#3 Meine Matrjoschka-Küche

1945 1960 1980 2000 2020

Warum Mütterlichkeit nichts mit Steckdosen-Zahlen zu tun hat.

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Warum Mütterlichkeit nichts mit Steckdosen-Zahlen zu tun hat.

Wenn man von einer befristeten Miet- in eine Genossenschaftswohnung zieht, fällt automatisch die Entscheidung, längere Zeit an einem Ort wohnen zu wollen. So war es zumindest für mich, als ich vergangenen Sommer übersiedelt bin und Wien zu meiner langfristigen Wahlheimat gemacht habe.

Sie können sich vorstellen, dass eine solche Entscheidung in einer Familie, die seit Generationen in der niederösterreichischen Kleinstadtidylle verankert ist, auf Unverständnis stößt. Während meine Eltern mit Aussagen wie „Naja, dir muss es gefallen!“ noch versuchten, trotzdem ihre Unterstützung auszudrücken, war meine ältere Schwester da schon etwas direkter.

„Entschuldigung, aber das ist doch keine Küche!“, erläuterte sie feinfühlig, als ich ihr stolz das Blatt Papier entgegenstreckte, das das Ergebnis des wochenlangen Abklapperns von Möbelhäusern, stundenlangen Planens und intensiven Diskutierens mit meinem Partner zeigte: Eine Küchenzeile mit Herd, Spüle, Kühlschrank und Backofen auf der einen Seite, eine kleine Insel mit Arbeitsfläche gegenüber.

Was für meine Schwester daran nicht richtig war, wurde mir klar, als ich vor kurzem die Baustelle besuchte, auf der gerade ihr zukünftiger Wohnsitz entsteht. Wären unsere Küchen russische Matrjoschka-Puppen, meine ließe sich getrost in ihre schachteln.

Die Bezeichnung dieser kleinen Holzfiguren geht auf den russischen Vornamen Matrjona und weiter auf das lateinische Wort mater für Mutter zurück. Man könnte daraus schließen, die Küche meiner Schwester sei mütterlicher. Nun lädt sie öfter mal die Familie zum Essen ein, während ich lieber ein Restaurant besuche. Bäckt sie regelmäßig allerlei Köstlichkeiten, hole ich Kuchen aus der Konditorei. Treibt in ihrer Küche ein eineinhalbjähriger Knirps sein Unwesen, ist es in meiner eine sehr resistente Ameisenfamilie. Nur gut, dass in dieser Kolumne nicht in Stereotypen gedacht und Mütterlichkeit nicht anhand von Kochkünsten oder Tupperwaren-Sammlungen gemessen wird.

„Wir sind einfach sehr verschieden“, versuchte meine Schwester ihr schnelles Urteil zu meiner Baby-Matrjoschka zu beschwichtigen und begann aufzuzählen, welches Gerät an welche der mindestens zwanzig Steckdosen angeschlossen werden würde. Ich nickte und dachte an die Verteilerdose, in der sich meine Küchengeräte wie bei einem Staffellauf regelmäßig abklatschen. „... und der zweite Kühlschrank, der kommt sowieso in die Speisekammer.“

Wenn man von einer befristeten Miet- in eine Genossenschaftswohnung zieht, fällt automatisch die Entscheidung, längere Zeit an einem Ort wohnen zu wollen. So war es zumindest für mich, als ich vergangenen Sommer übersiedelt bin und Wien zu meiner langfristigen Wahlheimat gemacht habe.

Sie können sich vorstellen, dass eine solche Entscheidung in einer Familie, die seit Generationen in der niederösterreichischen Kleinstadtidylle verankert ist, auf Unverständnis stößt. Während meine Eltern mit Aussagen wie „Naja, dir muss es gefallen!“ noch versuchten, trotzdem ihre Unterstützung auszudrücken, war meine ältere Schwester da schon etwas direkter.

„Entschuldigung, aber das ist doch keine Küche!“, erläuterte sie feinfühlig, als ich ihr stolz das Blatt Papier entgegenstreckte, das das Ergebnis des wochenlangen Abklapperns von Möbelhäusern, stundenlangen Planens und intensiven Diskutierens mit meinem Partner zeigte: Eine Küchenzeile mit Herd, Spüle, Kühlschrank und Backofen auf der einen Seite, eine kleine Insel mit Arbeitsfläche gegenüber.

Was für meine Schwester daran nicht richtig war, wurde mir klar, als ich vor kurzem die Baustelle besuchte, auf der gerade ihr zukünftiger Wohnsitz entsteht. Wären unsere Küchen russische Matrjoschka-Puppen, meine ließe sich getrost in ihre schachteln.

Die Bezeichnung dieser kleinen Holzfiguren geht auf den russischen Vornamen Matrjona und weiter auf das lateinische Wort mater für Mutter zurück. Man könnte daraus schließen, die Küche meiner Schwester sei mütterlicher. Nun lädt sie öfter mal die Familie zum Essen ein, während ich lieber ein Restaurant besuche. Bäckt sie regelmäßig allerlei Köstlichkeiten, hole ich Kuchen aus der Konditorei. Treibt in ihrer Küche ein eineinhalbjähriger Knirps sein Unwesen, ist es in meiner eine sehr resistente Ameisenfamilie. Nur gut, dass in dieser Kolumne nicht in Stereotypen gedacht und Mütterlichkeit nicht anhand von Kochkünsten oder Tupperwaren-Sammlungen gemessen wird.

„Wir sind einfach sehr verschieden“, versuchte meine Schwester ihr schnelles Urteil zu meiner Baby-Matrjoschka zu beschwichtigen und begann aufzuzählen, welches Gerät an welche der mindestens zwanzig Steckdosen angeschlossen werden würde. Ich nickte und dachte an die Verteilerdose, in der sich meine Küchengeräte wie bei einem Staffellauf regelmäßig abklatschen. „... und der zweite Kühlschrank, der kommt sowieso in die Speisekammer.“

Digital Dirndl V2 - © Illustration: Rainer Messerklinger

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Aufgewachsen im Weinviertel, dann übersiedelt nach Wien, ist Margit Körbel mittendrin im Konflikt von gemütlicher Landidylle und rauschendem Stadtleben, Traditionen und deren Bruch, Millennials und Babyboomern. Wöchentlich schreibt Sie von Ihren Erlebnissen. Hier kostenlos abonnieren.

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