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Feuilleton

Die Spielregeln der Sprache

1945 1960 1980 2000 2020

Die SchriFtSteLLerin eLFrieDe czurDa erForScht Seit vieLen Jahren neue räuMe: Mit SPrache. PhiLoSoPhie, MatheMatik, SPrachStrukturen unD architektur FaSzinieren Die autorin unD Prägen ihr Schreiben, auch ihren JüngSten geDichtbanD "DunkeLziFFer".

1945 1960 1980 2000 2020

Die SchriFtSteLLerin eLFrieDe czurDa erForScht Seit vieLen Jahren neue räuMe: Mit SPrache. PhiLoSoPhie, MatheMatik, SPrachStrukturen unD architektur FaSzinieren Die autorin unD Prägen ihr Schreiben, auch ihren JüngSten geDichtbanD "DunkeLziFFer".

In ihrem Gedichtband "dunkelziffer" (2011) erkundet Elfriede Czurda die Übertragbarkeit von mathematischen Regeln in Dichtkunst. Zahlen dominieren nicht erst heute Technik und Naturwissenschaften, sondern finden sich in allen Kulturen seit jeher in Magie und Mystik. Mit Zahlen versuchen wir zu ordnen und zu fixieren, aber hinter diesen Prozessen bleiben die Dunkelziffern verborgen.

Czurda sucht seit ihren ersten literarischen Publikationen mit Sprache neue Räume zu erforschen und das Herrschen in der Sprache bloßzustellen. Ihre Faszination für Philosophie und Mathematik begleitet ihr Schreiben schon lange ebenso wie die für Sprachstrukturen und Architektur. Seit ihrem ersten Japanaufenthalt im Jahr 1996 prägt auch die Auseinandersetzung mit den völlig fremden Ritualen und Regeln der japanischen Kunst und Kultur ihre Texte. Die Fremdheit Japans trägt für sie andererseits dazu bei, die eigene Kultur mit mehr Distanz zu betrachten. Dennoch bekennt sie selbstironisch in einem Essay, in dem sie ihre Erfahrungen von mehreren Lehraufenthalten reflektiert: "Ich war nie in Japan. Diese Behauptung bleibt weitgehend wahr, obwohl ich einige Zeit in Tokyo und Nagoya gelebt habe."

Literarische Analyse der Zusammenhänge

In ihrem Gedicht "Kurze biografische Bezifferung" notiert Elfriede Czurda: "in 4600 geboren, familie wohnt zuerst auf nummer 30, später auf 44 west. Ich selbst wohnte in 4020,5020, ein jahr in NE1 HOXG, alsdann in 75007." In Sprache übersetzt heißt das: Geboren in Wels, Schule in Linz, Studium der Kunstgeschichte und Archäologie in Salzburg und Paris, lebte von 1980 bis 2007 vorwiegend in Berlin. Seit 2007 hat sie ihren Wohnsitz wieder in Wien, wo auch ihr neuer Verlag seinen Sitz hat, die kleine feine Edition Korrespondenzen.

Obwohl Czurda im Literaturbetrieb auf vielfache Weise präsent ist, als Herausgeberin, Organisatorin von Tagungen, Übersetzerin, Vortragende, Mitarbeiterin an Gemeinschaftsprojekten und auf eine umfangreiche Publikationsliste von Lyrik, Prosa und Essays verweisen kann, ist sie einem größeren Publikum weithin unbekannt geblieben. Das mag daran liegen, dass ein großer Verlag wie Rowohlt für ihre Literatur keinen Platz mehr hatte, aber auch daran, dass ihre ebenso eigenständigen wie eigenwilligen offenen Texte sich Eindeutigkeiten und Zuordnungen widersetzen. Auch die öffentliche Anerkennung durch Preise ist als eher sparsam zu bezeichnen, 2008 wurde sie mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur ausgezeichnet.

Konsequent verfolgt Elfriede Czurda in ihrem Werk das Konzept einer Erkenntnisgewinnung durch Spracharbeit, die immer auch politisch ist, wie schon der Titel ihrer ersten Buchpublikation "ein griff =eingriff inbegriffen"(1978) signalisiert. Eine ihrer zentralen Schreibmotivationen ist die literarische Analyse der Zusammenhänge zwischen Macht, Gewalt und Sprache und insbesondere der geschlechtsspezifischen Differenzen.

Nach der Verabschiedung der romantischen Liebe aus weiblicher Perspektive in ihren Romanen "Diotima oder die Differenz des Glücks"(1982) und "Signora Julia"(1985) wendet sich Czurda in ihrem 1987 erschienenen Roman "Kerner" der Analyse des Abenteuerromans und männlichen Eroberungsphantasien der Bergwelt zu.

Das Buch entlarvt die kleinbürgerliche und faschistische Ideologie des Masseurs Kerner, der bei einem Abenteuerurlaub in der österreichischen Bergwelt mit anderen Kameraden Gold schürfen und vor seinen familiären Problemen fliehen möchte. Kerner hat seine eigene Tochter missbraucht, die schwanger wird, die stumme Ehefrau Anna und die Tochter Edith selbst kommen nicht zu Wort. Elfriede Czurdas Interesse gilt der sprachlichen Inszenierung aus der Perspektive der Verdrängung. Denn die dunkle Seite des heroischen Bergkameraden, der den Berg mit seiner Muskelkraft bezwingt, lässt sich von Beginn an nicht völlig zurückdrängen: Nachts im Schlaf sucht ihn das Verdrängte heim, Kerner droht der Abgrund und als er am Gipfel seiner Bergsteigerkarriere steht, droht ihm tatsächlich der Absturz. Sprachspielerisch und ironisch enthüllt sich das Mysterium Berg: "Mit seinem Aufstieg ins Gebirg erhebt sich sein Gemüt. Ganz oben, beim Gipfelkreuz, ist seine Erhabenheit auf den Meter genau messbar."

Über zwanzig Jahre später ist der bis heute thematisch leider aktuell gebliebene Roman 2009 neu aufgelegt worden und mit dem Text "Eine politische Affäre" ergänzt worden, in dem die Perspektive zu den beiden Frauenfiguren wechselt, Mutter und Tochter kommen nun zu Wort. Czurda erkundet in diesem Text die Mittäterschaft der schweigenden Ehefrau, die am Ende zur Tochter spricht: "Aber dich strafe ich solange ich lebe du bist zur Hand du wirst es nicht besser haben als ich."

Auch die ersten beiden Teile einer Trilogie "Die Giftmörderinnen" (1991) und "Die Schläferin" (1997) hält das Thema der radikalen Brechung weiblicher Rollenklischees zusammen. Angeregt wurde Czurda zu diesen Romanen durch Berichte über reale Mordfälle von Frauen. In virtuosen tragikomischen Sprachkunstwerken führt sie vor, was passieren kann, wenn Frauen und Männer in den sprachlichen und sozialen Rollen, die sie erlernt haben, gefangen bleiben, wenn die verinnerlichten Bilder so stark sind, dass Katastrophen unausweichlich sind.

Widerstand gegen die Trivialisierung

Czurda erzählt keine Geschichten, sondern zeigt, dass es kein Entrinnen gibt aus einem unzumutbaren Leben, wenn man sprachlos ist. Keine psychologischen Erklärungsmuster einer allwissenden Erzählerin bestimmen die Perspektive -die Distanz bleibt bewahrt und Identifikation wird beim Lesen unmöglich gemacht.

Elfriede Czurdas Literatur verweigert sich dem raschen Konsum, sie sucht auf vielfältige Weise durch Sprachspiel und Sprachreflexion zu zeigen, dass in der Sprache Widerstand geleistet werden kann. So hat sie sich ein Jahr lang die Aufgabe gestellt, jeden Tag einen Text von zwölf Zeilen zu schreiben, der sich auf eine Stimmung, eine Beobachtung, eine Wahrnehmung bezieht: "Das reine Beschreiben ist für mich eine Strategie gegen die unerhörte Trivialisierung aller, wirklich aller Phänomene, wie sie durch die Massenmedien wirksam ist." Am besten ebenfalls täglich nachzulesen sind die "366 mikro-essays für die westentasche" in dem wunderbaren Band "ich, weiß"(2008), einer "Schule der Wahrnehmung des Alltäglichen auf unalltägliche Weise".

In ihrem Gedichtband "dunkelziffer" (2011) erkundet Elfriede Czurda die Übertragbarkeit von mathematischen Regeln in Dichtkunst. Zahlen dominieren nicht erst heute Technik und Naturwissenschaften, sondern finden sich in allen Kulturen seit jeher in Magie und Mystik. Mit Zahlen versuchen wir zu ordnen und zu fixieren, aber hinter diesen Prozessen bleiben die Dunkelziffern verborgen.

Czurda sucht seit ihren ersten literarischen Publikationen mit Sprache neue Räume zu erforschen und das Herrschen in der Sprache bloßzustellen. Ihre Faszination für Philosophie und Mathematik begleitet ihr Schreiben schon lange ebenso wie die für Sprachstrukturen und Architektur. Seit ihrem ersten Japanaufenthalt im Jahr 1996 prägt auch die Auseinandersetzung mit den völlig fremden Ritualen und Regeln der japanischen Kunst und Kultur ihre Texte. Die Fremdheit Japans trägt für sie andererseits dazu bei, die eigene Kultur mit mehr Distanz zu betrachten. Dennoch bekennt sie selbstironisch in einem Essay, in dem sie ihre Erfahrungen von mehreren Lehraufenthalten reflektiert: "Ich war nie in Japan. Diese Behauptung bleibt weitgehend wahr, obwohl ich einige Zeit in Tokyo und Nagoya gelebt habe."

Literarische Analyse der Zusammenhänge

In ihrem Gedicht "Kurze biografische Bezifferung" notiert Elfriede Czurda: "in 4600 geboren, familie wohnt zuerst auf nummer 30, später auf 44 west. Ich selbst wohnte in 4020,5020, ein jahr in NE1 HOXG, alsdann in 75007." In Sprache übersetzt heißt das: Geboren in Wels, Schule in Linz, Studium der Kunstgeschichte und Archäologie in Salzburg und Paris, lebte von 1980 bis 2007 vorwiegend in Berlin. Seit 2007 hat sie ihren Wohnsitz wieder in Wien, wo auch ihr neuer Verlag seinen Sitz hat, die kleine feine Edition Korrespondenzen.

Obwohl Czurda im Literaturbetrieb auf vielfache Weise präsent ist, als Herausgeberin, Organisatorin von Tagungen, Übersetzerin, Vortragende, Mitarbeiterin an Gemeinschaftsprojekten und auf eine umfangreiche Publikationsliste von Lyrik, Prosa und Essays verweisen kann, ist sie einem größeren Publikum weithin unbekannt geblieben. Das mag daran liegen, dass ein großer Verlag wie Rowohlt für ihre Literatur keinen Platz mehr hatte, aber auch daran, dass ihre ebenso eigenständigen wie eigenwilligen offenen Texte sich Eindeutigkeiten und Zuordnungen widersetzen. Auch die öffentliche Anerkennung durch Preise ist als eher sparsam zu bezeichnen, 2008 wurde sie mit dem Österreichischen Würdigungspreis für Literatur ausgezeichnet.

Konsequent verfolgt Elfriede Czurda in ihrem Werk das Konzept einer Erkenntnisgewinnung durch Spracharbeit, die immer auch politisch ist, wie schon der Titel ihrer ersten Buchpublikation "ein griff =eingriff inbegriffen"(1978) signalisiert. Eine ihrer zentralen Schreibmotivationen ist die literarische Analyse der Zusammenhänge zwischen Macht, Gewalt und Sprache und insbesondere der geschlechtsspezifischen Differenzen.

Nach der Verabschiedung der romantischen Liebe aus weiblicher Perspektive in ihren Romanen "Diotima oder die Differenz des Glücks"(1982) und "Signora Julia"(1985) wendet sich Czurda in ihrem 1987 erschienenen Roman "Kerner" der Analyse des Abenteuerromans und männlichen Eroberungsphantasien der Bergwelt zu.

Das Buch entlarvt die kleinbürgerliche und faschistische Ideologie des Masseurs Kerner, der bei einem Abenteuerurlaub in der österreichischen Bergwelt mit anderen Kameraden Gold schürfen und vor seinen familiären Problemen fliehen möchte. Kerner hat seine eigene Tochter missbraucht, die schwanger wird, die stumme Ehefrau Anna und die Tochter Edith selbst kommen nicht zu Wort. Elfriede Czurdas Interesse gilt der sprachlichen Inszenierung aus der Perspektive der Verdrängung. Denn die dunkle Seite des heroischen Bergkameraden, der den Berg mit seiner Muskelkraft bezwingt, lässt sich von Beginn an nicht völlig zurückdrängen: Nachts im Schlaf sucht ihn das Verdrängte heim, Kerner droht der Abgrund und als er am Gipfel seiner Bergsteigerkarriere steht, droht ihm tatsächlich der Absturz. Sprachspielerisch und ironisch enthüllt sich das Mysterium Berg: "Mit seinem Aufstieg ins Gebirg erhebt sich sein Gemüt. Ganz oben, beim Gipfelkreuz, ist seine Erhabenheit auf den Meter genau messbar."

Über zwanzig Jahre später ist der bis heute thematisch leider aktuell gebliebene Roman 2009 neu aufgelegt worden und mit dem Text "Eine politische Affäre" ergänzt worden, in dem die Perspektive zu den beiden Frauenfiguren wechselt, Mutter und Tochter kommen nun zu Wort. Czurda erkundet in diesem Text die Mittäterschaft der schweigenden Ehefrau, die am Ende zur Tochter spricht: "Aber dich strafe ich solange ich lebe du bist zur Hand du wirst es nicht besser haben als ich."

Auch die ersten beiden Teile einer Trilogie "Die Giftmörderinnen" (1991) und "Die Schläferin" (1997) hält das Thema der radikalen Brechung weiblicher Rollenklischees zusammen. Angeregt wurde Czurda zu diesen Romanen durch Berichte über reale Mordfälle von Frauen. In virtuosen tragikomischen Sprachkunstwerken führt sie vor, was passieren kann, wenn Frauen und Männer in den sprachlichen und sozialen Rollen, die sie erlernt haben, gefangen bleiben, wenn die verinnerlichten Bilder so stark sind, dass Katastrophen unausweichlich sind.

Widerstand gegen die Trivialisierung

Czurda erzählt keine Geschichten, sondern zeigt, dass es kein Entrinnen gibt aus einem unzumutbaren Leben, wenn man sprachlos ist. Keine psychologischen Erklärungsmuster einer allwissenden Erzählerin bestimmen die Perspektive -die Distanz bleibt bewahrt und Identifikation wird beim Lesen unmöglich gemacht.

Elfriede Czurdas Literatur verweigert sich dem raschen Konsum, sie sucht auf vielfältige Weise durch Sprachspiel und Sprachreflexion zu zeigen, dass in der Sprache Widerstand geleistet werden kann. So hat sie sich ein Jahr lang die Aufgabe gestellt, jeden Tag einen Text von zwölf Zeilen zu schreiben, der sich auf eine Stimmung, eine Beobachtung, eine Wahrnehmung bezieht: "Das reine Beschreiben ist für mich eine Strategie gegen die unerhörte Trivialisierung aller, wirklich aller Phänomene, wie sie durch die Massenmedien wirksam ist." Am besten ebenfalls täglich nachzulesen sind die "366 mikro-essays für die westentasche" in dem wunderbaren Band "ich, weiß"(2008), einer "Schule der Wahrnehmung des Alltäglichen auf unalltägliche Weise".