Digital In Arbeit

Pilgern ein Stück des Wegs gemeinsam gehen

Nicht nur der Papst pilgert dieser Tage nach Mariazell. Pilgern ist heute wieder für viele Menschen ein Ausdruck dafür, der Sehnsucht zu folgen.

Was also macht das Wesen, den Kern einer wirklichen Wallfahrt aus? Was hat von der großen, jahrtausendealten Pilgertradition bis in die Gegenwart überlebt - und was ist heute anders? Wie viel Religion, wie viel Verzicht ist unterwegs gefordert? Wie lange müsste ein Pilgerweg sein? Und: Gilt Pilgern nur zu Fuß - oder auch per Pkw oder Flugzeug, Bus oder Fahrrad?

Zunächst und vorweg: Mit einer von niemandem erwarteten Intensität liegt das Wallfahren wieder im Trend - trotz aller soziologischen Befunde von einer "Verdunstung des Religiösen", einer "Entchristlichung" und "Entkirchlichung". Unzählige Millionen Menschen sind Jahr für Jahr unterwegs - nach Mariazell und Altötting, nach Fatima und Lourdes, nach Santiago und Guadeloupe, nach Rom, Jerusalem und anderswohin.

Es sind keineswegs nur die alten, braven Kirchgänger, die sich, von Pfarrern und katholischen Funktionären motiviert und organisiert, auf den Weg machen. "Pilgern heute" kennt keine Altersgrenzen - es vereint reiselustige Senioren in ihren Autobussen mit Wander- und Naturbegeisterten, Alternativ-Urlauber und Erlebnishungrige mit Esoterikern, Taizé-Lieder singenden Jugendgruppen mit entspannungshungrigen Managern.

Mehr als ein Drittel aller Wallfahrer unserer Tage ist noch keine 30 Jahre alt - ein Prozentsatz, der sich geradezu sensationell von der allgemein registrierten Glaubenspraxis unterscheidet. Viele ihrer Motive sind mit der großen Tradition nur schwer in Deckung zu bringen. Manches auf ihrem Pilgerweg hat auch die religiöse Strenge und Konzentration von einst verloren - und verbindet nicht selten die Freude am Gehen, Singen und Beten mit der Ausgelassenheit abendlicher Disco-Besuche.

Und doch bleibt auch heute viel vom Wesentlichen jeder Wallfahrt lebendig:

Zunächst der Entschluss zum Aufbruch - und die bewusste Trennung vom Alltäglichen.

Dann die Erfahrung des Weges - und das Einlassen auf Neues, Unbekanntes, auch Unsicheres.

Auch das Eintauchen in das Geheimnis des Rhythmischen, des Monotonen und ganz Bei-Sich-Seins. Viele Pilger spüren heute zunächst einen fast schmerzhaften Gegensatz zur gewohnten Wirklichkeit unserer rasenden Zeit - bald aber eine seltene Gelegenheit, in der Zeitlosigkeit das "Ich" und das "Wir", die Schönheit der Schöpfung und vielleicht auch den Schöpfer neu zu entdecken.

Und schließlich ist da auch noch das Erlebnis der Ankunft. Die Freude, über alle Mühen, alle Unwägbarkeiten hinweg tatsächlich "ans Ziel" zu kommen und Unverbindliches verbindlich zu machen.

Es ist der Weg

Freilich: Gerade dieser Gipfelmoment des Eintreffens am Heiligen Ort scheint heute vielen, vor allem jüngeren Pilgern nicht mehr mit den großen Wallfahrts-Erfahrungen von einst deckungsgleich zu sein: Für eine beträchtliche Zahl von ihnen scheint der Weg, die Anstrengung, das Gemeinschaftserlebnis, die interkulturelle Begegnung, aber auch das Alleinsein - die Zeit brennender Füße und brennender Herzen - die wesentliche, unauslöschbare Erfahrung zu sein. Dagegen tritt das Eintreffen am Pilgerziel, die eigentliche Begegnung mit dem Gnadenort, den Kult- und Andachtsstätten - bereits deutlich in den Hintergrund.

Jeder von uns weiß es: Nicht immer sind es die angekündigten Höhepunkte, die ein Erlebnis unvergesslich machen. Die uns bewegen, ergreifen, erschüttern. Irgendwann waren wir auf Pilgerfahrt im Hl. Land unterwegs - und eine Frau aus unserer Gruppe war schon frühmorgens zur Küste gelaufen, um den Aufgang der Sonne nicht zu versäumen. Das Objektiv ihrer Kamera war genau auf den Punkt größter Helligkeit fixiert. Aber: Die Sonne ging anderswo am Horizont auf - dort, wo Wolken zunächst ihr Licht gedämpft hatten. Wo sie nicht erwartet wurde …

Wallfahrt ist "Wandelfahrt", auch in seiner sprachlichen Wurzel. Und jeder Wandel ist ein Prozess - unbestimmt und unberechenbar. "Wer auf Wallfahrt geht, wandelt sich. Nicht erst am Ziel, sondern am Weg geschieht diese Wandlung", schreibt der Linzer Moraltheologe Michael Rosenberger in seinem wunderbaren Buch Wege, die bewegen. Eine kleine Theologie der Wallfahrt. Es ist das Unterwegssein, aus dem - wenn überhaupt - die Frage nach dem Woher und Wohin des Menschen, nach Ziel, Auftrag und Bestimmung wächst. Wallfahren ist immer zunächst und vor allem eine Reise zu sich selbst.

Europäisch - ökumenisch

"Pilgern heute" unterläuft aber nicht nur die gewohnten Altersgrenzen aktiver Christen. Mehr und mehr überwindet es - im Zeichen hoher Mobilität und offener Grenzen - auch regionale, nationale, ja selbst kontinentale Grenzen. Pilgerrouten werden zunehmend wieder europäisch, verbinden mit neuen Wegen uralte Wallfahrtszentren, Kultplätze und Heilige Orte. Ihrer steigenden Attraktivität wegen werden sie heute auch von europäischen Institutionen gefördert. "Wallfahrt der Völker" - was einst nur wenigen Orten wie Mariazell vorbehalten blieb, ist heute für viele europäische Pilgerstätten keine Vision mehr.

Mehr noch: Einst Faktor der Spaltung, überwindet das "Pilgern heute" zunehmend die alten konfessionellen, ja gelegentlich auch interreligiösen Grenzen. Man zieht wieder gemeinsam. Allen Schmähungen des Wallfahrtswesens durch Martin Luther und andere zum Trotz werden Pilgerwege heute auch von Protestanten instand gesetzt und genützt. Nicht nur Orthodoxe und Katholiken pilgern gemeinsam zu den Gnadenbildern der Gottesmutter und "Theotokos", der Gottesgebärerin. Als Sinnbild einer dienenden Kirche - und nicht mehr als die barocke "Himmelskönigin" - steht Maria auch für viele Evangelische vor einer Neuentdeckung. Pilgern wird also ökumenisch - und die "Wallfahrt der Vielfalt" ist schon heute weit mehr als eine ökumenische Zukunftshoffnung.

Und noch etwas: Wenn die Zeichen nicht täuschen - und das bunte Gewoge auf den großen europäischen Pilgerrouten, vor allem auf der "Straße der Sterne", dem Jakobsweg nach Santiago, spricht eine deutliche Sprache -, unterspült das "Pilgern heute" sogar die größte aller bisherigen Trennungen: jene zwischen Gläubigen und Skeptikern, zwischen Nah- und Fernstehenden, zwischen Kirchentreuen und Zweiflern, Skeptikern und Kritikern. Zur "Anderen Wallfahrt", zur "Wallfahrt im Clinch" (Kloster Einsiedeln), werden seit einigen Jahren auch Menschen unterschiedlichster Kirchennähe und Glaubenstiefe eingeladen. Um "ein Stück Weges" gemeinsam zu gehen und einander im Reden und Schweigen zu begegnen.

Auszug aus dem Beitrag "Pilgern - Sinnsuche des postmodernen Menschen" des Autors in:

Benedikt XVI. in Österreich

Verlag Styria, Wien 2007, ca. 128 S., zahlr. Farb-Abb. geb., € 16,90 (Bestellschein siehe unten).

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau