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"Glücklich, den Hijab tragen zu dürfen"

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Die Bilanz des Arabischen Frühlings, was die Emanzipation der Frauen betrifft, fällt nicht nur in Ägypten, sondern auch in Tunesien gemischt aus. Ein gesellschaftlicher Wandel wird nur sehr langsam spürbar.

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Die Bilanz des Arabischen Frühlings, was die Emanzipation der Frauen betrifft, fällt nicht nur in Ägypten, sondern auch in Tunesien gemischt aus. Ein gesellschaftlicher Wandel wird nur sehr langsam spürbar.

Eine Revolution kann niemals eine echte Revolution sein, wenn sie nicht die Rechte der Frauen und die Gleichheit aller mit erkämpft." Das schreibt die ägyptische Autorin und Theaterdirektorin Nora Amin in einem Essay über den Sexismus der ägyptischen Gesellschaft. Frauen spielten bei den Protesten auf dem Tahrir-Platz in Kairo eine zentrale Rolle. Sie gewannen an Selbstbewusstsein und fordern ihren Platz in der Gesellschaft. Amin sieht in den Massenvergewaltigungen vom November 2012 ein Signal. Aktivistinnen wurden damals auf dem Tahrir-Platz oder in dessen unmittelbarer Umgebung von Männergruppen öffentlich vergewaltigt: "Die arabische Frau sollte die Öffentlichkeit wieder verlassen." Manche Männer hielten die Frauen fest, andere taten ihnen Gewalt an. "Sie gewannen ihre verlorene Männlichkeit zurück, und vor den Augen der Welt, in aller Öffentlichkeit, auf dem Tahrir-Platz, stellten sie sie zur Schau", so Nora Amin.

Die ägyptische Aktivistin Rabab El Mahdi sieht die Entwicklung positiver. Denn Frauen würden sich gegen die alltägliche sexuelle Belästigung auf der Straße oder in öffentlichen Verkehrsmitteln viel stärker zur Wehr setzen als früher: "Es vergeht kein Tag, an dem nicht das Foto eines Aggressors von einer Frau ins Netz gestellt wird. Das machen verschleierte Frauen genauso wie unverschleierte."

Bei den Demonstrationen, die den Arabischen Frühling vor fünf Jahren auslösten, tauchte immer wieder ein Begriff auf: die Würde. Rebellische Jugendliche wollten ein Leben ohne Gängelung durch den autoritären Staat, ohne ständiges Schmieren von korrupten Beamten, ohne Angst vor Polizeiwillkür und Folter führen. Und für die Frauen bedeutet die Würde auch ein Abschütteln der demütigenden Bevormundung durch eine patriarchale Gesellschaft.

Auch in Tunesien fällt die Bilanz aus Sicht der Frauen gemischt aus. Das sozialistische Regime verbot schon 1956 Polygamie und Zwangsehe und räumte der Frau das Recht auf Scheidung ein. Seit 1959 dürfen Frauen wählen, 1973 wurde die Abtreibung legalisiert. In Tunis und anderen großen Städten war es selbstverständlich, Anwältinnen, Ärztinnen oder Unternehmerinnen zu sehen. Frauen kleideten sich westlich, die Verschleierung wurde als Zeichen der Rückständigkeit bekämpft.

Als die Revolution ein Schlaglicht auf das Landesinnere, den verarmten Süden und Westen warf, wurde den Eliten erst bewusst, dass es neben diesem modernen, säkularen Tunesien auch das konservativ-islamische Tunesien mit einer hohen Analphabetenrate speziell unter Frauen gab. Dort seien Frauen jetzt "glücklich, dass sie den Hijab offen tragen können, ohne dass irgendein Polizist ihn mit Gewalt herunterreißen kann, wie unter Ben Ali", wie die französische Journalistin Florence Beaugé in Le Monde Diplomatique schreibt.

Moderne Verfassung, alte Rechtspraxis

Nach jahrzehntelanger Repression demokratischer, aber auch islamistischer Strömungen stieg mit der Revolution zunächst der Einfluss der Islamisten. Man erinnert sich an die Debatte in der verfassunggebenden Nationalversammlung, ob das Verhältnis zwischen Mann und Frau als "gleich" oder "komplementär" definiert werden solle. Und der Ennahda-Abgeordnete Habib Ellouze durfte die weibliche Genitalverstümmelung als "ästhetische Operation" schönreden. Kein Wunder, dass bei den Wahlen vom Dezember 2014 nur 56 Prozent der Männer, aber 75 Prozent der Frauen für den laizistischen Kandidaten Essebsi stimmten.

Die Verfassung gilt als vorbildlich, doch sind viele Gesetze den neuen Normen noch nicht angepasst worden und müssen von den Gerichten weiter angewandt werden. Das bekommen etwa Homosexuelle zu spüren. Während die Verfassung das Privatleben aller Bürger schützt, bedroht Artikel 230 des Strafgesetzes "Sodomie und Lesbianismus" mit drei Jahren Strafe. So verurteilte ein Gericht in Kairouan im Dezember sechs Studenten zu drei Jahren Haft und Verbannung aus der Stadt. Bei der Entlassung von Justizminister Mohamed Salah Ben Aïssa habe, wie das Präsidialamt zugab, dessen Engagement gegen diesen Paragrafen eine Rolle gespielt.

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