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Mach's wie Gott, werde Kind

Der Umgang der Gesellschaft und der Gemeinden mit Kindern muss gerade zu Weihnachten ein Thema sein. Der neue evangelische Superintendent A.B. von Wien, hansjörg lein, interpretiert die Weihnachtsbotschaft.

Und das habt zum Zeichen: ihr werdet finden das Kind, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen." So lesen wir die weihnachtliche Botschaft im Evangelium des Lukas. Es ist also das Kind, um das sich alles dreht. Es ist das Jesus-Kind in der Krippe. Im nächtlichen Stall, in der Kälte der Welt. Und doch geborgen in den Armen seiner Mutter. Empfangen, getragen unterm Herzen, erwartet voller Sorge und Sehnsucht, geboren unter einem guten Stern. Ein Kind, ausgesetzt und ausgeliefert den Mächten dieser Welt. Was aber bitte ist daran schon Besonderes? Warum feiern wir das Jahr für Jahr? Ganz einfach: Weil in diesem Kind Gott selber zur Welt kommt. Das ist unser Glaube. Das ist unser Wunder. Das ist das Erstaunliche. "Das habt zum Zeichen: ihr werdet ein Kind finden..." In unserem Leben ziehen wir aus und machen uns auf die Suche. Auf die Suche nach Glück, nach Anerkennung, nach Liebe und Geld. Wir suchen Erfüllung im Beruflichen wie im Privaten, wir suchen (manchmal) nach dem Sinn unseres Lebens, wir suchen nach Menschen, ja sogar nach Gott. Doch was finden wir zu Weihnachten: nichts weiter als ein Kind. Nichts Größeres, nichts Tolleres, nichts Berühmteres, nichts Aufregenderes!

Theologie in Liedern

In dem bekannten Lied "Vom Himmel hoch, da komm ich her" hat Martin Luther im Jahr 1535 die lukanische Geschichte von der Geburt Jesu in 15 Strophen textlich verdichtet und mit einer Melodie versehen.

Da heißt es:"Euch ist ein Kindlein heut geborn / von einer Jungfrau auserkorn, / ein Kindelein so zart und fein, / das soll eu'r Freud und Wonne sein. // ... So merket nun das Zeichen recht: / die Krippe, Windelein so schlecht, / da findet ihr das Kind gelegt, / das alle Welt erhält und trägt. // ... Sei mir willkommen edler Gast! / Den Sünder nicht verschmähet hast / und kommst ins Elend her zu mir: / wie soll ich immer danken dir ? // Ach Herr, du Schöpfer aller Ding, / wie bist du worden so gering, / dass du da liegst auf dürrem Gras, / davon ein Rind und Esel aß !"

Theologie in konzentrierter Form, in einer Sprache, die auch Menschen im 21. Jahrhundert verstehen können. Gott kommt in meine/unsere Welt. Zu mir und zu dir. In dein Elend und in meines. Ich als Mensch, ich als Sünder werde angenommen. Die unvorstellbare Schöpferkraft Gottes wird sichtbar und greifbar in einem Kind! Einem hilflosen, wehrlosen, kleinen menschlichen Wesen!

Ein anderer berühmter Liederdichter, Paul Gerhardt, formulierte es 1653 unter anderem so: "Heute geht aus seiner Kammer / Gottes Held, der die Welt / reißt aus ihrem Jammer. / Gott wird Mensch dir Mensch , zugute, / Gottes Kind, das verbindt / sich mit unserm Blute."

Alltägliches Elend

Nun, Weihnachtslieder und Theologie sind das eine, Nachrichten in den Medien sind das andere. So lese ich am 9. Dezember in einer Tageszeitung unter der Überschrift "Gewalt gegen Kinder als alltägliches Delikt": "Die Misshandlung der zehnjährigen Jacqueline, die von ihrem Vater und ihrer Stiefmutter drei Wochen lang gequält worden ist, ist nur die Spitze eines Eisberges. Hunderte Fälle von körperlicher Gewalt gegen Kinder landen jährlich bei der Exekutive." Die österreichische Kriminalstatistik des Jahres 2002 weist bei Kindern unter sechs Jahren folgendes auf: zwei Morde, 94 Fälle von Körperverletzung und 31-mal das Delikt "Quälen oder Vernachlässigen eines Unmündigen." Wer es fassen kann, der fasse es!

Aber Achtung, liebe Leserin, lieber Leser: Die Täter sind dabei überall zu finden. "Es gibt keine Eingrenzung auf bestimmte soziale Schichten oder Alter", erläutert Maria Ullram, Referentin für Gewalt in der Familie im Bundeskriminalamt.

Kinder sind auf jeden Fall die Schwächsten in der Gesellschaft, und nicht nur in unserer heute. (Zu erinnern ist an die biblische Geschichte vom Kindermorden in Bethlehem.) Wenn also die christliche Weihnachtsbotschaft das Kind in die Mitte rückt, dann hat das Konsequenzen - hoffentlich! Für uns als Einzelne, für uns als Familie, für uns als Gesellschaft, für uns als Kirchen.

Kirche und Kinder

Reine Lippenbekenntnisse allerdings gibt es genug. Theorie und Praxis klaffen hier weiter auseinander als in anderen Bereichen des Lebens. Ich weiß, wovon ich schreibe, denn ich selbst bin seit vielen Jahren Vater von zwei Kindern.

Die Evangelische Kirche in Österreich beschäftigt sich seit längerem mit dem Thema "Kirche mit Kindern". Auf der Synode im Herbst 2002 wurde eine Handreichung vorgestellt und diskutiert, in deren Vorwort Oberkirchenrat Michael Bünker schreibt: "Was bedeutet es für die Theologie und die kirchliche Arbeit, Kirche und Gesellschaft aus der Sicht von Kindern wahrzunehmen? ... Auf der einen Seite geht es um die Einführung des kinderoffenen Abendmahls in der Evangelischen Kirche A.B., auf der anderen um erste Schritte für eine elementare Grundausrichtung kirchlicher und diakonischer Arbeit an der Perspektive des Kindes. Damit wird ein theologisches Zentralthema der Verkündigung Jesu aufgenommen. Er lehrte die Seinen, Gott Abba' zu nennen, vertrauensvoll wie Kinder zu ihm zu beten und so das besondere Geheimnis des Reiches Gottes zu erspüren. Dieses theologische Zentralthema gewinnt durch eine überzeugende und inspirierende Praxis von Diakonie, Kirche und Gemeinden auch gesellschaftliche Relevanz."

Auch in anderen Kirchen ist diese Thematik auf der Tagesordnung. Zum Beispiel in der Evangelischen Kirche in Berlin-Brandenburg. Dort lautet die erste These in der Broschüre "Im Blickpunkt: Kinder": "Kinder - Ein Geschenk wahrnehmen. Die christliche Gemeinde ist mit Kindern begabt. Ohne Kinder wäre sie unvollständig. Sie sind wesentlich für das Ganzsein der Gemeinde und für die Lebendigkeit der Kirche. Die Arbeit mit Kindern ist darum nicht in die Beliebigkeit der Gemeinden gestellt, sondern elementarer Bestandteil des gemeindlichen Lebens und auch eine gesamtkirchlich zu verantwortende Aufgabe. - Wo erleben Kinder in unserer Gemeinde Wertschätzung und Annahme? Wo können und wollen Gemeinden die ihr anvertrauten Kinder als Teil ihrer selbst entdecken? Woran können Außen- bzw.Fernstehende erkennen, dass in unserer Gemeinde Kinder willkommen sind?"

Ob bei einem Gottesdienst, ob bei kindgemäßer Kommunikation, ob bei Festen und Feiern, ob bei der Diskussion über die Erhaltung eines kirchlichen Kindergartens - es gibt genügend konkrete Anlässe, wo wir unsere Haltung den Kindern gegenüber zum Ausdruck bringen. Wir singen voller Inbrunst in der Weihnachtszeit: "Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch her..." Und wenn sie dann kommen mit ihren Anliegen ("wann hast du endlich Zeit zum Spielen?"), geben wir gar keine Antwort mehr. Und sind im besten Fall von uns selbst enttäuscht.

Das Zeichen des Kindes

Nun, so können meine Gedanken über die Weihnachtsbotschaft nicht enden, das ist klar. Schon vor Jahren entdeckte ich ein kleines Büchlein mit dem Titel "Mach's wie Gott, werde Kind." Das hat mich angesprochen. Es erinnert mich an das Wort Jesu: "Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder, so werdet ihr nicht in das Reich Gottes kommen."

Also, liebe Erwachsene, die Botschaft ist eindeutig und unüberhörbar. Wenn wir das Zeichen zu Weihnachten suchen, werden wir es finden - im Kind in der Krippe. Es wartet auf uns.

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