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Musik gegen den Dudelfunk

Mit ihrer „70-10“-Tour meldet sich ein Urgestein der Popgeschichte zurück: Supertramp. Auch 40 Jahre nach ihrer Gründung zieht die britische Band noch in ihren Bann.

Es ist das Wesen einer Flaschenpost, unbeeindruckt den Stürmen der Zeit zu trotzen und ihren Inhalt schließlich unversehrt und frisch oft erst nach Jahrzehnten wieder preiszugeben. Eine solche Flaschenpost aus der Musikgeschichte stellt auch das Werk jener britischen Band dar, die ab 2. September mit einer großen Tournee durch Europa und einem Gastspiel am 8. September in Wien ihr 40-jähriges Bestehen feiert: Supertramp. Mit über 60 Millionen verkauften Tonträgern zählt die Band bis heute zu den Giganten im Pop-Geschäft.

Dabei liegt die Hoch-Zeit der Formation um die beiden Leadsänger, Keyboarder und Komponisten Rick Davies und Roger Hodgson zweifellos in den 70er- und frühen 80er-Jahren. Bis heute zählt etwa ihr Album „Crime of the Century“ von 1974 zu den Must Haves in jeder Platten- oder CD-Sammlung – und auch hier trägt der Vergleich mit einer Flaschenpost, hält das Album im Blick auf die ausgewogenen Arrangements, die brillante Abmischung und die komplexen Kompositionen doch selbst nach 36 Jahren noch jedem Vergleich mit heutigen Produktionen stand.

Warum also ein Rückblick? Warum den Korken der Flaschenpost öffnen, wenn – wie bei Jubiläums-Tourneen üblich – nicht sprudelnde Innovationskraft, sondern vermutlich ein sauber arrangierter Best-of-Auftritt zu erwarten ist? Warum auf solche „Rock-Opas“ verweisen, wenn derer mit Bob Dylan, Leonhard Cohen oder den unvermeidlichen Stones unzählige unablässig durch die Lande touren? – Nun, eben genau deshalb: Weil Supertramp mehr verdient als ein bloßes geliehenes Ohr für die oft schon bis an die Enerviergrenze gespielten Hits wie „Dreamer“, „Give a little bit“, „Breakfast in America“ oder „It’s raining again“.

Es war nicht alles „Bloody well right“

Es sind – wie ihr dem Buch „The Autobiography of a Super-Tramp“ von W. H. Davies entliehener Name schon sagt – musikalische Vagabunden, die sich mit aufwändigen Arrangements, ungewöhnlichen Harmonien und Instrumentierungen und stilistischen Anleihen aus dem Jazz bis heute deutlich aus dem Mainstream abheben. „Progressive Rock“ nannte man einst diese Stilrichtung, zu der auch Bands wie Jethro Tull, Alan Parsons und Pink Floyd, in jüngerer Zeit wohl auch Sting, zählen. Intelligente Musik gegen den Dudelfunk, der heute aus den selbst ernannten Hitradios plätschert. Wer diese Bands hörte, signalisierte auch nach außen hin eine gewisse musikalische Intellektualität: Synkopen und Große Septimen anstelle müder Standard-Akkordfolgen im Viervierteltakt.

Ein kurzer Blick zurück zum Anfang, der alles andere als glatt oder rund im Stile einer durchgecasteten und sterilen „Boygroup“ verlief: Zwar wurde der gemeinsame Bandstart von Rick Davies und Roger Hodgson 1969 durch einen großzügigen holländischen Industriellen und Mäzen unterstützt und so erst künstlerische Freiheit und ein allererster Auftritt im Münchener PN-Club ermöglicht, doch kamen die ersten Alben der Band – 1970 das Album „Supertramp“ und ein Jahr später das Album „Indelibly Stamped“ – über einen Achtungserfolg kaum hinaus. Die Band drohte zu zerfallen, der Investor sprang ab. Erst eine Neuaufstellung mit Dougie Thomson (Bass), Bob Siebenberg (Schlagzeug) und dem kongenialen Saxofonisten John Helliwell sollte schließlich zu jener Konstellation führen, die mit „Crime of the Century“, dem Folgealbum „Even in the Quietest Moments“ oder dem als „Album zur Krise“ in Feuilletons gegenwärtig wieder hervorgeholten „Crisis? What Crisis?“ über mehr als 30 Jahre Bandgeschichte schrieb.

Es war also nicht alles „Bloody well right“ – nicht alles verdammt gut und richtig, wie einer ihrer erfolgreichsten Titel lautete: So folgten zwar noch weitere erfolgreiche Alben – insbesondere „Breakfast in America“ sollte sich über 20 Millionen Mal verkaufen und ihr „Logical Song“ wurde mit dem prestigeträchtigen englischen Ivor Novello Award als beste Komposition ausgezeichnet. Dennoch sollte mit der Trennung von Davies und Hodgson im Jahr 1982 ein Bruch erfolgen, den seither weder Fans noch Musikkritiker der Band verziehen haben.

Wird bis heute über den eigentlichen Grund dieser Trennung spekuliert, so zeigt ein nüchterner Blick auf die beiden nach der Trennung veröffentlichten Studioalben „Brother where you bound“ (1985) und „Free as a Bird“ (1987) tatsächlich eine Band im künstlerischen freien Fall. Wo zuvor sorgsame Handarbeit und akribische Instrumentierung gerade den Reiz von Supertramp bildeten, da regierten nun die in den späten 1980ern fast obligatorischen Synthie-Drums und ein Hang zum Pop-Schlager. Der Tiefpunkt folgte dann mit dem „Live’88“-Album, dem tatsächlich eine Schaffenspause von neun Jahren folgte.

Im Mittelpunkt bleibt die Musik

Längst tot geglaubt, schaffte Rick Davis 1997 mit „Some Things Never Change“ die Kehrtwende und fand endlich einen eigenen Stil, der sich vom vormaligen eindeutig erkennbaren Bandklang unterschied. Kann man Hodgsons Solo-Projekten wie etwa seinem letzten Album „Open the Door“ aus dem Jahr 2000 bis heute anhören, wessen Feder und Spiel sie entstammen, so gab sich die Band nicht zuletzt durch eine personelle Neuaufstellung zugleich eine neue Note: Blues- und Jazz-Elemente wurden verstärkt, Gitarrist Carl Verheyen intensivierte den Gitarren-Part, und Cliff Hugo sorgte für ein innovativeres Bass-Spiel – so auch auf dem bislang letzten, im Jahr 2002 erschienenen Album „Slow Motion“.

Typisch und bis heute erhalten hat sich die unaufgeregte Art der Band, ihre fast schon klinische Skandalfreiheit, bis hin zum musikalischen Erkennungszeichen, dem typischen, die meisten Hits bestimmenden E-Piano-Sound. Geblieben ist ihr auch die Besonderheit des Live-Erlebnisses: Keine bombastische Bühnenshow versucht das Auge zu überwältigen, im Mittelpunkt bleibt die Musik – und damit der Blick auf das erstaunliche Maß an musikalisch-handwerklicher Perfektion, gelingt es Supertramp doch bis heute, einen den Studioalben kaum nachstehenden Live-Klang zu erzeugen. Auch hier scheiden sich freilich die Geister – gilt dies den einen als Zeichen hoher Kunst, ist es für andere die pure Langeweile.

Erhalten hat sich bei den Fans im Übrigen ebenso die Hoffnung, die Band könnte nach der Trennung von Hodgson und einer Zeit unruhigen Lavierens seither ihr 40-Jahr-Jubiläum wieder in alter Formation als „Reunion-Tour“ begehen. Doch selbst nach 15 Monaten an intensiven Gesprächen habe man sich nicht zu einem solchen Schritt mit Hodgson einigen können, teilte die Band unlängst Anfang August auf ihrer Website mit, um allen Spekulationen endgültig ein Ende zu machen. „We wish Roger well and look forward to playing for you this fall“, schloss die Band das Kapitel. So bleibt angesichts des 40. Jahrestages ihres Bestehens und der aktuell anstehenden Tour als Wunsch nur ein Rückgriff auf einen ihrer frühen Titel: „If everyone was listening“ – wenn doch jeder – oder möglichst viele – zuhörten!

Im Übrigen tourt auch Roger Hodgson in diesem Jahr durch Europa. Österreich steht allerdings nicht mehr auf seinem Plan – Ende Juni gastierte er beim Wiener Donauinselfest.

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