Eucharistie - Vielen Katholikinnen und Katholiken ist das katholische Verständnis von Eucharistie fremd geworden. - © Rainer Messerklinger (unter Verwendung eines Bildes von iStock/ivan-96)
Religion

Begriffe neu denken

1945 1960 1980 2000 2020

Der Großteil der US-Katholiken folgt der kirchlichen Lehre von der Eucharistie nicht (mehr). Diesseits und jenseits des Atlantiks wird es immer drängender, alte Rede neu zu buchstabieren. Ein Essay.

1945 1960 1980 2000 2020

Der Großteil der US-Katholiken folgt der kirchlichen Lehre von der Eucharistie nicht (mehr). Diesseits und jenseits des Atlantiks wird es immer drängender, alte Rede neu zu buchstabieren. Ein Essay.

Eine Umfrage des renommierten Pew-Instituts in den USA schreckte jenseits des Atlantiks insbesondere katholische Medien und Diskussionsbeitragende auf. Die Umfrage unter dem Thema „What Americans Know About Religion“ ergab auf die Frage nach der Eucharistie: Die Hälfte der Katholiken in den USA wusste nicht, dass laut Lehre der katholischen Kirche in der Eucharistie Brot und Wein zu Leib und Blut Jesu gewandelt würden. Von den sich selbst als Katholiken bezeichneten Teilnehmern an der Umfrage hatten zwei Drittel überdies erklärt, für sie seien Brot und Wein Symbole für Leib und Blut Jesu, nur ein Drittel glaubt an die katholische Lehre von der Transsubstantiation.
Die Schlagzeilen in mit Religion befassten Medien waren dementsprechend klar: „Nur mehr die Hälfte der US-Katholiken kennt die kirchliche Lehre über die Kommunion“, lautete sie etwa im Internet-Portal Crux, und im Catholic Herald meinte der theologische Kommentator: „Eine große Kluft hat sich aufgetan zwischen denen, die an eine geoffenbarte Religion glauben, und jenen, die glauben, das alles sei ein Symbol.“

Die angesprochene Diskussion von jenseits des Atlantiks ist auch hierzulande nicht neu. In europäischen Breiten sind vergleichbare Studien, Umfragen und Analysen ebenfalls zu lesen. Nur ein Beispiel: Der Standard etwa präsentierte zu Ostern 2018 eine Umfrage, nach der nur 20 Prozent der Österreicher an die Auferstehung Jesu glauben – wenn man das mit der Katholikenzahl im Land korreliert, sind also auch bei dieser zentralen Botschaft des Christentums große Unterschiede zwischen Gelehrtem und Geglaubtem zu konstatieren.

Die neuen Zeichen der Zeit

Nun sind Umfragen respektive deren mediale Verkürzung per se mit Vorsicht zu genießen. Das Pew Research Center in den USA hat unter anderem für seine religionssoziologischen Studien, die mitunter auch im Weltmaßstab durchgeführt werden, zwar ein hohes Renommée. Auf der sicheren Seite bleibt man in der Beurteilung, wenn man Ergebnisse wie das mangelhafte Glaubenswissen oder den aus katholischer Lehrsicht mangelhaften Glauben über die Eucharistie als eine Momentaufnahme aktueller religiöser oder konfessioneller Verfasstheit betrachtet.

Man kann darauf wie der US-amerikanische Weihbischof Robert Barron aus Los Angeles reagieren, der, wie das liberale Portal ncronline.org zitiert, in einem Video­posting meinte: „Ich klage mich, die Bischöfe, die Priester und alle an“, die für die Weitergabe des Glaubens verantwortlich seien: „Wir alle sind mitschuld.“

Eine Umfrage des renommierten Pew-Instituts in den USA schreckte jenseits des Atlantiks insbesondere katholische Medien und Diskussionsbeitragende auf. Die Umfrage unter dem Thema „What Americans Know About Religion“ ergab auf die Frage nach der Eucharistie: Die Hälfte der Katholiken in den USA wusste nicht, dass laut Lehre der katholischen Kirche in der Eucharistie Brot und Wein zu Leib und Blut Jesu gewandelt würden. Von den sich selbst als Katholiken bezeichneten Teilnehmern an der Umfrage hatten zwei Drittel überdies erklärt, für sie seien Brot und Wein Symbole für Leib und Blut Jesu, nur ein Drittel glaubt an die katholische Lehre von der Transsubstantiation.
Die Schlagzeilen in mit Religion befassten Medien waren dementsprechend klar: „Nur mehr die Hälfte der US-Katholiken kennt die kirchliche Lehre über die Kommunion“, lautete sie etwa im Internet-Portal Crux, und im Catholic Herald meinte der theologische Kommentator: „Eine große Kluft hat sich aufgetan zwischen denen, die an eine geoffenbarte Religion glauben, und jenen, die glauben, das alles sei ein Symbol.“

Die angesprochene Diskussion von jenseits des Atlantiks ist auch hierzulande nicht neu. In europäischen Breiten sind vergleichbare Studien, Umfragen und Analysen ebenfalls zu lesen. Nur ein Beispiel: Der Standard etwa präsentierte zu Ostern 2018 eine Umfrage, nach der nur 20 Prozent der Österreicher an die Auferstehung Jesu glauben – wenn man das mit der Katholikenzahl im Land korreliert, sind also auch bei dieser zentralen Botschaft des Christentums große Unterschiede zwischen Gelehrtem und Geglaubtem zu konstatieren.

Die neuen Zeichen der Zeit

Nun sind Umfragen respektive deren mediale Verkürzung per se mit Vorsicht zu genießen. Das Pew Research Center in den USA hat unter anderem für seine religionssoziologischen Studien, die mitunter auch im Weltmaßstab durchgeführt werden, zwar ein hohes Renommée. Auf der sicheren Seite bleibt man in der Beurteilung, wenn man Ergebnisse wie das mangelhafte Glaubenswissen oder den aus katholischer Lehrsicht mangelhaften Glauben über die Eucharistie als eine Momentaufnahme aktueller religiöser oder konfessioneller Verfasstheit betrachtet.

Man kann darauf wie der US-amerikanische Weihbischof Robert Barron aus Los Angeles reagieren, der, wie das liberale Portal ncronline.org zitiert, in einem Video­posting meinte: „Ich klage mich, die Bischöfe, die Priester und alle an“, die für die Weitergabe des Glaubens verantwortlich seien: „Wir alle sind mitschuld.“

Vielleicht trifft die Eucharistie-Lehre der Kirche den Lebenskern der Katholikinnen und Katholiken nicht mehr so wie in früheren Zeiten.

Man kann auf die empirischen Erkenntnisse mit derartigem Kulturpessimismus reagieren. Dass der Glaube verdunste, ist allemal zu hören, und es gibt die nicht zuletzt von konservativer Seite immer als wohlfeiles Argument gebrauchte Rede, es gebe keine „Kirchen-“, sondern eine „Glaubenskrise“.

Wer dieser Art von Zugangsweise, die vor allem apologetisch, das heißt bestehende Anschauungen verteidigend argumentiert, folgt, könnte aber bald der Verlockung anheimfallen, sich vor allem auf Vergangenes zu beziehen und die Zukunft nicht im Blick zu haben. Aber ein Glaube, der nicht in die Zukunft schaut, ist gerade in christlicher Perspektive kaum tragfähig.

Man könnte also das mangelnde Wissen oder auch die, sagen wir, unausgeprägte Akzeptanz der Transsubstantiationslehre oder der Rede von der „Realpräsenz“ Chris­ti, welche die zitierte Umfrage nahezulegen scheint, auch als Zeichen der Zeit deuten: Vielleicht ist dies vielen Katholikinnen und Katholiken weniger wichtig oder diese Fragen treffen den Lebenskern der Menschen nicht mehr so wie in anderen Zeiten. Außerdem ist zu beachten, dass auch die Begrifflichkeiten rund um die Eucharistie in einem bestimmten his­torischen – und auch soziologisch verortbaren – Kontext geprägt wurden. Es wäre eine spannende Aufgabe, sich darüber den Kopf zu zerbrechen, ob und wie diese Begriffe heute neu mit Inhalt und vor allem: Lebensrelevanz gefüllt werden könnten.

Es wäre ein wichtiger Ansporn, nicht zuletzt für die Theologie, hier vor- und mitzudenken – und dies in Freiheit zu tun, ohne schon im Voraus zu wissen, zu welchen konkreten Ergebnissen derartige Auseinandersetzung führen kann.

Problem: Verrechtlichung der Lehre

Ein Problem speziell der katholischen Ausprägung der skizzierten, notwendigen Diskussion ist, die starren Korsette von Lehr- und Glaubensfragen aufzubrechen. Der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald, einer der innovativsten Köpfe zu diesen Fragen, hat sich in seinem eben erschienenen, für theologisch Interessierte spannend zu lesenden Buch „Reform. Dieselbe Kirche anders denken“ daran gemacht, die fatale Verrechtlichung der kirchlichen Lehre darzulegen – mit vielen Beispielen. Die theologische Seite der Kirche, schreibt Seewald, könne auch anders gedacht werden, „als sie lehramtlich derzeit gedacht wird“. Die Rufe nach Reform, „lassen sich nicht einfach in die Verfallsnarrative angeblichen Unglaubens oder einer zunehmenden Veräußerlichung des Glaubens ordnen.“

In diesem Sinn wären Befunde eines „schwindenden Glaubenssinns“ für die katholische Eucharistielehre ein Weckruf, weiterzudenken – natürlich auf der Folie des Bestehenden. Was aber auch heißt, dass dies in der je aktuellen Zeit auch neue und neu lebensspendende Zugänge erfordert.