Intelligent, scharfzüngig, kurzweilig, unterhaltsam: Mark Twains AUtobiografie ist endlich auf Deutsch zu lesen.

Die richtige Art, eine Autobiografie zu schreiben: "Beginne an einem beliebigen Zeitpunkt deines Lebens; durchwandre dein Leben, wie du lustig bist; rede nur über das, was dich im Augenblick interessiert, lass das Thema fallen, sobald dein Interesse zu erlahmen droht; und bring das Gespräch auf die neuere und interessantere Sache, die sich dir inzwischen aufgedrängt hat.“ Mit dieser in die Tat umgesetzten Idee hat uns Samuel Langhorne Clemens alias Mark Twain ein Gustostück der Memoirenliteratur geschenkt. Gleich Laurence Sterns ausschweifungslustigen Tristram Shandy wechselt auch Mr. Clemens lustvoll Szenen, Figuren, Zeiten und Orte, und der Präsident ist ihm nicht mehr Platz wert als der Nachbar im Dorf. Denn: "Die Ereignisse des Lebens“ sind "überwiegend kleine Ereignisse“ - "nur aus der Nähe betrachtet, erscheinen sie groß. Nach und nach legt sich der Staub, und dann erkennen wir, dass das eine das andere nicht überragt.“

Nicht chronologisch

Wir sind alles, was wir waren, und auch deshalb hat es Sinn, dass Twain nicht chronologisch frisiert sein Leben erzählt, von der Wiege bis zur Bahre. Seine Autobiografie fasziniert auch wegen des scharfen Verstandes des Autors, seiner bösen Zunge, dem unbändigen Humor und der Liebe zur Fantasie, die Twain, will man seinen Erzählungen glauben - und glauben Sie mir, man will! - von Kindheit an eigen ist.

Erst nach hundert Jahren, so war Twains Wunsch, sollte seine Autobiografie veröffentlicht werden, aus dem Grab zu sprechen machte den Autor freier. Bald wurde sie dennoch veröffentlicht, in Auszügen. Nun aber gibt es sie erstmals vollständig auch auf Deutsch zu lesen, mit eigenem Anmerkungsband.

Hier lassen sich die Vorbilder für Twains literarische Figuren finden und wunderschöne Episoden über die eigene Familie. Twains Ehefrau etwa lektorierte seine Texte, die Kinder halfen ihr dabei - und sie waren es auch, die den Schriftsteller forderten: "Dann und wann baten mich die Kinder, eine Phantasieerzählung zu erfinden - immer aus dem Stegreif, nicht eine Sekunde Vorbereitungszeit war gestattet -, und in diese Phantasieerzählung musste ich sämtliche Nippfiguren und die drei Bilder einbeziehen.“

Einen Schatten warf der Tod der 24-jährigen Tochter Susy auf die Familie. Als 13-Jährige schrieb sie eine Biografie über ihren Vater, der diese in seinen eigenen Text einfließen lässt, und das verleiht dem scharfzüngigen Text eine anrührende persönliche, aber ebenso humorvolle Note: "Neulich erzählte er uns, er kann es nicht ertragen, jemanden anders als sich selbst reden zu hören, sich selbst aber kann er stundenlang reden hören, ohne zu ermüden, natürlich sagte er das im Schertz, aber ich habe keinen Zweifel, dass es wahr ist.“

Verblüffend aktuell

Twains erfrischend böse Zunge macht vor dem Weißen Haus nicht Halt, etwa vor dem Präsidenten Theodore Roosevelt. Auch amerikanische Tabus kümmern ihn nicht, und den Thanksgiving Day benennt er deutlich als "Feiertag, der vor zwei, drei Jahrhunderten von Neuengland ausgegangen war, als die Leute dort erkannten, dass sie - jährlich, nicht öfter - allen Grund hatten, dankbar zu sein, wenn es ihnen gelungen war, in den letzten zwölf Monaten ihre Nachbarn, die Indianer, auszurotten, statt von ihren Nachbarn, den Indianern, ausgerottet zu werden.“

Mark Twain schrieb mit seiner Autobiografie ein Stück amerikanische Post-Bellum-Geschichte. Doch seine satirischen Beobachtungen über Verleger, Medien, Reden, Wirtschaft und Politik sind verblüffend aktuell: "Wenn wir lernen wollen, was das menschliche Geschlecht, bei Licht betrachtet, wirklich ist, brauchen wir es nur in der Wahlzeit zu beobachten.“

Meine geheime Autobiographie

Von Mark Twain Übers. von Hans-Christian Oeser. Aufbau 2012. 2 Bde., 1133 S., geb., e 51,30

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