In Verteidigung der Fragezeichen

Unsere Welt ist geleitet von der Ansicht, dass Fragen beantwortet werden sollten, dass also jedes Fragezeichen am Ende seine Erfüllung in einem Ausrufezeichen findet, in einer korrekten Antwort, einer Deadline, einer Form von Erlösung. Einfach gesprochen, eine finale Lösung, auf die sich idealerweise alle verständigen können. Das ist das Seltsame: Wir empfinden - symbolisch gesprochen - das Fragezeichen als Zeichen der Unwissenheit. Meist ist aber das genaue Gegenteil der Fall. Das Fragezeichen muss zwangsweise am Beginn unserer Weisheit stehen. Erst die Frage lässt unsere Gedanken, unsere Welt erzittern. Viele Fragen existieren um einfach nur da zu sein, nicht um uns selbstsicher oder wissenschaftlich sicher, oder weltsicher zu machen. Ihr Funktion ist es vielmehr einen konstanten Zweifel in uns aufrecht zu halten, exemplarisch ausgedrückt durch die Frage aller Fragen: "Und was, wenn alles ganz anders ist?“

Müssen wir nicht eine Welt fürchten, in der Menschen schon alles beantwortet glauben und sich wissend? Und beruht nicht unsere Philosophie und Kunst genau auf dem Infragestellen dessen, was wir "nützliches Wissen“ nennen? David Bowie singt in seinem Album "Heroes“ "Thanks for hesitating“. Er trifft den Punkt: Das Zögern macht den Menschen. Nur Maschinen zögern nicht. Als ich begann, Wirtschaft zu studieren, hatten die Lehrbücher auf alles Antworten. Alles schien einfach. Doch je mehr Bücher ich las, desto mehr Fragen ergaben sich neben den Antworten. Mehr zu wissen bedeutet - so gesehen - sich mehr Fragen zu erarbeiten. Wenn wir also heute nach guten Ökonomen suchen, wäre es vielleicht besser, nicht jenen zuzuhören, die Antwort auf alles versprechen sondern jenen, welche die besten Fragen stellen.

Der Autor ist Professor für Ökonomie an der Karlsuniversität Prag

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