Polen Belarus - ©  Foto: APA / AFP / BELTA / Oksana Manchuk

Belarus-Polen: Die Eskalation

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Das Sperrgebiet an der polnisch-belarussischen Grenze wird für Migranten undurchlässig. Gleichzeitig sehen sich immer mehr Menschen in der Region in einem „Krieg“ mit dem Nachbarland. Denn neben der humanitären Krise wachsen auch die militärischen Spannungen.

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Das Sperrgebiet an der polnisch-belarussischen Grenze wird für Migranten undurchlässig. Gleichzeitig sehen sich immer mehr Menschen in der Region in einem „Krieg“ mit dem Nachbarland. Denn neben der humanitären Krise wachsen auch die militärischen Spannungen.

Nicht einmal Lkw-Fahrer kommen noch. Sie waren die letzten verlässlichen Gäste des „Zajazd Sosna“, einer Art Biker-Restaurant mit angeschlossenem Motel. Als Solitär steht das Gebäude auf einem Parkplatz direkt an der polnischen Sperrzone vor der Grenze zum Nachbarland Belarus. Das „Sosna“ liegt an der Transitstraße 19, über die bis vor Kurzem noch der Warenverkehr aus Belarus durch die Sperrzone nach Polen rollte. Damit ist es jetzt vorbei. Die polnischen Sicherheitsbehörden haben den Grenzübergang bei Kuznica vollständig geschlossen, nachdem sich am Montag erstmals Tausende von Migranten aus dem Nahen Osten auf der belarussischen Seite gesammelt hatten. Für das Restaurant am Sperrgebiet verheißt das nichts Gutes. Wer sich hier von Westen dem Sperrgebiet nähert, passiert zwei Checkpoints.

Die Gäste des „Sosna“ werden sogar noch ein paar Meter weiter vorgelassen. Offenbar haben die Polizisten Mitleid mit dem Restaurantbetreiber. Drinnen sitzen vereinzelt Angehörige der sogenannten territorialen Selbstverteidigung, polnische Reservisten. Es gibt saure Mehlsuppe, Schweinsschnitzel und Bier. Es sind Reste, eingekauft wird nichts mehr. Die Bedienung schaut sich die Eskalation an der Ostgrenze im Staatsfernsehen an: Zu sehen sind versuchte Grenzdurchbrüche, Steinewerfer, davor stehen polnische Soldaten, Hubschrauber fliegen am Himmel. Hier, wenige Kilometer entfernt, ist von alldem kaum etwas zu spüren. Die polnische Regierung hat schon im September den Ausnahmezustand ausgerufen und eine Sperrzone entlang der Grenze zu Belarus eingerichtet. Hier kommt niemand rein, keine Nichtregierungsorganisationen, auch keine Journalisten. Armee und Grenzschutz kontrollieren das Gebiet.

Die Sperrzone

So reagiert Polen darauf, dass Diktator Alexander Lukaschenko seit dem Sommer Menschen etwa aus dem Irak mit Flugzeugen nach Minsk und von da weiter an die Grenze zu Polen und damit zur EU schafft. Die Flüchtlinge wollen zumeist nach Deutschland. Polen aber will sie nicht durchlassen. Polnische Grenzer drängen sie teils gewaltsam zurück. Migranten, die es schaffen, hängen oft Wochen in den Wäldern Ostpolens fest. Die Temperaturen sind unter null gefallen.

Zwölf Tote wurden bislang beiderseits der Grenze gezählt. Am vergangenen Samstag bestätigte die polnische Polizei, dass auf der polnischen Seite ein weiterer Leichnam gefunden wurde. Es handelt sich um einen jungen Syrer. Nachdem jetzt Tausende an den Grenzstreifen gekommen sind, hat Polen weitere Truppen nach Osten verlegt, die territoriale Selbstverteidigung hat eine Teilmobilmachung angekündigt. Mehr als 20.000 Soldaten und Grenzbeamte sind mittlerweile hier aktiv, dazu gepanzerte Fahrzeuge und Drohnen.

Für die Menschen vor der Sicherheitszone bedeutet der Konflikt zwischen dem Lukaschenko-Regime und Polen seltsamerweise vor allem eins: Ruhe. Denn die meisten Einheiten sind weiter hinten im Sperrgebiet. Davor ist weniger Militär zu sehen als noch vor drei Wochen, auch scheinen deutlich weniger Migranten herüberzukommen – obwohl auf der anderen Seite immer mehr stehen. Die polnischen Behörden machen offenbar erfolgreich dicht. Hilfsorganisationen vor dem Sperrgebiet bestätigen das. Eigentlich tauschen sie sich über Standorte von kranken oder verletzten Flüchtlingen aus, die sie zum Beispiel über ein Notfalltelefon erhalten. „Es ist merkwürdig, die Lage eskaliert, immer mehr Menschen kommen an die Grenze, aber hier spüren wir immer weniger davon“, erzählt Anna Chmielewska der Furche.

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