Die allerschönste Weisheit

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Ines Charlotte Knoll über Sprach- und Denkversagen der heutigen Zeit.

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Ines Charlotte Knoll über Sprach- und Denkversagen der heutigen Zeit.

Ewiger Schweiger, Gott, und ewiger Hörer!“ Werner Bergengruen, geboren am 16. September 1892 in Riga, ruft so seinen Gott an, als rufe er im September 2022 in das Kriegsgeschrei und in die Klimaweinkrämpfe auf dieser Erde. Wir sind mit unserem Latein am Ende. Und mit unserem Englisch und Französisch, mit unserem Sprechen in allen Sprachen. Ins Wortverenden gestürzt. Mit dem Rechnen kommen wir auch nicht weiter in dieser zynischen Zeit.

Es ist nicht das erste Sprach- und Denkversagen; und wider alles tragische Wissen haben wir unsere Kinder dennoch in diesem Schuljahr in die Schule geschickt. Etwas vertraut. Etwas bleibt, und wir sind jetzt hier. Gott sei Dank. Auch trösten klare Stimmen durch alles Gesagte und Unsagbare. „Tief im Innersten der Ringe“, so meint der im Nationalsozialismus verbotene Schriftsteller Bergengruen, ruht der Erden „Kern getrost und heil. / Und mit jedem Schöpfungsdinge / hast du immer an ihm teil.“ Das ist die Aufgabe, finde ich septemberfröhlich, so richtig wohlgemut. Die Teilhabe an allem, was ist, in welchem Leben, an welchem Hebel des Hierseins auch immer.

Der biblische Monatsspruch in diesem September legt für dieses Amt aus dem ersten Buch Sirach einen Lichtgrund in die Seele: „Gott lieben, das ist die allerschönste Weisheit.“ Darin hat alles Platz: die Angst, der Mangel, die Verzweiflung, die Qual und die Schuld. „Es lobt Dich Lästerung … und es loben Dich Klagegesänge“, schreibt der Dichter. Im Gottesraum indes findet das große Umdenken statt. In ihrer Weisheit bringt die Gottesliebe die Ewigkeit in jede Zeit, darin sie schweigt und hört. In Erwartung einer tiefgreifenden Verwandlung aller handelnden Charaktere des Weltgeschehens, dessen Teil wir sind. In der Seele jedoch lichtbegründet, Du und ich, Gott gestaltend für – und für IMMER. EWIG.

Die Autorin ist evangelische Pfarrerin i. R.

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