#

Zwischen Fakten und Manipulation

DISKURS
Wegschneider - © Screenshot: www.servustv.com/derwegscheider

Ferdinand Wegscheider und Servus TV: Der Intendant als Komödiant

1945 1960 1980 2000 2020

Servus TV ist durch seine pointierte Gegenpositionierung zu renommierten Zeitungen und ORF erstmals der stärkste Privatsender Österreichs. In der Nachrichtenschiene pusht Intendant Ferdinand Wegscheider Servus TV in Richtung des großen Bruders Fox News.

1945 1960 1980 2000 2020

Servus TV ist durch seine pointierte Gegenpositionierung zu renommierten Zeitungen und ORF erstmals der stärkste Privatsender Österreichs. In der Nachrichtenschiene pusht Intendant Ferdinand Wegscheider Servus TV in Richtung des großen Bruders Fox News.

„Der Wegscheider“ steigt am 16. Jänner wieder in den Fernsehring. Getreu seinem Motto: „Da scheiden sich nicht nur die Wege, sondern auch die Geis ter!“, missachtet er journalistische Kriterien wie politische Korrektheit. Schon das verpönte Spiel mit dem Namen, für den ein Träger nichts kann, belässt er nicht beim eigenen. Den Gesundheitsminister hat er konsequent zum „Angstschober“ verhunzt – im Corona-­Jahr 2020, diesem Glücksfall für Servus TV. Ausgerechnet in einer Krise, die im politischen Match der Regierung und im medialen Wettbewerb dem öffentlichen Rundfunk nützt, konnte der Privatsender seinen Jahresmarktanteil um mehr als ein Zehntel steigern.

„Der Wegscheider“ steigt am 16. Jänner wieder in den Fernsehring. Getreu seinem Motto: „Da scheiden sich nicht nur die Wege, sondern auch die Geis ter!“, missachtet er journalistische Kriterien wie politische Korrektheit. Schon das verpönte Spiel mit dem Namen, für den ein Träger nichts kann, belässt er nicht beim eigenen. Den Gesundheitsminister hat er konsequent zum „Angstschober“ verhunzt – im Corona-­Jahr 2020, diesem Glücksfall für Servus TV. Ausgerechnet in einer Krise, die im politischen Match der Regierung und im medialen Wettbewerb dem öffentlichen Rundfunk nützt, konnte der Privatsender seinen Jahresmarktanteil um mehr als ein Zehntel steigern.

Navigator

Liebe Leserin, lieber Leser,

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

diesen Text stellen wir Ihnen kostenlos zur Verfügung. Im FURCHE‐Navigator finden Sie tausende Artikel zu mehreren Jahrzehnten Zeitgeschichte. Neugierig? Am schnellsten kommen Sie hier zu Ihrem Abo – gratis oder gerne auch bezahlt.
Herzlichen Dank, Ihre Doris Helmberger‐Fleckl (Chefredakteurin)

Es sind zwar trotzdem noch keine vier Prozent*, doch der Zuwachs gilt als Fabelwert in einem Kreis, wo tendenziell alle Kuchenstücke immer kleiner werden, weil ständig mehr Anbieter mitnaschen: Puls 4, ATV, Puls 24, ATV II, oe24.tv, krone.tv, Schau TV, derStandard.tv, aber auch Ennstal TV und Montafon TV. Der Privatrundfunkfonds förderte zuletzt elf nationale und 35 regionale Sender mit 12,3 Millionen Euro.

Mateschitz und Wegscheider

Dass Servus TV jetzt an der Spitze dieser Armada steht, verdankt es seinem Eigentümer, dem Red Bull Media House; verkörpert durch dessen mittelbaren Chef und 49-­Prozent­-Gesellschafter Dietrich Mateschitz (76), dem reichsten Österreicher. Unmittelbar hat aber Ferdinand Wegscheider (60) diesen Aufstieg bewirkt – mithilfe seiner Doppelrolle. Der einstige ORF­Journalist und spätere Privat­-TV-­Pionier ist einerseits der Intendant des in Salzburg angesiedelten Sen­ ders und andererseits „Der Wegscheider“. In seiner Eigendefinition ist das ein „satirischer Wochenkommentar“, und schon der Vorspann zeigt, wohin die Reise geht: Erst schwankt symbolschwanger die Weisheit einer Eule zwischen ihren mit „Sinn“ und „Unsinn“ beschrifteten Flügeln. Dann legt ein soignierter Herr seine Zeitung beiseite, zückt das Narrenzepter, dreht ein Rad und aufersteht Till Eulenspiegel. Der Chef gibt bei Belieben den Clown. Jeden Samstag ab 19.20 Uhr. Dann nochmals vor dem Sonntag-­Spätabendprogramm – zuletzt „Corona-­Quartett“ – und schließlich via Homepage und hunderttausende Mal auf Facebook. Klingt harmlos, ist es aber nicht.

Denn „Der Wegscheider“, der seinen Doktortitel respektheischend einblenden lässt, wettert gegen alles und jeden – insbesondere, wenn es etablierter ist als Servus TV und er. Das gleicht auch ein Ehrenzeichen des Landes Salzburg nicht aus, das ihm Wilfried Haslauer überreicht hat. Gleich danach machte ihn „Der Wegscheider“ wieder zur Sau. Ein Unbestechlicher: Diese Pose wirkt derart gut, dass Servus TV auf den Kurs von Fox News gerät. Das ist der einzige Sender in den USA, dem Anhänger der Republikaner noch mehrheitlich glauben. Ihr Medienvertrauen ist auf zehn Prozent gesunken, jenes der Demokraten auf drei Viertel angestiegen. Ohne Fox News wäre Donald Trump kaum Präsident geworden. Der Sender gehört Rupert Murdoch. Wäre er nicht australischer Amerikaner, gälte er als Oligarch. Am häufigsten nennen sie ihn Medien­Tycoon.

Konsequente Zielgruppenansprache

Wegscheider wehrt sich gegen diesen Vergleich mit dem Hinweis, ein Nachrichtensender sei nicht mit einem Vollprogramm zu vergleichen. Doch das erscheint geradezu als Beleg für Unterwanderung auf leisen Sohlen: Der beste Weg zur Bedienung eines Dreißigstels des TV­-Markts ist konsequente Zielgruppenansprache. Seit Wegscheiders Einstieg lässt sich diese Positionierung nicht bloß durch bodenständige inhaltliche Schwerpunkte von Heimat, Natur und Volkstum bis zu globalen Sport-Events erkennen. Als Intendant – eine satirisch wirkende Anleihe bei vermeintlich besseren ORF­-Zeiten – prägt er vor allem die Nachrichtenschiene. Hauptsächlich im Hintergrund, mitunter in einer Nebenrolle, aber vorzugsweise als Ich­-Darsteller.

Kaum am Ruder, hat er 2016 „Servus Krone“, eine Kooperation mit der Tageszeitung beerdigt. Seine im Gegenzug forcierten „Servus Nachrichten“ sind mittlerweile die meistgesehene Privat­TV­Information. Manchmal haben sie mehr Marktanteil als alle Sendungen von ORF 1. Es zu überholen, ist das erklärte Ziel.

Servus TV gibt den Ängstlichen Geborgenheit, schafft eine Bildschirm-Heimat, wo die reale Entwurzelung droht. Dazu noch Männersport. Und Wegscheider.

Dass der Senderchef als Pfarrer in einem Krimi mitspielt, trägt kaum dazu bei. Auch „Der Wegscheider“ ist bloß Spitze des Eisbergs. Seine Nachrichten­Schlagseite geht mitterweile so tief, dass die Behauptung, Bezirke mit weniger als 100.000 Einwohnern würden durch Corona­Inzidenz pro 100.000 verzerrt dargestellt, international für Hohn sorgt. Doch Meldungen über solche Fehlleis tungen sind ein Minderheitenprogramm gegen das handwerklich hochqualitative Unterhaltungsangebot des Senders. Das reicht von den „Bergwelten“ bis zur globalen Sportdimension von Tennis und Formel 1. Servus TV wildert in Kernkompetenzen des ORF. Das schafft Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Auf dieser Welle surft Wegscheider weitgehend sturzfrei, wenn er in den Wochenkommentaren His Masters Voice gibt, ohne diesen zu entlarven. Mateschitz wetterte noch 2017 gegen das „Meinungsdiktat“ der „selbst ernannten sogenannten intellektuellen Elite“ und rechnete mit Österreichs Flüchtlingspolitik ab. 2020, anlässlich Corona, bedient er sich des eigenen Lautsprechers. Wegscheider pflegt den direkten Kontakt zum Eigner. Das wissen alle. Und respektiert jeder. Auch Michael Fleischhacker, der Spitzenjournalist.

Populäre Agitation des Intendanten

Dessen „Talk im Hangar 7“ ist das intellektuelle Gegenstück zur populären Agitation des Intendanten, der als Till über „Corona­Blockwarte“, „regimetreue“ Zeitungen und „Lohnschreiber ohne jede Expertise“ herzieht. Damit ruft er Geister, die er nun nicht loswird – von selbst ernannten Querdenkern bis zu Rechtsradikalen. Neben dieser zahlenmäßig kleinen, aber explosiven Mischung, die Corona zusammengeführt hat und via Social Media und auf der Straße wüten lässt, werden Mateschitz’ Sender und Wegscheider als sein Herold aber vor allem die erste Fernsehadresse für immer mehr Menschen aus der Mitte der Gesellschaft. Servus TV nennt zwar das Überholen von ORF 1 (2020 acht Prozent Marktanteil) als Etappenziel, wendet sich aber an Kernpublikum der täglich meistgesehenen ORF­ Sendung „Bundesland heute“.

Ländlicher, volks tümlicher, naturbezogener, älter: Damit reagiert der Sender auf das „urbaner, globaler, virtueller, jünger“ der digitalisierten Medienwelt. Er gibt den Ängstlichen Geborgenheit, schafft eine Bildschirm­ Heimat, wo die reale Entwurzelung droht. Dazu noch Männersport. Und Wegscheider. So ergibt sich insgesamt ein Programm für Zielgruppen klar rechts der Mitte. Das ist ungewöhnlich für eine Medienszene, in der deklarierte Unabhängigkeit geradezu als Branchenmerkmal gilt. Doch die politische Mehrheit ist nicht links der Mitte.

Der Autor ist Medienberater u. Politikanalyst.

*) Eigene Berechnungen auf Grundlage der bisher vorliegenden Daten. Die endgültigen offiziellen Marktanteile 2020 waren bei Redaktionsschluss noch nicht bekannt.

Navigator

Hat Ihnen dieser Artikel gefallen?

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Mit einem Digital-Abo sichern Sie sich den Zugriff auf über 40.000 Artikel aus 20 Jahren Zeitgeschichte – und unterstützen gleichzeitig die FURCHE. Vielen Dank!

Ein Thema. Viele Standpunkte. Im FURCHE-Navigator weiterlesen.

FURCHE-Navigator Vorschau