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Googles nächster Streich

Google TV will Fernsehen und Internet auf einem Gerät verschmelzen. Das lässt Medienmacher um den Wert ihrer Inhalte bangen.

Nach Internet und Handy schickt sich Suchmaschinen-Gigant Google nun an, die TV-Welt nachhaltig zu verändern # Konkurrent Apple macht mit. Der neue Trend im Mediennutzungsverhalten der Menschen lautet: Content muss immer und überall verfügbar sein. Sagen die Experten.

Das Fernsehen ist mittlerweile die alte Dame der Medien geworden, weil es linear, unflexibel und nicht interaktiv ist. Mit dem Modell Google TV soll sich das bald ändern: Die neue Software-Basis von Google soll die Vorzüge von Internet und Fernsehen auf einem Gerät vereinen. Mit Google TV können die Benutzer nicht nur fernsehen und Sendungen aufzeichnen, sondern zugleich auch das Internet durchsuchen, Mails checken, Programme ausführen, und das ganze bequem von der Wohnzimmercouch aus, fernbedient mit ihrem von Google entwickelten Android-Handy. Mit ansprechenden Eingabefeldern soll der Flatscreen zum übergroßen Computermonitor werden. Ein Infotainment-Konzept als Medienkonglomerat, das so viele Möglichkeiten birgt, dass sogar Google auf der Präsentationswebsite www.google.com/tv einräumt: #Das coolste an Google TV ist, dass wir nicht mal wissen, was das Coolste daran sein wird.# Will heißen: Das Konzept ist eine Open-Source-Software, und Entwickler aus aller Welt sind eingeladen, es mit möglichst vielfältigen, kreativen Inhalten zu füllen. Neue Geräte braucht man keine. #Google TV wird von Beginn an mit jedem Fernseher kompatibel sein#, verlautet Google.

Mit Apple TV gibt es bereits einen ähnlichen Versuch, die Medienwelten zu verschmelzen.

Der Vorteil für die Konsumenten: Scheinbar alle verfügbaren Inhalte jederzeit zu genau den Themen verfügbar zu haben, die einen am meisten interessieren. Die Industrie wiederum reibt sich freudig die Hände: Sie kann die Vorlieben ihres Publikums noch zielgenauer erforschen und bedienen.

Die Entwicklung nur eines Endgerätes, das alle Informationen bereithält, befasst auch die Wissenschaft. Der Wiener Kommunikationswissenschaftler Thomas Bauer sieht den Grund für das Zusammenwachsen der Medien unter anderem darin, #dass sich die Gesellschaften zunehmend in Modellen von Medien konstituieren und organisieren#. Das interaktive Web 2.0 habe die Basis dafür geschaffen, dass die Art und Weise, wie Menschen sich in Beziehungen verstehen, ausschließlich über die Medien stattfinde. #Es ist beinahe schon egal, ob die Medienangebote nun Nachrichten oder Unterhaltung sind # am Ende bekommen sie eine Art Konversationscharakter#, sagt Bauer. #Die Verschmelzung der Medien ist letztlich auch die Verschmelzung sozialer Beziehungen.#

Die weltweit agierende Strategieberatung #Booz & Co.# sieht in dem Modell bereits das Ende des klassischen Fernsehens. #Ein grundlegender Umbruch steht bevor#, heißt es. Bis 2015 würden bereits 30 Prozent aller Werbegelder in die Neuen Medien fließen.

Das neue Content-Monopol

Die Entwicklung ruft Fernsehmacher auf den Plan: #In den USA zeigen Google TV und Apple TV, wohin die Reise geht. Suchmaschinen und Vertriebsplattformen saugen jeden Content auf. Unsere Produkte werden zum Gegenstand fremder Geschäftsmodelle#, warnt ZDF-Intendant Markus Schächter, der befürchtet, bald die Hoheit über die eigenen Produkte zu verlieren. Die deutschen TV-Riesen ProSiebenSat.1 und RTL kündigten aus Angst vor der Übermacht des Internets nun sogar eine Kooperation bei einer offenen TV-Plattform im Internet an und nennen das #Vorwärtsverteidigung#. Sie wollen nicht unvorbereitet sein.

Die neue Medienkonzentration, alle Infos in nur einem Gerät zu konsumieren, berge auch Gefahren für den Journalismus, meint Medienwissenschaftler Bauer. #Die technische Komponente ist klar: Je komplexer die Medienwelt wird, desto einfacher soll ihre Konsumierbarkeit werden # daher geht der Trend in Richtung Verschmelzung auf einem Endgerät. Jedoch: Dort laufen dann Informationen von unterschiedlicher Qualität zusammen.# Für die Mediennutzer würde es schwierig, die vermeintliche Vielfalt einzuordnen. #Es kann daraus ein Content-Monopol aus unterschiedlichen Quellen entstehen.#

Am Ende aber werden die Konsumenten entscheiden, ob Google TV ein Erfolg wird. Und man in dem Maße nutzt, was einem die schöne neue Web-TV-Welt vorgaukelt, oder besser: vorgoogelt.

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