Wer es auf Neudeutungen anlegt, muss sich damit auseinandersetzen, wie sich das mit der Intention eines Stückes vereinbaren lässt. Ob man dies bedacht hat?

Was hätte dies für ein Abend sein müssen? Die Idee, die hundertste Premiere der Volksoperndirektion Robert Meyer mit Robert Heubergers Erfolgsoperette "Der Opernball" zu feiern, lässt sich aus der Geschichte des Hauses gut argumentieren: 345 Aufführungen in fünf Inszenierungen zeugen von der Zugkraft dieses Dreiakters des mit Johannes Brahms und Eduard Hanslick befreundeten Komponisten, der Hauptsache als Musikkritiker und Musikschriftsteller tätig war.

Beste Voraussetzungen, um auch mit einer sechsten Wiederauflage dieser Operette reüssieren zu können. Und warum nicht, noch dazu aus Anlass dieses Premierenjubiläums, mit einer aktuellen Version des Librettos aufwarten? Und die Handlung -wie es Regisseur Axel Köhler auch versuchte - aus dem Pariser Karneval des Jahres 1900 in die Wiener Gegenwart zu transferieren, den Ball natürlich nicht am Haus am Ring, sondern an der Volksoper spielen zu lassen? Es ist verständlich, dass dies auch textliche Adaptionen mit sich bringt. Aber muss dies gleich zu einer derart umfassenden Adaptierung führen?

Victor Léons und Heinrich Waldbergs Libretto aus der französischen Atmosphäre ins wienerische Ambiente zu führen, setzt voraus, dass man dieses bis ins Detail kennt und diese Ambition auch entsprechend umzusetzen weiß. Nach diesem Premierenabend, der bloß auf einen, von einigen Buh-Rufen für die Regie begleiteten lauen Applaus stieß, darf Köhlers Affinität für das sprichwörtlich Wienerische mehr als nur angezweifelt werden. Hat er gar seine Arbeit vor allem als Persiflage gesehen? Daher diese Ansammlung steifer, sich in übertriebene Koketterie und unangemessene Präpotenz flüchtender Figuren, dieser Bummelwitz, diese von billigen Pointen überfrachtete Sprache?

Wenig geschmackssicher

Das aber deckt sich so gar nicht mit Heubergers von Walzer-und Polka-Klängen inspirierter Musik. Sie imaginiert nicht ein plumpes, von einfältigen Witzen garniertes Treiben, sondern illustriert geistvoll-charmant das ewige Spiel von Liebe und Treue in einem stilvollen Rahmen. Ein modernes Loft in einem offensichtlich abgehausten Industriegebäude mit Aussicht zum Wiener Prater und die Aneinanderreihung ebenso wenig geschmackssicher erdachter Sexkabinen (Bühnenbild: Timo Dentler, Okarina Peter) entspricht dem gewiss nicht. Solche Örtlichkeiten lassen Heubergers subtil gezeichnete Musik vorweg verblassen. Abgesehen davon, dass man sie mit mehr virtuosem Witz und sensibler Eloquenz hätte darstellen müssen, wie es Alfred Eschwé am Pult des kaum mehr als routiniert musizierenden Volksopernorchesters, das diese Partitur in früheren "Opernball"-Produktionen ungleich delikater, vor allem inspirierter aufgeführt hat, vorzeigte. Das Besondere dieser Musik kam damit nur ansatzweise über die Rampe.

Auch die übrige Besetzung ließ Wünsche offen. Mehr zufällig als im Detail überlegt, wirkten die von manch müdem Witz begleiteten Auftritte von Kurt Schreibmayer und Helga Papouschek in der Rolle des alten, skurrilen Ehepaars Schachtelhuber. Kristiane Kaiser und Ursula Pfitzner als Angelika Wimmer und Margarete Pappenstiel versuchten ihre deutlichen Schwächen in den Höhen durch ausgesuchte Affektiertheit und mehr gestische Outrage vergessen zu machen, als es ihren Aufgaben zugute kam. Nur durchschnittlich auch die Leistungen ihrer sich vergeblich nach Opernball-Sex sehnenden Bühnen-Ehemänner, Marco Di Sapia, der einen unbeholfenen Provinzbanker mimen muss, und Carsten Süss, der sich als Lebemann in Miniformat präsentiert. Flott agierte Martina Dorak als Tänzerin Féodora, während sich Boris Eders Oberkellner Philipp vor allem durch unpassende Überheblichkeit auszeichnete. In dieses Bild fügten sich auch die übrigen Protagonisten, die man gleichfalls besser führen, vor allem weniger beliebig hätte charakterisieren müssen.

Und das Fazit? Ein jahrzehntelanger Erfolg bietet noch lange keine Garantie auf entsprechende Fortsetzung. Wer es auf Neudeutungen anlegt, darf eine solche Herausforderung nie auf das Thema Aktualisierung beschränken, sondern muss sich mit der Frage auseinandersetzen, wie sich das mit der Intention eines Stückes vereinbaren lässt. Ob man dies auch diesmal bedacht und überlegt hat? Das Ergebnis spricht jedenfalls eine andere Sprache.

Der Opernball Volksoper, 23., 25., 28. März, 4., 7. April

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