sehnsuchtsräume mit neuen Empfindungen auf, entwirft geradezu eine Ästhetik des Fühlens in der Neuordnung der Begierden. Mit Vehemenz beschwört sie Liebe, Eros und Begehren als tragende Säulen menschlichen Daseins. Gezeigt wird hier, daß die Macht der Liebe unbeirrbar über klar definierte Grenzen hinwegfließt, auch mit der "Rücksichtslosigkeit eines Aufbruchs". Und dieser Aufbruch zielt darauf hin, Identität neu zu hinterfragen: "Wer bin ich, wenn ich nicht Priester bin?" Was bleibt, wenn das Unantastbare, der Status fällt, wenn "die uralte Sehnsucht nach dem sich nähernden, beugenden Gesicht" bedingungslos zugelassen wird?

Es sind nicht die zweifellos angerissenen Fragen des Zölibats oder die kirchliche Haltung zur Sexualität, die den Reflexionsradius dieses Buches vordergründig dominieren. Im Gegenteil, der Roman wirft keine grellen Lichter an, sondern hält die Botschaft viel subtiler bereit. Und das alles atmet in einer bestechend schönen Prosa, immer wieder leuchtet die poetische Wahrnehmung von Welt kraftvoll aus den Zeilen. Die literarische Reise durch die Koordinaten einer vielstimmigen Emotions- und Gedankenlandschaft ist von einem Esprit der Tiefe durchdrungen, der den Leser bis zum Schluß im Genuß dieses Erzählens hält.

Die göttliche Ordnung der Begierden Roman von Evelyn Schlag Residenz Verlag, Salzburg 1998 187 Seiten, geb., öS 278,-