Gandhi - © Foto: Pixabay
Religion

Vertraue dem Gegner

1945 1960 1980 2000 2020

Am 2. Oktober wäre Mahatma Gandhi 150 Jahre alt geworden. Doch seine politische Ethik ist gerade in polarisierten Zeiten wie heute alles andere als veraltet.

1945 1960 1980 2000 2020

Am 2. Oktober wäre Mahatma Gandhi 150 Jahre alt geworden. Doch seine politische Ethik ist gerade in polarisierten Zeiten wie heute alles andere als veraltet.

Verhasst, verfolgt und verfemt, spürt Salman Rushdie wie kaum ein anderer die ständige Präsenz von Feinden, die ihm als Fatwa-Strafe für sein Buch „Satanische Verse“ – und geködert von vier Millionen Dollar Kopfgeld – seit mehr dreißig Jahren nach dem Leben trachten. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum der indisch-britische Schriftsteller in mehreren internationalen Publikationen gar so wütend auf die Vereinnahmung des von einem Fanatiker ermordeten Friedens-Gurus Mahatma Gandhi durch einen amerikanischen Computer-Konzern reagierte. Rushdie monierte, dass Gandhi mittlerweile für jeden zu haben sei: „Er ist abstrakt, ahistorisch und postmodern geworden, kein Mann mehr, der an seine Zeit gebunden ist, sondern ein freischwebender Begriff, ein Requisit aus dem verfügbaren Fundus an kulturellen Symbolen, ein Image, das ausgeliehen, benutzt, verdreht, überarbeitet und den verschiedensten Zwecken angepasst werden kann.“

Ruhig, entschlossen, furchtlos

Für Jawaharlal Nehru, den ers- ten Ministerpräsidenten Indiens, war das prägende Bild seines Mentors Gandhi, „wie er sich 1930 mit dem Pilgerstab in der Hand auf den Salzmarsch nach Dandi machte. Er war der Pilger auf der Suche nach der Wahrheit: ruhig, friedlich, entschlossen und furchtlos, und man spürte, er würde seine Suche und Pilgerschaft fortsetzen, komme, was da wolle.“ Nehrus Tochter und Nachfolgerin im Präsidentenamt, Indira Gandhi, sagte später: „Mehr als seine Worte war sein Leben die Botschaft.“ Diese Botschaft wird nun, am 150. Geburtstag Gandhis, eher außerhalb Indiens beherzigt, kritisiert Rushdie: „Die härteste aller Wahrheiten ist, dass Gandhi in dem Land, dessen ‚kleiner Vater‘ – bapu – er war, immer unwichtiger wird.“ Zum einen wüte im heutigen Indien der hinduistische Nationalismus in Form der Bharatiya Janata Party (BJP). Zum anderen sei man einer ebenso starken anti-Gandhischen Kraft hörig: dem Geld.

Verhasst, verfolgt und verfemt, spürt Salman Rushdie wie kaum ein anderer die ständige Präsenz von Feinden, die ihm als Fatwa-Strafe für sein Buch „Satanische Verse“ – und geködert von vier Millionen Dollar Kopfgeld – seit mehr dreißig Jahren nach dem Leben trachten. Wahrscheinlich ist das der Grund, warum der indisch-britische Schriftsteller in mehreren internationalen Publikationen gar so wütend auf die Vereinnahmung des von einem Fanatiker ermordeten Friedens-Gurus Mahatma Gandhi durch einen amerikanischen Computer-Konzern reagierte. Rushdie monierte, dass Gandhi mittlerweile für jeden zu haben sei: „Er ist abstrakt, ahistorisch und postmodern geworden, kein Mann mehr, der an seine Zeit gebunden ist, sondern ein freischwebender Begriff, ein Requisit aus dem verfügbaren Fundus an kulturellen Symbolen, ein Image, das ausgeliehen, benutzt, verdreht, überarbeitet und den verschiedensten Zwecken angepasst werden kann.“

Ruhig, entschlossen, furchtlos

Für Jawaharlal Nehru, den ers- ten Ministerpräsidenten Indiens, war das prägende Bild seines Mentors Gandhi, „wie er sich 1930 mit dem Pilgerstab in der Hand auf den Salzmarsch nach Dandi machte. Er war der Pilger auf der Suche nach der Wahrheit: ruhig, friedlich, entschlossen und furchtlos, und man spürte, er würde seine Suche und Pilgerschaft fortsetzen, komme, was da wolle.“ Nehrus Tochter und Nachfolgerin im Präsidentenamt, Indira Gandhi, sagte später: „Mehr als seine Worte war sein Leben die Botschaft.“ Diese Botschaft wird nun, am 150. Geburtstag Gandhis, eher außerhalb Indiens beherzigt, kritisiert Rushdie: „Die härteste aller Wahrheiten ist, dass Gandhi in dem Land, dessen ‚kleiner Vater‘ – bapu – er war, immer unwichtiger wird.“ Zum einen wüte im heutigen Indien der hinduistische Nationalismus in Form der Bharatiya Janata Party (BJP). Zum anderen sei man einer ebenso starken anti-Gandhischen Kraft hörig: dem Geld.

So viel Gewalt! Würde Gandhi heute noch leben, er würde sagen: ,Ich bin kein Inder mehr!‘

Francis D’Sa

Der indische Jesuit Francis D’Sa spricht ebenfalls vom Verrat am Geist Gandhis: „Wie wir Christen Jesus vergessen haben, hat Indien Gandhi vergessen“, antwortete er der FURCHE auf die Frage nach dem Erbe Gandhis im heutigen Indien: „So viel Gewalt! Würde Gandhi noch leben, er würde sagen: Ich bin kein Inder mehr! Diese alte Kultur hat mit einem Mal das Bekenntnis an die Gewaltlosigkeit aufgegeben. Natürlich ist das jetzt extrem formuliert, denn die Mehrheit der Inder ist nach wie vor für den Frieden. Doch die Extremisten in allen Lagern sind um so viele mehr und um so vieles stärker geworden.“ Aber nicht nur der gewalttätige Mob in Indien, angestachelt und geführt von religiös-nationalistisch gesinnten politischen Strippenziehern, hat sich von Gandhis Idealen verabschiedet.

Auch in intellektuellen, säkularen, demokratischen, progressiven, menschenrechtlich-orientierten und feministischen Kreisen ist die Kritik an Gandhi laut. Prominentestes Beispiel ist die indische Schriftstellerin Arundhati Roy, die Gandhi in die Ecke eines frömmlerischen Rassisten stellt. Unter anderem in einem Interview mit der Zeit rechnete sie mit Mahatma, der „großen Seele“, ab: „Gandhi ist ohnehin niemand, zu dem ich mich automatisch hingezogen gefühlt habe; ich habe keine besondere Liebe zu Frömmigkeit und Reinheit – Dingen, von denen er besessen war. Es fällt sogar schwer, ihn als gutartigen Spinner abzutun. Es ist da etwas viel Bösartigeres am Werk. Es geht nicht bloß um gewaltfreien Widerstand, Ejakulationsverzicht, Ziegenmilch und selbst gesponnene Baumwolle.“

Der Linzer Friedensforscher Reiner Steinweg nennt Roys Kritik „Schwachsinn“, denn diese treffe nur auf den ganz frühen Gandhi zu. Gleichzeitig teilt er gewisse Vorbehalte gegenüber Gandhis konkreten Versuch, das Kastenwesen in Indien aufzubrechen und die unterste Kaste der Unberührbaren (Dalit) in die Gesellschaft zu integrieren. Gandhi war beispielsweise gegen fixe Sitze für Dalit-Abgeordnete im indischen Parlament und andere strukturelle Reformen im Sinne einer positiven Diskriminierung dieser als Paria ausgestoßenen Gruppe – „da hat er sich vertan“, sagt Steinweg im Gespräch mit der FURCHE. Insgesamt überwiegt für ihn aber das Positive an Person und Geisteshaltung Gandhis, „die Art und Weise wie er pazifistische Grundhaltungen theoretisch begründet und umgesetzt hat“. Dennoch ist Steinweg froh, „dass Gandhi vom Sockel geholt wird“, weil: „die Inder neigen sehr schnell zur Heiligsprechung und zu einem für europäische Begriffe unsäglichen Heiligenkult: Auch im Fall von Gandhi setzt sich in Indien kaum jemand mit dessen Inhalten und Botschaften auseinander“. – Die Gandhi-Kritik könnte dazu beitragen, dass das anders wird, dass Gandhis Botschaften als Rechtsanwalt, Widerstandskämpfer, Revolutionär, Publizist, Morallehrer, Asket und Pazifist nicht länger von seinem Heiligenschein überstrahlt wird.

In diesem Sinne initiierte Steinweg aus Anlass des Gandhi-Jubiläums ein Symposium zur aktiven Gewaltfreiheit, das vergangenes Wochenende in der Friedensstadt Linz seinen „Beitrag zur Entpolarisierung“ leistete. Was können wir von Gandhi heute lernen? Auf diese Frage antwortet Steinweg zuallererst mit Gandhis Haltung gegenüber seinen Gegnern: „Das ist das Gegenteil davon, wie wir es in der heutigen Welt gewohnt sind. Gandhi hat den Gegner nicht verteufelt, mit Aggressionen und Hass überschüttet. Gleichzeitig ist er auch keine faulen Kompromisse eingegangen und hat seinen Gegnern nicht Honig um das Maul geschmiert. Gandhi hat streng unterschieden zwischen dem Menschen und der Sache. Und er hat seinen Gegnern ihre guten und menschlichen Seiten zugestanden.“ Auch wenn es erbitterte Feinde waren, wie General Smuts in Südafrika oder der britische Vizekönig in Indien: „Hasst nicht die Engländer, sondern das englische System!“ ist ein Satz, der seine Reden durchzieht, oder: „Ich habe daher keinen Streit mit den Regierenden. Aber ich habe großen Streit mit ihren Methoden …“

Gegen die Sache, nicht Person

Aus dieser Verhaltensweise Gandhis lässt sich die Norm destillieren: „Richte den Kampf gegen die Sache, nicht gegen die Person!“ 15 solche Normen, Steinweg bevorzugt den Ausdruck „Grundhaltungen“, finden sich im Buch „Gandhis politische Ethik“ (Nomos Verlag), das der Friedensforscher zum Anlass des Gandhi-Jubiläums erstmals in deutscher Sprache herausgegeben hat. Eine weitere Norm lautet: „Schenke deinem Gegner Vertrauen!“ Gandhi hat diese Grundhaltung praktiziert, auch wenn er 20 Mal und öfter betrogen wurde. Und er hielt sich auch an seine Regel: „Nütze die Schwächen deines Gegners nicht aus.“

Letztlich beeindruckten diese Grundhaltungen auch Gandhis Gegner, betont Reiner Steinweg, und sie führten Gandhis Bewegungen gewaltfrei zum Erfolg. Gerade in polarisierten Zeitläuften wie heute ließe sich also von Gandhi nach wie vor viel lernen. Denn, so bringt es die deutsche Friedensforscherin Christine Schweitzer im Interview mit der FURCHE auf den Punkt: „Diese Mischung aus politisch-strategischem Denken und einer ganz tief verwurzelten Ethik macht Gandhi auch heute noch zum Vorbild.“