Christozentrik als antijüdischer Hebel

Im Jahr 2013 hat der evangelische Theologe Notger Slenczka in einem Aufsatz über das Verhältnis der Kirche zum Alten Testament (AT) eine These formuliert, die in der Folge zu erhitzten Debatten geführt hat: Das Alte Testament gilt de facto im evangelischen Christentum nicht mehr als kanonische, sondern als apokryphe Schriftensammlung. Das gelte sowohl für den Umgang mit dem AT in den Gemeinden wie auch in der Theologie.

Nun hat Slenczka das Buch Vom Alten Testament und vom Neuen. Beiträge zur Neuvermessung ihres Verhältnisses vorgelegt, in dem er eine Reihe eigener Beiträge zu diesem Thema seit 2013 in systematische Ordnung brachte. Die Grundthese ist unverändert, zusätzliche Argumente vertiefen sie. Den Grund für die Abwertung des AT sieht er durch seine Gegner bestätigt: Die wenigsten der Beiträger, die im Lauf der Debatte vehement auf einer "Kanonizität" des Alten Testaments bestehen, betrachten in praxi ernsthaft auch nur das Neue als "Quelle und Norm der evangelischen Theologie" - was immer das im Einzelnen heißen soll -, geschweige denn das Alte Testament. Hier wird die "Kanonizität" zum sinnlosen Schibboleth.

Ein "Buch des Judentums"?

Dieser Vorwurf deckt einen Sachverhalt auf, der nicht nur der lutherischen Kirchengemeinschaft, sondern zumindest den abendländischen Kirchen und ihren Theologien gemeinsam ist: Tatsächlich sind beide Teile der heiligen Schrift insoweit abgewertet, als sie, an der nachfolgenden christologisch-dogmatischen Lehrentwicklung gemessen, jederzeit in unterschiedlichen Variationen als defizitär gelten. Den christologischen Vollbegriff bringt nur die kirchliche Lehre; durch sie erfährt das Wort Gott eine semantische Neubestimmung. Diese Neubestimmung zeichnet in jede Behauptung der Kontinuität zwischen Christen und Judentum und zwischen Christentum und den anderen Religionen eine radikale Differenz ein.

Slenczka steht vorbehaltlos zu dieser Christozentrik. Zwingend führt sie zu einer Entfremdung des christlichen Glaubens von seiner Vorgeschichte, die man sich eingestehen soll. Denn das AT ist kein Zeugnis für Christus und wird somit faktisch wieder zu dem, was es war: ein Buch des Judentums, und damit ein Zeugnis der vor-und außerchristlichen Existenz. Daher ist es für Slenczka nicht kanonisch. Die Schriften des Neuen Testaments (NT) jedoch sind kanonisch, weil die Kirche in ihnen das Evangelium von Jesus Christus hört.

Die Aufregung um Slenczkas Überlegungen ist suspekt. Denn er formuliert nur, was neben den gepflegten christlich-jüdischen Dialogen nach wie vor abläuft. Kirchliche Praxis und Theologie agieren häufig in einem Maß christozentrisch, das unausweichlich antijüdisch wirkt dadurch, dass diese Christozentrik den Eigenstand alttestamentlicher Überlieferungen in sich aufsaugt. So etwas kennt man auch im Katholischen: In der sogenannten kanonischen Exegese kommt es zu einer ebensolchen Fokussierung des AT auf Christus hin. Das aber ist christozentrisches "Hijacking" (© Daniel Boyarin) alttestamentlicher Texte.

Slenczka hat provoziert und verstört. Denn er rührt an eine Doppeldeutigkeit des Christentums hinsichtlich seiner Beziehung zum Judentum: Einerseits bemüht man sich um einen guten Ton im Dialog mit Juden, andererseits hält man unverändert an Lehrpositionen fest, die diesen Dialog kompromittieren.

Der rettende Gott Israels

Slenczkas Gegner, die die hohe Würde des AT im Christentum wieder und wieder markieren, teilen weithin die genannte Doppeldeutigkeit und lösen sie nicht. Slenczkas Vorschlag, das AT nicht mehr als kanonisch anzuerkennen, löst zwar die Doppeldeutigkeit, doch in der falschen Richtung.

Denn ohne das AT hat das NT keinen Bezugspunkt mehr. Ohne diesen Bezugspunkt aber wäre die Christozentrik, die Slenczka genauso wie die meisten seiner Gegner verteidigt, fatal. Ihre Tendenzen, Israels Gott in Christus aufzulösen und zum Verschwinden zu bringen, könnten sich haltlos entfalten. Genau dieser Gefahr bahnt Slenczkas Christozentrik den Weg. Dann aber wird überhaupt fraglich, von welchem Christus noch die Rede sein soll; jedenfalls kaum von einem Christus mit jüdischem Profil.

Dem gegenüber gilt es, die Richtung umzukehren: Die Christozentrik ist am NT und seinen Zugängen zu Christus zu prüfen; das NT wiederum ist als kanonische Schriftensammlung zu lesen, die ihre wesentlichen Gehalte ausschließlich aus den heiligen Schriften Israels holen konnte. Diese haben zu ihrem Kern den rettenden Gott Israels, der sich auch der Völker annimmt (Ps 47). Jesus verkündete nie etwas anderes.

Dass christozentrisches Denken Christus ins Zentrum rückt, verdeckt die von Jesus gelebten und gekündeten Verhältnisse. Diese empfing er aus der Bibel Israels. Mit Jesus ist deshalb auch im Christentum auf sie zu hören -nicht um aus der Bibel Israels Christus herauszupressen, sondern um in ihr die Botschaft vom einzig rettenden Gott zu entdecken, von dem Jesus gekündet und auf den er als Sohn Israels auch alles gesetzt hat.

Notger Slenczka hat provoziert und verstört. Denn er rührt an eine Doppeldeutigkeit des Christentums hinsichtlich seiner Beziehung zum Judentum.

Vom Alten Testament und vom Neuen Beiträge zur Neuvermessung ihres Verhältnisses. Von Notger Slenczka. Evang. Verlagsanstalt 2017.506 S., kt., € 45,30

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