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Zauberwort Kampagne

1945 1960 1980 2000 2020

Unter dem Druck der Arbeitgeber und Mitglieder suchen die Gewerkschaften neue Strategien.

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Unter dem Druck der Arbeitgeber und Mitglieder suchen die Gewerkschaften neue Strategien.

Wie werden Gewerkschaften in Zukunft die Interessen der Arbeitnehmer durchsetzen? Zeichnen sich neue Methoden ab? Oder läutet ihnen schon die Totenglocke? Das war die unausgesprochene Frage im Hintergrund einer Tagung vor wenigen Monaten in Linz. Veranstalter: das Bildungsreferat der oberösterreichischen Arbeiterkammer. Thema: "Lauwarm und handgestrickt? Arbeitnehmerverbände im Ringen um Kampagnenfähigkeit". Nun sind die Referate in einem Paperback des ÖGB erschienen. Das Buch vermittelt eine Ahnung vom Stil, mit dem Konflikte in Zukunft ausgetragen werden könnten.

"Alle Räder stehen still, wenn dein starker Arm es will!" hieß es, als die Drohung mit Streik noch die mächtigste Waffe der Gewerkschaften war. Auch in den seligen Zeiten der Sozialpartnerschaft stand immer die Rute im Fenster, und weil dies beide Seiten wußten, wurde sie selten gebraucht. Sie flößt heute aber viel weniger Angst ein. Dies gilt in Ländern mit Konfrontations- und Streiktradition wie Frankreich genauso wie im sozialpartnerschaftlichen Österreich. Mit dem Schwinden des Vertrauens der Arbeitnehmer in die Gewerkschaften schwinden auch deren Mitglieder dahin. Das bedeutet doppelten Druck von unten: Sie müssen sich etwas Neues überlegen, um ihrer Aufgabe gerecht zu werden und selbst nicht unterzugehen. So gewannen die Begriffe "Kampagne" "Kampagnenfähigkeit" plötzlich eine geradezu zeitgeistige Ausstrahlung.

US-Gewerkschaften waren die Vorreiter. Die Kampagne gegen VW- Amerika ist bereits klassisch. Ihr Erfinder Andy Banks genießt heute den Ruf eines Spezialisten für die Konzeption strategischer Kampagnen mit internationaler Reichweite und berichtete auch in Linz über seine Erfahrungen. VW hatte im Hafen von Wilmington in Delaware ein Reparaturwerk geschlossen, 326 Werkarbeiter entlassen und dabei eine Gesetzeslücke ausgenützt. Die Stadt und der Gouverneur waren wütend, immerhin hatte man den Hafen VW zuliebe mit öffentlichen Mitteln ausgebaut. Doch Arbeitslose können nicht streiken. Die Aktionen zielten auf die empfindlichsten Punkte des Konzerns: Umsatz und Image. Sie begannen mit Flugblättern, in denen Autokäufer auf Rückrufaktionen und technische VW-Schwächen aufmerksam gemacht wurden. Weiter ging es mit einer Flugzettelattacke bei der wichtigsten Veranstaltung der "Deutschen Wochen" in Washington, Demonstrationen vor der VW-Zentrale in Detroit, einem Offenen Brief an VW-Aufsichtsratsmitglied Gerhard Schröder, der ihm gerade zu diesem Zeitpunkt - er begann um die Kanzlerkandidatur zu raufen - nicht gelegen kam, und Artikeln in deutschen Zeitungen. Als dann noch die Unterhändler der Gewerkschaft eine Verhandlung verließen, aber den Entwurf eines für die deutsche Presse bestimmten Papiers auf dem Tisch "vergaßen", entschloß sich VW zur Schadensbegrenzung. Alle Arbeitsplätze wurden wiederhergestellt, vertraglich abgesichert und die Arbeiter für den Lohnausfall entschädigt.

Kampagne ist ein altes Wort für Feldzug. Heute versteht man darunter laut Lexikon eine größere, zeitlich begrenzte Aktion in Wirtschaft, Werbung oder Politik. Wie es scheint, müssen sich die Arbeitgeber darauf einstellen, daß sich auch die Gegenseite aller Instrumente der modernen Öffentlichkeitsarbeit bedient. Mit ihrer erfolgreichen Kampagne gegen die Drogeriekette Schlecker hat auch die deutsche Gewerkschaftsbewegung bereits eine Erfolgsstory.

Schlecker hatte 1993 erst 3.500 Filialen, zwei Jahre später bereits 5.000. Ohne extreme Ausbeutung der 25.000 Arbeitnehmerinnen, es handelte sich vorwiegend um Frauen, wäre die schnelle Expansion der Kette kaum möglich gewesen. Die Frauen hatten lediglich einen Gesamtbetriebsrat - darin aber kein einziges freigestelltes Mitglied. Als Schlecker-Angestellte in Mannheim von der Gewerkschaft ihre Bezüge überprüfen ließen, ergaben sich erhebliche Abweichungen vom Tarifvertrag. Das Schlecker-Management übte permanenten Druck aus. In vielen Filialen war tagsüber nur eine Frau anwesend, die nicht gleichzeitig in der Kasse sitzen und sich bei der Ware aufhalten konnte, auf die Toilette zu gehen, war überhaupt unmöglich. "Revisoren" schummelten abgelaufene Ware in die Regale und brummten der ertappten "Verantwortlichen" als Strafe einen Lohnabzug auf. Telefone gab es in den Filialen nicht. Nach einem Überfall verblutete die verletzte Verkäuferin, weil kein Telefon auffindbar war.

Die Forderung lautete: Einhaltung der Tarifverträge, Telefone, ständige Anwesenheit von mindestens zwei Beschäftigten in jedem Laden, Einstellung der Schikanen, Betriebsratswahlen. Es bestand Konsens, die Arbeitnehmerinnen aus der Kampagne herauszuhalten. Daher wurde zunächst ein Netz von Frauenverbänden, Gewerkschaften, kirchlichen Friedensgruppen und Prominenten aus Parteien und Kirchen aufgebaut. Die Kampagne begann im Herbst 1994 mit Pressekonferenzen, bei denen die Industriepfarrer anwesend waren, vorerst aber nur ein Teil des vorhandenen Materials präsentiert wurde. Schlecker-Dienstnehmerinnen bildeten Wahlvorstände für Betriebsräte. Als Schlecker mit Kündigungen antwortete, machten die Prominenten mit empörten Telefonaten, Faxen und öffentlichen Erklärungen Druck. Demonstrationen vor und in den Filialen sowie eine Postkartenaktion sorgten für eine weitere Eskalation. Anfang März 1995 gab Schlecker nach und erfüllte sämtliche Forderungen. Weitere Aktionen waren geplant, aber nicht mehr notwendig.

Auch in Österreich springen bereits Gewerkschaften über den Schatten des Konsenssystems und beginnen mediengerechte Aktionen in ihre strategischen Überlegungen einzubeziehen. Eine handgestrickte, doch mediengerechte Aktion war der von der Gewerkschaft Hotel, Gastgewerbe, Persönlicher Dienst organisierte Besuch zweier bekannter Innsbrucker Innenstadtlokale durch 300 Personen, die schlagartig alle freien Tische besetzten und bei Mindestkonsumation eines alkoholfreien Getränks zum Preis von rund 26 Schilling stundenlang sitzenblieben und Diskussionen anboten.

Die amerikanischen Gewerkschaften hätten, schreiben die Herausgeber, "ein Leuchtfeuer ans Ende des Tunnels gesetzt", aber, wie einer der Referenten feststellte: In unserer politischen Kultur sei Gewerkschaftsarbeit vor allem "andauerndes Verhandeln auf vielen politischen Ebenen sowie in öffentlichen und nicht-öffentlichen Situationen". Kampagnenarbeit könne das Verhandeln ergänzen und unterstützen. Oder, um dies wieder zu ergänzen: Verhandlungsbereitschaft erzeugen - und dabei auch gleich die Mitglieder wieder mehr interessieren und aktivieren.

Mobilisierung und Kampagnenfähigkeit Impulse für die gewerkschaftliche Interessendurchsetzung Verlag des ÖGB, Wien 1999 212 Seiten, Pb., öS 228,