Sting - © Getty Images / HeartMedia / Andrew Toth

Sting: Wanderer zwischen Erde und Himmel

1945 1960 1980 2000 2020

Weltstar Sting wird 70 – und jedes seiner Schaffensjahrzehnte ist geprägt durch musikalisches Neuland. Und durch mehrdeutig vermittelte spirituelle Botschaften.

1945 1960 1980 2000 2020

Weltstar Sting wird 70 – und jedes seiner Schaffensjahrzehnte ist geprägt durch musikalisches Neuland. Und durch mehrdeutig vermittelte spirituelle Botschaften.

Populärmusik, Musik, die von Millionen Menschen gehört wird und über alle möglichen Kanäle in die Welt hineinklingt – sie wird von vielen, die sich der klassischen Musik verschrieben haben, noch immer als etwas Minderwertiges, als Anhängsel des Großen, als Unterhaltung für die musikgeistlich weniger Betuchten belächelt. Und schon gar nicht könne eine solche Musik den Menschen in seine seelischen Tiefen führen oder gar ins Himmlische hineinfühlen wie einst Mozart, Bach oder Beethoven. Doch die Musikgeschichte, auch die jüngere, ist prall gefüllt mit Musikerinnen und Musikern, die das Genannte konterkarieren. Bob Dylan ist der Großmeister dieser Widerlegung; Leonard Cohen, Nina Simone, Peter Gabriel, David Bowie, Herbert Grönemeyer – weitere Größen unter vielen anderen.

Auch Gordon Matthew Sumner, bekannt als Sting, vor nunmehr 70 Jahren am 2. Oktober als Sohn eines Milchmanns und einer Friseurin geboren, gehört zu den Großen jener filigranen Kunst, nach innen wie nach oben bedeutungsvolle Musik für Millionen zu kreieren. Die Schaffensbreite des Ex-Frontmanns und -Bassisten der Band „The Police“ reicht von New Wave über Pop, Rock und Hip-Hop bis zur Weltmusik, dem Jazz, alter Kirchen- und Anleihen bei klassischer Musik. In diesem pulsierenden Reservoir klanglicher Möglichkeiten entstand in viereinhalb Jahrzehnten ein unikales Werk. Der sechsfache Vater hat auf fünf „Police“-, 13 Solo-Studioalben und bei Tausenden von Konzerten unter Beweis gestellt, dass er die Einflüsse seiner Mitspielenden mit seinen Ideen zu integrieren vermag – eklektisch, Stilgrenzen sprengend. Der Song „Desert Rose“ etwa, ein Duett mit dem algerischen Folksänger Cheb Mami, integriert Einflüsse der algerischen Rai-Lied-Tradition: Süße Wüsten-
rose / Diese Erinnerung an Eden sucht uns alle heim / Diese Wüstenblume / Dieses rare Parfum, es ist süße Vergiftung des Falls.

„Musik ist mein spiritueller Weg“

Was aber ist das Leitmotiv in Stings Arbeit? Martin Scholz, Autor des Buches „Message in a book. Ein Porträt in Gesprächen“, in dem er persönliche Interviews mit dem Briten bündelt, fasst es so: „Die Dunkelheit auszuleuchten, sich dabei von der Melancholie mitreißen zu lassen – und daraus Songs zu formen, die Millionen Menschen überall auf der Welt mitsingen können.“ Der Protagonist selbst umschreibt Motivation und Quellen so: „Musik ist mein spiritueller Weg, meine Verbindung zu etwas, das größer ist als ich, es ist mein Studium, es macht mich glücklich. Doch je mehr du über Musik erfährst, desto mehr realisierst du, dass du keine Ahnung hast. Es ist unendlich.“

Die Interviews in Scholz’ lesenswertem Buch bringen Stings Positionen zu vielen Themen näher – zu Brexit und Trumpismus, aber auch zu Sterblichkeit und Spiritualität. In einem der Gespräche, nach einem Konzert in der Kathedrale von Durham, erzählt der einstige Englisch- und Musiklehrer über seine Art von Religio­sität. „Ich glaube an etwas Profundes, Tiefsinniges, das jenseits der menschlichen Vorstellungskraft liegt. Für mich ist Religion lediglich eine Metapher für die Neugier auf dieses Andere. Aber was es ist, weiß ich auch nicht.“ Die Art und Weise indes, „wie Glauben und Spiritualität in Religionen organisiert werden, finde ich befremdlich und verstörend. Ich brauche keine Kirche als Organisation, um Kontakt mit dem Spirituellen aufzunehmen.“

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