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Feuilleton

Hinaus ins eigene Leben

1945 1960 1980 2000 2020
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Seit seinem Debütroman "Mäandertal“ 1994 erzählt der Schweizer Markus Ramseier von sympathischen Außenseitern; sie haben einen wachem Blick für die Schräglagen unseres Alltags, sind voller Skurrilität und verfolgen klar umrissene Obsessionen. Dem Flurnamenforscher Hitz aus dem Debütroman folgten ein Renntaubenspezialist und ein Erdbeben- und Höhlenfachmann; in seinem nunmehr vierten Roman "Vogelheu“ ist es ein alter Weinbauer und Schneckenafficionado, der noch dazu Schneck heißt. Ihn lernen wir allerdings mit den Augen seiner Enkelin Flo kennen, die nach der "Matur“ in ein existentielles Loch fällt und sich über ihr Leben klar zu werden versucht und damit auch über ihre Beziehung zum Großvater.

Unorthodoxe Sicht auf die Welt

Flos Eltern betreiben ein prosperierendes Wellness Hotel, der im allmählich verfallenden Badehaus nahebei lebende Großvater war für das Kind der Hort der Geborgenheit. Doch was als Kind fasziniert, ergibt nicht automatisch eine tragfähige Orientierungshilfe für das eigene Leben. Das ist wohl der eigentliche Schmerz des Mädchens: Zu erkennen, dass alle Erwachsenen ihres Umfelds hoffnungslos in sich selbst verstrickt sind. Während der Vater dem Erfolg nachläuft, um einen Gegenentwurf zur Außenseiterexistenz seines Vaters zu leben, kämpft die Mutter verzweifelt, den Anforderungen ewiger Jugend und weiblicher Selbstverwirklichung gerecht zu werden und trotz ihrer unbefriedigenden Ehe Optimismus auszustrahlen. Das war immer schon so, und deshalb war eben der warmherzige und phantasievolle Großvater Flos zentrale Bezugsperson. Während er sich um seinen eigenen Sohn nicht gekümmert hat, umsorgt er seine Enkelin liebevoll und lässt sie als offiziell ernannten "Stellvertreter“ teilhaben an allen seinen Aktivitäten im "Rebberg“, dem "Paradies“ ihrer Kindheit, wie in seiner Schneckensammlung. Er selbst hat sich als schrulliger Individualist ein Leben außerhalb aller gesellschaftlichen Zwänge und Vorgaben eingerichtet und versucht seine Werthaltungen seiner Enkelin zu vermitteln. Das hat das Leben für das Kind nicht immer einfach gemacht - sich sozial einzufügen in den Klassenverband war die eigentliche Herausforderung ihrer Schulzeit. Aber seine unorthodoxe Sicht auf die Welt und die Menschen haben ihr Leben auch bereichert.

Das sehen auch die drei Frauen so, die den Großvater, ein stattlicher Mann und Charmeur noch im hohen Alter, umgeben: Jana, seine erste Liebe und Mutter seines Sohnes, von der er sich früh scheiden ließ, ohne dass die beiden einander aus den Augen verloren hätten, die verheiratete Renée und die junge Musikerin Irène. Als ihn Flo im Alter von etwa 10 Jahren einmal mit Renée im Bett überrascht, empfindet sie das als kränkenden Verrat, und die Beziehung hat fortan eine leichte Trübung. Doch lesend bekommt man mehr und mehr den Eindruck, das wirklich Irritierende ist nicht das einstige Erlebnis, sondern die Egomanie des alten Herrn, dessen endlose Monologe über Gott und die Welt, vor allem aber über Wein, Reben und Schnecken, mit der Zeit doch an Faszination und Überzeugungskraft verlieren.

Sehnsucht nach Gesprächen

Seine Sprüche und Alltagsphilosophien sind meist originell und immer lebensbejahend, doch Allerweltsweisheiten, und seien sie noch so unorthodox, helfen ihr aktuell nicht wirklich weiter. Vor allem aber verhindert sein unversiegbarer Redefluss jedes wirkliche Gespräch, das Flo herbeisehnt. Auch über den Brand im Badehaus will sie reden, mit dem der Roman, einen Tag nach dem 70. Geburtstag des Großvaters beginnt. War es eine Unachtsamkeit? Von ihm? Von ihr? War es gar Brandstiftung? Schließlich will der Vater schon lange das Hotelareal auf den Rebberg hin ausweiten und ein schöner Anblick ist das alte Gebäude auch nicht mehr. Außerdem ist der alte Schneck hoffnungslos verschuldet: Der Weinverkauf geht zurück und mit seiner Erfindung perfekt schließender Präparatgläser will es nicht klappen, zeitgemäße Vermarktungsstrategien sind nicht sein Metier.

Konfrontation mit dem Tod

Jedenfalls zieht sich der Großvater beim rasch gelöschten Brand eine Rauchgasvergiftung zu und muss ins Krankenhaus geflogen werden. Er will, dass Flo ihn begleitet, sie will nicht, es ist der Tag ihrer Schulschlussfeier, aber als sie ihn an die Bahre geschnallt sieht, setzt der erstmals greifbar bevorstehende Tod des alten Mannes ihn ins Recht.

Bei ihren Besuchen im Krankenhaus hofft Flo auf eine Aussprache, aber er textet sie zu wie immer - gutmütig und launig, aber auch erstaunlich unsensibel oder vielleicht doch aus Kalkül. Schließlich muss er darüber hinwegreden, dass bei ihm ein Gehirntumor entdeckt wurde. Für Flo heißt das aber, dass sie in einer krisenhaften Situation allein ist mit ihren Zukunftsängsten und auch mit ihren ersten erotischen Verwicklungen. Viele der elterlichen Hotelgäste interessieren sich für das junge hübsche Mädchen, das im väterlichen Auftrag an den organisierten Fitnessprogrammen und Laufwettbewerben des Hotels teilnehmen muss. Tobi und Ben sind dabei am hartnäckigsten, beide sind um einiges älter als Flo und beide teilen mit dem Großvater die Leidenschaft zur verbalen Selbstpräsentation. Flo reagiert sperrig und abweisend, die aufgezeichneten Gespräche zählen in ihrer sprachlich immer leicht verrutschten Art, mit der Rede und Gegenrede einander stets um die entscheidende Nuance verfehlen, zu den stärksten Partien des Romans.

In einem Interview wurde dem Autor vorgeworfen, er habe in diesen Roman einige seiner früheren Erzählungen hineinverarbeitet. Er hat es allerdings auf sehr ansprechende Art und Weise getan. Entstanden ist ein poetischer Bericht über die Orientierungsprobleme der jungen Flo und die Getriebenheiten der Erwachsenen um sie herum, in dem vieles in Schwebe bleiben darf, das nicht auserzählt sein will. Was österreichische Autoren von diesem Buch lernen können, ist das klare Bekenntnis zu idiomatischen Eigenheiten und Worteinsprengseln. Da wird Bettwäsche auf das "Duvert“ "aufgezogen“, das Auto parkiert, es gibt "Neuzuzüger“, die "Matur“ und das "Vogelheu“, ein Schweizer Gericht zur Resteverwertung aus altem Brot, Milch, Eiern und Käse, das der Großvater im "Paradies“ einst gern bereitet hat.

Vogelheu

Von Markus Ramseier, Haymon Verlag 2013.

336 Seiten, gebunden, € 19,90

Seit seinem Debütroman "Mäandertal“ 1994 erzählt der Schweizer Markus Ramseier von sympathischen Außenseitern; sie haben einen wachem Blick für die Schräglagen unseres Alltags, sind voller Skurrilität und verfolgen klar umrissene Obsessionen. Dem Flurnamenforscher Hitz aus dem Debütroman folgten ein Renntaubenspezialist und ein Erdbeben- und Höhlenfachmann; in seinem nunmehr vierten Roman "Vogelheu“ ist es ein alter Weinbauer und Schneckenafficionado, der noch dazu Schneck heißt. Ihn lernen wir allerdings mit den Augen seiner Enkelin Flo kennen, die nach der "Matur“ in ein existentielles Loch fällt und sich über ihr Leben klar zu werden versucht und damit auch über ihre Beziehung zum Großvater.

Unorthodoxe Sicht auf die Welt

Flos Eltern betreiben ein prosperierendes Wellness Hotel, der im allmählich verfallenden Badehaus nahebei lebende Großvater war für das Kind der Hort der Geborgenheit. Doch was als Kind fasziniert, ergibt nicht automatisch eine tragfähige Orientierungshilfe für das eigene Leben. Das ist wohl der eigentliche Schmerz des Mädchens: Zu erkennen, dass alle Erwachsenen ihres Umfelds hoffnungslos in sich selbst verstrickt sind. Während der Vater dem Erfolg nachläuft, um einen Gegenentwurf zur Außenseiterexistenz seines Vaters zu leben, kämpft die Mutter verzweifelt, den Anforderungen ewiger Jugend und weiblicher Selbstverwirklichung gerecht zu werden und trotz ihrer unbefriedigenden Ehe Optimismus auszustrahlen. Das war immer schon so, und deshalb war eben der warmherzige und phantasievolle Großvater Flos zentrale Bezugsperson. Während er sich um seinen eigenen Sohn nicht gekümmert hat, umsorgt er seine Enkelin liebevoll und lässt sie als offiziell ernannten "Stellvertreter“ teilhaben an allen seinen Aktivitäten im "Rebberg“, dem "Paradies“ ihrer Kindheit, wie in seiner Schneckensammlung. Er selbst hat sich als schrulliger Individualist ein Leben außerhalb aller gesellschaftlichen Zwänge und Vorgaben eingerichtet und versucht seine Werthaltungen seiner Enkelin zu vermitteln. Das hat das Leben für das Kind nicht immer einfach gemacht - sich sozial einzufügen in den Klassenverband war die eigentliche Herausforderung ihrer Schulzeit. Aber seine unorthodoxe Sicht auf die Welt und die Menschen haben ihr Leben auch bereichert.

Das sehen auch die drei Frauen so, die den Großvater, ein stattlicher Mann und Charmeur noch im hohen Alter, umgeben: Jana, seine erste Liebe und Mutter seines Sohnes, von der er sich früh scheiden ließ, ohne dass die beiden einander aus den Augen verloren hätten, die verheiratete Renée und die junge Musikerin Irène. Als ihn Flo im Alter von etwa 10 Jahren einmal mit Renée im Bett überrascht, empfindet sie das als kränkenden Verrat, und die Beziehung hat fortan eine leichte Trübung. Doch lesend bekommt man mehr und mehr den Eindruck, das wirklich Irritierende ist nicht das einstige Erlebnis, sondern die Egomanie des alten Herrn, dessen endlose Monologe über Gott und die Welt, vor allem aber über Wein, Reben und Schnecken, mit der Zeit doch an Faszination und Überzeugungskraft verlieren.

Sehnsucht nach Gesprächen

Seine Sprüche und Alltagsphilosophien sind meist originell und immer lebensbejahend, doch Allerweltsweisheiten, und seien sie noch so unorthodox, helfen ihr aktuell nicht wirklich weiter. Vor allem aber verhindert sein unversiegbarer Redefluss jedes wirkliche Gespräch, das Flo herbeisehnt. Auch über den Brand im Badehaus will sie reden, mit dem der Roman, einen Tag nach dem 70. Geburtstag des Großvaters beginnt. War es eine Unachtsamkeit? Von ihm? Von ihr? War es gar Brandstiftung? Schließlich will der Vater schon lange das Hotelareal auf den Rebberg hin ausweiten und ein schöner Anblick ist das alte Gebäude auch nicht mehr. Außerdem ist der alte Schneck hoffnungslos verschuldet: Der Weinverkauf geht zurück und mit seiner Erfindung perfekt schließender Präparatgläser will es nicht klappen, zeitgemäße Vermarktungsstrategien sind nicht sein Metier.

Konfrontation mit dem Tod

Jedenfalls zieht sich der Großvater beim rasch gelöschten Brand eine Rauchgasvergiftung zu und muss ins Krankenhaus geflogen werden. Er will, dass Flo ihn begleitet, sie will nicht, es ist der Tag ihrer Schulschlussfeier, aber als sie ihn an die Bahre geschnallt sieht, setzt der erstmals greifbar bevorstehende Tod des alten Mannes ihn ins Recht.

Bei ihren Besuchen im Krankenhaus hofft Flo auf eine Aussprache, aber er textet sie zu wie immer - gutmütig und launig, aber auch erstaunlich unsensibel oder vielleicht doch aus Kalkül. Schließlich muss er darüber hinwegreden, dass bei ihm ein Gehirntumor entdeckt wurde. Für Flo heißt das aber, dass sie in einer krisenhaften Situation allein ist mit ihren Zukunftsängsten und auch mit ihren ersten erotischen Verwicklungen. Viele der elterlichen Hotelgäste interessieren sich für das junge hübsche Mädchen, das im väterlichen Auftrag an den organisierten Fitnessprogrammen und Laufwettbewerben des Hotels teilnehmen muss. Tobi und Ben sind dabei am hartnäckigsten, beide sind um einiges älter als Flo und beide teilen mit dem Großvater die Leidenschaft zur verbalen Selbstpräsentation. Flo reagiert sperrig und abweisend, die aufgezeichneten Gespräche zählen in ihrer sprachlich immer leicht verrutschten Art, mit der Rede und Gegenrede einander stets um die entscheidende Nuance verfehlen, zu den stärksten Partien des Romans.

In einem Interview wurde dem Autor vorgeworfen, er habe in diesen Roman einige seiner früheren Erzählungen hineinverarbeitet. Er hat es allerdings auf sehr ansprechende Art und Weise getan. Entstanden ist ein poetischer Bericht über die Orientierungsprobleme der jungen Flo und die Getriebenheiten der Erwachsenen um sie herum, in dem vieles in Schwebe bleiben darf, das nicht auserzählt sein will. Was österreichische Autoren von diesem Buch lernen können, ist das klare Bekenntnis zu idiomatischen Eigenheiten und Worteinsprengseln. Da wird Bettwäsche auf das "Duvert“ "aufgezogen“, das Auto parkiert, es gibt "Neuzuzüger“, die "Matur“ und das "Vogelheu“, ein Schweizer Gericht zur Resteverwertung aus altem Brot, Milch, Eiern und Käse, das der Großvater im "Paradies“ einst gern bereitet hat.

Vogelheu

Von Markus Ramseier, Haymon Verlag 2013.

336 Seiten, gebunden, € 19,90