Digital Dirndl

#2 Ist Leopoldau Wien Mitte?

1945 1960 1980 2000 2020

Auch (Fahr)Pläne können zu Orientierungslosigkeit führen.

1945 1960 1980 2000 2020

Auch (Fahr)Pläne können zu Orientierungslosigkeit führen.

Bei meiner ersten selbstständigen Reise in die Großstadt war ich bereits 16 Jahre alt und gerade dabei, den L17-Führerschein zu machen – für Teenager auf dem Land der wichtigste Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Um zur Führerscheinprüfung antreten zu können, musste man 3000 Kilometer Fahrpraxis erwerben. An einem normalen Tag in meiner Heimatgemeinde Mistelbach schaffte ich maximal fünf bis sieben – selbst wenn ich meine jüngeren Geschwister zu all ihren Nachmittagsaktivitäten kutschierte und dabei die ganze Stadt dreimal umkreiste. Mit dem Zug nach Wien zu fahren, um dort meinen Vater von seinem Büro abzuholen und die Rückfahrt über selbst am Steuer zu sitzen, erschien mir deshalb durchaus effizient. Immerhin rund 40 Kilometer konnte ich mit einer Fahrt einhamstern.

Nun saß ich also das erste Mal ganz allein in der Schnellbahn von Mistelbach nach Wien. Während draußen die Felder vor den Fenstern vorbeizogen, betete ich meine Route wie ein Mantra vor mich hin. „Bis Wien Mitte, dann in die U3 Richtung Simmering und bei Erdberg aussteigen ...“ Bis zur Station Gerasdorf schien alles nach Plan zu verlaufen. Aber dann. „Nächster Halt Wien Leopoldau, Umsteigen zur Linie U1“, riss mich Chris Lohner aus meinen Gedanken. Leopoldau? Hat nicht Wien Mitte auch eine Alternativbezeichnung, die mit L beginnt? Muss ich nun aussteigen? Was, wenn ich nicht aussteige? Finde ich jemals wieder zurück, sollte ich die falsche Entscheidung treffen? Wien Leopoldau ... Wien Mitte ... Verdammt. Panisch blickte ich mich um, in der Hoffnung, irgendwo einen Hinweis darauf zu finden, ob ich die Schnellbahn nun verlassen sollte oder nicht.

Schließlich konnte ich nicht anders und platzte heraus: „Ist Leopoldau Wien Mitte?!“ Die Frau auf dem Sitz schräg gegenüber blickte mich an und antwortete mit einem schiefen Lächeln: „Du merkst schon, wenn wir in Wien Mitte sind. Da wollen alle hin.“ Natürlich. Einfach den anderen folgen. Die kennen den rechten Weg. Er war ja für alle anständigen Menschen gleich. Führerschein, Matura, Studium ... Siemensstraße, Floridsdorf, Handelskai. Wer vom Weg abkam, hatte versagt. Job, Familie ... Traisengasse, Praterstern. Möglichst schnell ans Ziel kommen. Haus mit Garten ...Wien Mitte-Landstraße ... LANDSTRASSE! Ich wusste, es war etwas mit L!

Bei meiner ersten selbstständigen Reise in die Großstadt war ich bereits 16 Jahre alt und gerade dabei, den L17-Führerschein zu machen – für Teenager auf dem Land der wichtigste Schritt in Richtung Unabhängigkeit. Um zur Führerscheinprüfung antreten zu können, musste man 3000 Kilometer Fahrpraxis erwerben. An einem normalen Tag in meiner Heimatgemeinde Mistelbach schaffte ich maximal fünf bis sieben – selbst wenn ich meine jüngeren Geschwister zu all ihren Nachmittagsaktivitäten kutschierte und dabei die ganze Stadt dreimal umkreiste. Mit dem Zug nach Wien zu fahren, um dort meinen Vater von seinem Büro abzuholen und die Rückfahrt über selbst am Steuer zu sitzen, erschien mir deshalb durchaus effizient. Immerhin rund 40 Kilometer konnte ich mit einer Fahrt einhamstern.

Nun saß ich also das erste Mal ganz allein in der Schnellbahn von Mistelbach nach Wien. Während draußen die Felder vor den Fenstern vorbeizogen, betete ich meine Route wie ein Mantra vor mich hin. „Bis Wien Mitte, dann in die U3 Richtung Simmering und bei Erdberg aussteigen ...“ Bis zur Station Gerasdorf schien alles nach Plan zu verlaufen. Aber dann. „Nächster Halt Wien Leopoldau, Umsteigen zur Linie U1“, riss mich Chris Lohner aus meinen Gedanken. Leopoldau? Hat nicht Wien Mitte auch eine Alternativbezeichnung, die mit L beginnt? Muss ich nun aussteigen? Was, wenn ich nicht aussteige? Finde ich jemals wieder zurück, sollte ich die falsche Entscheidung treffen? Wien Leopoldau ... Wien Mitte ... Verdammt. Panisch blickte ich mich um, in der Hoffnung, irgendwo einen Hinweis darauf zu finden, ob ich die Schnellbahn nun verlassen sollte oder nicht.

Schließlich konnte ich nicht anders und platzte heraus: „Ist Leopoldau Wien Mitte?!“ Die Frau auf dem Sitz schräg gegenüber blickte mich an und antwortete mit einem schiefen Lächeln: „Du merkst schon, wenn wir in Wien Mitte sind. Da wollen alle hin.“ Natürlich. Einfach den anderen folgen. Die kennen den rechten Weg. Er war ja für alle anständigen Menschen gleich. Führerschein, Matura, Studium ... Siemensstraße, Floridsdorf, Handelskai. Wer vom Weg abkam, hatte versagt. Job, Familie ... Traisengasse, Praterstern. Möglichst schnell ans Ziel kommen. Haus mit Garten ...Wien Mitte-Landstraße ... LANDSTRASSE! Ich wusste, es war etwas mit L!

Digital Dirndl V2 - © Illustration: Rainer Messerklinger

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Aufgewachsen im Weinviertel, dann übersiedelt nach Wien, ist Margit Körbel mittendrin im Konflikt von gemütlicher Landidylle und rauschendem Stadtleben, Traditionen und deren Bruch, Millennials und Babyboomern. Wöchentlich schreibt Sie von Ihren Erlebnissen. Hier kostenlos abonnieren.

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