Al Pacino - © Getty Images / Gareth Cattermole
Film

Al Pacino: „Das Hollywood von früher ist tot“

1945 1960 1980 2000 2020

Al Pacino wird am 25. April 80 Jahre alt. Der Hollywood-Superstar trauert den guten alten Film- und Kinozeiten nach.

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Al Pacino wird am 25. April 80 Jahre alt. Der Hollywood-Superstar trauert den guten alten Film- und Kinozeiten nach.

Wenn Al Pacino den Raum betritt, dann strahlt dieser trotz seiner kleinen Körpergröße von gerade einmal 170 Zentimetern eine richtige Größe aus: Der 1940 in New York geborene Schauspieler mit italienischen Wurzeln ist einer der letzten großen Hollywoodstars der „alten Schule“, und er ist zusammen mit Joe Pesci und Robert De Niro ein Überbleibsel aus einer Zeit, in der Martin Scorsese einen Mafia-Thriller nach dem anderen realisiert hat.

Dass die Altherrengang das noch immer beherrscht, hat sie Ende 2019 mit „The Irishman“ (auf Netflix) bewiesen. Das FURCHE-Interview mit Pacino fand vor der Corona-Krise statt, deshalb reichte uns der lässige Schauspieler auch ganz leger die Hand zum Gruß. Er kommt in einem schwarzen Anzug mit weit offenem Hemd zum Interview.

DIE FURCHE: Mister Pacino, legen Sie eigentlich Wert auf Ihre Kleidung?
Al Pacino:
Nicht wirklich. Ich bin echt schlecht darin, mir meine Garderobe zusammenzustellen. Das lasse ich meistens meine Freundin machen (lacht). Ich habe keinen Geschmack. Ich habe zwar ein paar Smokings, aber die werden nur bei Anlässen ausgepackt.

DIE FURCHE: Wenn Sie zum Beispiel einen Oscar gewinnen. So wie 1993 für „Der Duft der Frauen“?
Pacino: Ja, damals brauchte ich so was. Das war ein unbeschreibliches Gefühl. Du stehst da oben, und die ganze Welt sieht dir zu. Es ist fast, wie wenn du eine Goldmedaille bei den Olympischen Spielen gewinnst. Der Unterschied ist: Du musst für den Oscar nicht zum 100-Meter-Lauf antreten, sondern hast nur einen Film gedreht.

DIE FURCHE: Was geht einem durch den Kopf, wenn nach „The Oscar goes to …“ der eigene Name verlesen wird?
Pacino:
Es ist in diesem Moment unmöglich, auszudrücken, was Sie ausdrücken wollen. Sie finden keine Worte und wissen in diesem Moment noch nicht, wie Sie sich dabei fühlen, das kommt erst später. Ich war damals in der Mitte von Dreharbeiten und stand unter Zeitdruck. Nach der Verleihung steckte man mich sofort in einen Privatjet, und am nächsten Tag war ich schon wieder am Set. Ich glaube, ich habe nicht ein einziges Interview nach dem Oscar gegeben. Ich durfte nicht mal auf eine Oscar-Party! Was ist denn das bitte schön für ein Mist? (lacht)

DIE FURCHE: Wie kreiert man eine oscarreife Performance? Was ist Ihr Rezept?
Pacino:
Als Schauspieler ist man immer am Beobachten. Man saugt möglichst viele menschliche Verhaltensweisen in sich auf. Ab einem gewissen Alter hat man da natürlich viel mehr Erfahrungsreichtum, aus dem man schöpfen kann. Das sollte intuitiv passieren. Man muss zulassen, dass die eigenen Instinkte die Situation einschätzen können, dann wird eine Performance gut. Wenn ich ganz ehrlich bin, gelingt das selten. Man versucht als Schauspieler die ganze Zeit, das Schauspielen aus einer Szene herauszubekommen, damit es realistischer wirkt, und man scheitert dabei sehr oft.

DIE FURCHE: Sie werden 80 und haben eine lange, denkwürdige Karriere gehabt. Werden Sie nostalgisch, wenn Sie an frühere Erfolge zurückdenken? An den „Paten“ zum Beispiel?
Pacino:
Oh ja, ich werde nostalgisch, weil ich komplett den Überblick über meine Karriere verloren habe. Ich habe ja keine Ahnung mehr, wo ich überall mitgewirkt habe! Ich war ein Teil dieser 70er-Jahre-Ära, die sich erst im Rückblick als eine Ära dargestellt hat. Die Zeit war einzigartig in der Filmgeschichte.

DIE FURCHE: Hat Hollywood sich seither sehr verändert?
Pacino: Und wie! Das alte Hollywood, wie ich es noch kannte, ist tot. Es existiert schon lange nicht mehr. Früher war das eine Gemeinschaft von Künstlern und Kreativen, die dort wirklich tolle Geschichten erzählt haben. Heute ist das leider alles dem finanziellen Interesse großer Medienkonzerne gewichen. Die interessieren sich nicht mehr für Filme, sondern nur mehr für Geld. Und andererseits pressen sie die Filme heute auf kleine Silberscheiben, oder man streamt sie über das iPhone. Das ist doch bitte keine vernünftige Art, sich einen Film anzusehen! Was sieht man schon am iPhone? Nichts!