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Am Vorabend der russischen Revolution

DIE SILBERNE TAUBE. Roman. Von Andrey B e 1 y. Aus dem Russischen übertragen von Gisela D r o h I a. Insel-Verlag, Frankfurt am Main 1961. 415 Seiten.

Nach den zahlreichen deutschen Übersetzungen moderner russischer Autoren, die vor 1933 auf dem Büchermarkt erschienen, hörten wir lange Zeit kaum etwas von jener hochinteressanten Literatur am Vorabend der Revolution, die so lebendig die Zersetzungserscheinungen im gesellschaftlichen und kulturellen Leben des zaristischen Rußland spiegelte. Erst in den letzten Jahren nehmen sich deutsche Verlage wieder intensiv dieser teilweise genialen Dichter einer spannungsgeladenen Übergangszeit an, die sich nach ihrem vorrevolutionären Schaffen der Bewältigung einer gewiß nicht weniger problematischen neuen Welt gegenübersahen.

Nach den Erfolgen des S.-Fischer-Ver- lages mit Pasternaks Büchern erschienen im letzten Jahr gleich zwei deutsche Übersetzungen des erzählerischen Werkes von Isaak Babel, eines Repräsentanten jener „verlorenen Generation” russischer Dichter, die, obwohl selbst Revolutionäre, schließlich von der kommunistischen Revolution verschlungen wurden. Babel, der mit den Kavallerieregimentern des roten Marschalls Budjonny im Bürgerkrieg kämpfte, wurde später als „japanischer Spion” verhaftet; über seinen Tod, der 1956 zugegeben wurde, ist nichts Näheres bekanntgeworden.

Eine der schönsten Wiederentdeckungen glückte 1959 dem Insel-Verlag mit Andrey Belyjs Roman „Petersburg”, der, 1913 geschrieben, bereits nach dem ersten Weltkrieg ins Deutsche übersetzt wurde, inzwischen aber nahezu verschollen war. Das Buch gehört zu einer Trilogie, die die Situation am Vorabend der Revolution tief- und hintergründig einfängt. Das uns hier vorliegende Werk „Die silberne Taube” ist der erste Band dieser Trilogie.

Belyj, in dessen Entwicklung sich viel für die geistige Elite seiner Zeit Typisches abzeichnet, wurde 1880 geboren und entstammt einer vornehmen Moskauer Familie, die mit dem kulturellen Leben der Stadt eng verbunden war; Solowjow zum Beispiel gehörte zu den engsten Freunden der Familie. Belyj hat diese geistige Atmosphäre seiner Jugendzeit später in seinem Poem „Das Stelldichein” lebendig geschildert. Ihm, der ein Vertreter des russischen Symbolismus war, ging es, ähnlich wie Alexander Block, um das Erwecken eines „neuen Bewußtseins”. Schon in der vorkommunistischen Epoche, wie so viele Intellektuelle seiner Zeit, ein Anhänger recht umstürzlerischer Ideen, bekannte er sich später zur Revolution, von der er eine geistige Erneuerung und den Sieg des bäuerlichen Rußland erhoffte. Die politischen, sozialen, wirtschaftlichen Ziele des Kommunismus dagegen blieben ihm fremd, und er ist auch in seinem umfangreichen nachrevolutionären Werk nie ein Vertreter der typischen Sowjetliteratur gewesen. Seine Weltanschauung ist im Grunde zutiefst religiös und idealistisch. Trotzdem hatte Belyj gerade auf die begabtesten jungen Schriftsteller der Folgezeit, besonders in formaler Hinsicht, einen kaum zu überschätzenden Einfluß. Seine literarischen Experimente, das an Joyce erinnernde systematische Verschieben der Ebenen in seinen Romanen, die Einführung lyrischer und musikalischer Elemente in die Prosa das alles fand seinen Niederschlag in den Werken der ersten Generation der Sowietliteratur: und seine theoretischen Studien über die russische Literatur und Sprache dienten der späteren Literaturwissenschaft als wichtige Grundlage.

Der uns hier vorliegende Roman „Die silberne Taube” wurde 1909 geschrieben und trägt den Untertitel „Am Vorabend der Revolution auf dem Lande”. Die Hauptfigur, der Schriftsteller Darjalski. ist einer jener schwermütigen Eigenbrötler, die wir aus der alten russischen Literatur kennen; vor allem aber ist er ein Suchender, der nie Genüge findet an der unzulänglichen Wirklichkeit. Die Geschichte beginnt mit Darialskis Verlobung mit der schönen, kindlichen Katja, einer jungen Aristokratin. Er liebt das Mädchen, das aber seine Unruhe nicht zu besänftigen, seiner Seele nicht „Frieden und Heimat zu geben vermag. Gerade in diesem ersten Liebessommer gerät Darjalski durch die halb triebhafte, halb mystische Beziehung zu einer anderen Frau, die den unteren Veikaschichten angehört, in den Bann der „Taubengemeinde”, einer russischen Sekte um die Jahrhundertwende, die das Reich des Heiligen Geistes auf Erden erwartet. So wie sich im Kult dieser Sekte Glauben mit Aberglauben vermengt, ist die wirre Frömmigkeit ihrer Mitglieder immer in Gefahr, ins Satanische und Verbrecherische umzuschlagen. Das Gesicht eines der Erleuchteten der Taubengememde wird einmal als „Mischung von Teiriels- fratze und Heiligenbild” beschrieben. Dar- jalski geht mit seiner Bindon? an diese Sekte in sein Verderben. Nachdem sich ihm die „geistlichen Erhebungen” in den Zu”mmenkünften der „Tauben als Trug und seine vermeintliche Liebe zu Matrena als grobe Sinnenlust entlarvt haben un4 er nach vielen Kämpfen seine Innere und äußere Freiheit wiedergewinnt, wird er als Verräter von Mitgliedern der Taubengemeinde ermordet. Das ist das dürre Gerüst der Geschichte. Was alles aber beschwört Belyj an Hinter- und Untergrund herauf! Das ganze alte Rußland mit seinen gegensätzlichen Strömungen wird gegenwärtig: das aristokratisch-patriarchalische Milieu auf den Gütern, die hektische Unruhe unter den Bauern, die revolutionäre Agitation, die geistigen und geistlichen Sehnsüchte des Landvolkes. Und über allem die Drohung des Untergangs einer Welt, die schon in den Fugen kracht. Es ist aber auch Hoffnung da, Hoffnung auf die geistige Erneuerung aus den inneren Kräften eines Volkes, die sich für Belyj im bäuerlichen Rußland konzentrieren. Von der Rückkehr zum Ursprünglichen, „der Flucht in die Felder”, erwartet er die Rettung.

„Immer größer wird die Zahl derer, die sich in die Felder flüchten, immer größer wird die Zahl der Einsiedeleien in den dichten Wäldern Sibiriens! Wer VOM uns weiß, wie er enden wird? Vielleicht werden wir an unserem Lebensabend nicht still im Sessel sitzen . . . sondern im freien Feld am Galgen sterben, vielleicht beschließen wir unsere Tage irgendwo im Straßengraben . .

Auch noch in der Übersetzung ist Belyjs Sprache von außerordentlichem Reiz, seine Prosa voll von poetischen Impressionen. Er weiß, bei aller Beherrschung realistischer Schilderung, das Unwägbare zu erschließen, das so charakteristisch für das russische Wesen ist. Man sollte sich die Lektüre dieses wahrhaft großen Romans nicht entgehen lassen.

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