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Liturgikers kritisches Auge

Der Grazer Neutestamentler Peter Trummer und sein Dogmatiker-Kollege Bernhard Körner haben zwei - nach Ansatz und Ziel - sehr unterschiedliche Hinführungen zur Eucharistie vorgelegt.

Peter Trummer, Neutestamentler an der Universität Graz und Bernhard Körner, Dogmatiker an derselben Fakultät, haben aus katholischer Perspektive zwei nach Ansatz und Ziel unterschiedliche Hinführungen zur Eucharistie vorgelegt. Trummer fordert die Erneuerung von Eucharistie und kirchlichem Amt auf der Basis seiner Interpretation des Urchristentums. Mit gewagten Utopien will er zum Umdenken anregen. Körner fördert das theologische Verständnis der Eucharistie als Zentrum von Theologie und Glaube.

Anfragen bleiben. Trummer beginnt mit Hinweisen auf Menschenopfer der Frühgeschichte. Das suggeriert schon als Einstieg ins Thema: Wer die Eucharistie verstehen will, muss zwischen dem Morden der Wilden ("Opfer") einerseits und dem Liebesmahl des Urchristentums andererseits wählen. Seit Christen begannen, im Wettstreit mit dem Polytheismus, zu behaupten, ebenfalls Opfer zu haben, seien die 2000 Jahre Liturgiegeschichte ein Irrweg. Damit wird christlichen Autoren des 2. Jahrhunderts, wie Irenäus, der mit großer Distanz zu den heidnischen Opfern um ein Verständnis der Eucharistie ringt, Unrecht getan.

Nicht "nur" Bildsprache

Alte Texte sind für Trummer dort Maßstab des Glaubens, wo sie seine Meinung stützen. Sonst werden sie abgelehnt wie z.B. die Vorschrift der Didache (2.Jh.), Ungetaufte von der Eucharistie auszuschließen (oder deren Opferbegriff). Auch das "Fleisch Christi" aus dem 6. Kapitel des Johannesevangeliums, das die Menschen zu "kauen" haben, sei nur "Bildsprache". Das ist evident. Wer aber die alte Kirche verstehen will, muss genau hinsehen, welche Bilder benützt werden. Vielen Christinnen und Christen war schon im 2. Jahrhundert das häufige Essen des "Fleisches Christi" wichtiger als die Teilnahme an der Feier, in der über dem Brot gebetet worden war.

Viele Deutungen der Eucharistie greifen auf Versuche zurück, den Tod Jesu im Geist der Bibel zu erfassen. Sie haben keinen Bezug zu heidnischen Menschopfern. Nach der Behauptung, dass (auch biblische) Deutungen "notwendigerweise zu kurz greifen" (48), versucht Trummer eine eigene Kreuzestheologie.

"Ärgernis" Kreuz bleibt

Der Tod Christi ist aber heute nicht leichter zu integrieren, wenn Gott "in Jesus unsere zutiefst kränkende Todeswunde liebevoll berührt, ja sogar geküsst'" hat (50), als dadurch, dass Jesus (wie der biblische "Gottesknecht") die Sünden der Menschheit (weg-)getragen hat. Das "Ärgernis" des Kreuzes verschwindet nicht durch den Einsatz von neuen Bildern: Nicht "der Schuldschein" (51), sondern Jesus wurde ans Kreuz genagelt. Über abstrakte Begriffe wie "Sünde" wird mit konkreten gesprochen: als "Last" muss sie weggetragen, als "Verunreinigung" abgewaschen, als "Geldschuld" bezahlt werden.

Die Opfervorstellungen des Alten Testaments tragen ebenso Kategorien der Deutung bei. Trummer liest dabei einen diffusen Opferbegriff in Texte und Liturgien und lehnt sie danach ab. Widerständige Traditionen sollten aber nicht samt ihrer biblischen Wurzeln getilgt, sondern aus jenen erklärt werden.

Gibt es Alternativen? Oft erwähnt Trummer die "Schaubrote" als Deutung der Eucharistie. Sie wurden sogar wöchentlich ausgetauscht, solange der Jerusalemer Tempel stand. Wo sich aber die frühchristliche Eucharistie selbst darauf bezieht, bleibt unklar. Vor Origenes (3. Jh.) werden die entsprechenden Bibeltexte aus Levitikus 24 und Exodus 25 nicht zur Deutung der Eucharistie zitiert. Trummer stilisiert außerdem die Mähler Jesu als tempelfeindlich, so dass sie dessen Traditionen - auch die Schaubrot-Riten - kaum fortsetzen konnten.

Es sollten natürlich mehr Predigten über biblische Themen gehalten werden. Andere Vorschläge helfen heutigen Gemeinden kaum, ihre Liturgie zu vertiefen: "Was der nichtchristlichen Welt unverständlich ist, hat auch im christlichen Gottesdienst nichts verloren. Gerade die zufällig Hereinkommenden, die Nichteingeweihten sollen in ihrem Innersten so betroffen sein, dass sie nur mehr bekennen können: Wahrhaft Gott ist in/unter euch" (174). "Gegenwart Gottes" verkommt zur Kunst einer Gruppe, Zaungäste emotional zu überwältigen.

Stammtisch-Romantik

Manche mögen schätzen, dass in diesem Buch steht, was sie schon immer lesen wollten. Theologische Stammtischromantik über die Urgemeinde und die Verachtung des Ist-Zustandes der Liturgie fördern den Dialog über ihre Weiterentwicklung nicht. Eine Gemeinde, die versucht, ihre Liturgie nach Trummers Verständnis des Neuen Testaments zu gestalten, macht diese Liturgie zum Schlachtfeld gegen ihre Kirche, muss dann aber zusehen, wie sie die Ansprüche seiner Rekonstruktion in der Praxis durchhält.

Um einen wesentlich nachhaltigeren Zugang zur Eucharistie bemüht sich Berhard Körner. Mit ihm betritt der Mensch das Kirchengebäude, nähert sich der Messe, erhält in der zweiten Hälfte des Buches einen Überblick über theologische Klärungen zum Verständnis der Eucharistie und bekommt zum Abschluss Gebete vor allem aus dem Kontext der eucharistischen Anbetung angeboten. Eucharistie ist vorgegeben. Es gilt, sie zu verstehen, nicht zu verändern.

Zwei Probleme seien angedeutet. Wenn zum Zweck der Hinführung zur Eucharistie Texte vorgestellt werden, möge man erstens mit dem beginnen, wodurch sich die Liturgie selbst und hörbar interpretiert (z.B. ein Hochgebet), nicht von komplizierten Fragen der Eucharistielehre, denen man erst im spezialisierten Nachdenken über den Gottesdienst begegnet.

Nur "Privat"-Gebete?

Nachdem Körner zweitens das Gebet des isolierten Menschen als Grundform des Betens einführt, muss er Liturgie als ausnahmsweise gemeinsam vollzogene und schematisierte Summe von Privatgebeten erklären. Es ist jedoch umgekehrt. Die Liturgie der Gemeinschaft ist Voraussetzung für das Privatgebet. Auch der einsamste Mensch steht im Vaterunser vor Gott, insofern er Teil der Gemeinde ist. Ohne kontinuierliche Weitergabe und Vermittlung der Kirchen gibt es keinen christlichen Glauben und kein christliches (Privat-)Gebet. Auch wenn der Aufbau einer eucharistischen Spiritualität aus der Theologie glückt, ist gerade mit Trummer einzufordern, dass die Gemeinde eine wichtige Rolle spielen muss, wo es um den "Sinn der Eucharistie" geht.

Der Autor lehrt Liturgiewissenschafter in Münster.

" Das ist mein Leib. Neue Perspektiven zu Eucharistie und Abendmahl. Von Peter Trummer Patmos Verlag, Düsseldorf 2005. 200 Seiten, kt. m. Abb., e 18.50

" Gottes Gegenwart. Eine Entdeckungsreise zum Sinn der Eucharistie Von Bernhard Körner. Tyrolia Verlag, Innsbruck 2005. 208 Seiten, kt., e 18,40

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