Digital In Arbeit
Feuilleton

Moralisches Verwirrspiel

1945 1960 1980 2000 2020

Das jüngste Buch von Harry Mulisch hat keinen doppelten, sondern mindestens drei Böden.

1945 1960 1980 2000 2020

Das jüngste Buch von Harry Mulisch hat keinen doppelten, sondern mindestens drei Böden.

Harry Mulisch ist ein Meister des moralischen und erzählerischen Verwirrspiels. Ein Aufweicher jeder simplen politischen Korrektheit. Die Täter bleiben auch bei ihm die Täter, da gibt es keine Unklarheit. Aber deswegen sind die Opfer nicht über jeden Zweifel erhaben. Und mitunter ist es gerade der Umstand, dass sie Opfer sind, der ihre Integrität ins Zwielicht bringt und sie in allen Grautönen changieren lässt.

"Das Theater, der Brief und die Wahrheit" heißt sein jüngstes Buch, das, wie so oft bei diesem Autor, im Frühjahr 2000 in Holland sofort zu hitzigen Debatten führte. Ein holländischer Schauspieler erhält einen üblen antisemitischen Drohbrief, wird entführt, gefesselt, liegen gelassen, kann sich aber selbst befreien und zur Polizei gehen. Bald tauchen Zweifel am Hergang auf und schließlich gesteht er, die Entführung ebenso wie den Brief fingiert zu haben. Doch auch das vor den Polizisten abgelegte Geständnis gerät zur Inszenierung, kunstvoll bis hin zum Tränenausbruch. Als Schauspieler weiß Herbert ja, wie man das macht.

Waren das Motiv dieser seltsamen Tat die Ängste seiner Frau, denen er auf etwas verrückte Weise beikommen wollte? Die er durch Verifizierung bannen wollte, könnte man sagen? Oder waren es die eigenen Ängste, hat er befürchtete, als Bestätigung seiner Befürchtungen zugleich herbeigesehnte, zunächst unbewusst gewünschte Ereignisse schließlich bewusst produziert? So oder so ist Magda daran zugrunde gegangen. Das alles erfahren wir aus der Sicht des Ich-Erzählers, der bei Magdas Begräbnis anwesend ist und Herberts große Abschiedsrede an seine Frau hört. Wir erfahren die Geschichte Herberts und Magdas also vorerst in zwei Versionen, vom seine Rede haltenden Herbert und dem seine Erinnerungen rekonstruierenden Erzähler, ohne dass uns Gewissheit über den tatsächlichen Hergang des Geschehens zuteil würde. Denn der Erzähler hat auch keinen Einblick, während es sich bei Herberts Darstellung in seiner Abschiedsrede auch um eine weitere Stufe seiner Selbstdarstellung, eine weitere, dieser Selbstdarstellung dienliche Version der dunklen Geschichte handeln kann.

Er kommt auch nicht darauf an, denn zuletzt zertrümmert Harry Mulisch die ganze Erzählung und lässt den Leser ratlos, aber trotzdem bereichert das Buch zuklappen. Er ist nämlich nicht nur psychologisch und ethisch, sondern auch formal ein passionierter Gratwanderer, dessen Balanceakte manchmal besser, manchmal weniger gut gelingen.

"Das Theater, der Brief und die Wahrheit" ist einerseits eine Sondierung im schwierigen und gefährlichen psychologischen Terrain der Wechselwirkungen zwischen Tätern und Opfern. Diese Wechselwirkungen sind zum Teil tabuisiert und nicht zuletzt deshalb wenig erforscht. Zugleich aber handelt es sich um ein erzählerisches Experiment. Harry Mulisch tritt mit diesem Buch in einen Dialog mit Dostojewski und Victor Hugo und will offenbar, koste es, was es wolle, eine Grenze überschreiten, vor der die beiden Großen Halt machten. Es ist, salopp ausgedrückt, die Grenze zwischen der "möglichen" und der "unmöglichen" Fiktion. Die Grenze zwischen dem, was der Erzähler grundsätzlich wissen und dem, was er keinesfalls wissen könnte, weil es sich um die letzten, mit dem Tod ausgelöschten Gedanken eines Sterbenden handelt. Mulisch erklärt uns in einer "Nachbemerkung" seine Absicht: "Ich bin noch einen Schritt weitergegangen und habe ... etwas Unmögliches gewagt."

Das "Unmögliche" wird in Form einer zweiten, viel kürzeren, auf etwas krampfhafte Weise angehängt wirkenden Geschichte geliefert. Die erste hieß "Herbert", diese heißt nun "Magda". Noch ein Begräbnis. Wieder ein Sarg, diesmal aus rohem Fichtenholz, wie es den jüdischen Vorschriften entspricht. Diesmal ist Herbert gestorben und wir erfahren Magdas Version. Nun ist plötzlich sie die Autorin des schrecklichen Briefs.

Was Mulisch für "unmöglich" erklärt, ist freilich bloß ein weiterer erzählerischer Kniff. Das Ergebnis ist eine weitere Relativierung, nun eine Relativierung dessen, was vorangegangen ist, nämlich der Relativierung allzu sicherer Positionen. Jede Sicherheit ist dahin.

Auslöser der tiefen Verunsicherung des fiktiven Juden Herbert und seiner nicht jüdischen Frau Magda war ein nicht fiktives, ein historisches Ereignis. Nämlich der Versuch, das Theaterstück "Der Müll, die Stadt und der Tod" von Werner Fassbinder aufzuführen. Die Debatte, ob es sich um ein antisemitisches Stück handle (Fassbinder: "So denkt es in mir"), riss damals Gräben auf und setzte, obwohl die Aufführung verhindert wurde, einen Meilenstein jüdischer Irritation im Nachkriegs-Deutschland, und nicht nur in Deutschland.

Auch schon Mulischs Roman "Die Prozedur" (Furche 34/99) war eine halb geglückte Gratwanderung zwischen Krimi und Erkundung im Hades der Phantasie und nicht zuletzt auch ein Versuch, Auseinanderliegendes auf einen Nenner zu bringen. Im konkreten Fall auch ein Versuch, kabbalistische Buchstabenmystik mit dem Code der DNS in den Genen zu verquicken.

Es wurde behauptet, nicht einmal Hannah Arendt sei an die Komplexität von Harry Mulischs Erkundungen im ethischen Niemandsland herangekommen. Es ist freilich kein Zufall, dass gerade er zum Meister der ethischen Zwischentöne wurde: Seine Eltern waren eine vom Tod bedrohte Jüdin und ein hoher holländischer Kollaborateur. Seine Suche nach der Wahrheit hinter der Schuld war immer auch die Suche nach der eigenen Geschichte. "Elzeviers Weekblad" schickte den jungen Autor 1961 nach Jerusalem, um über den Eichmann-Prozess zu berichten. Sein Buch darüber ist großer Journalismus und zugleich Literatur. Die Kultur, das, was die Kunst ermögliche, sei, meinte Harry Mulisch vor Jahren, "die Differenz zwischen Künstler und Mörder".

Das Theater, der Brief und die Wahrheit . Ein Widerspruch.

Von Harry Mulisch, Hanser Verlag, München 2000, 108 Seiten, geb., öS 190,-/e 13,81