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Pressefreiheit

Lügenpresse - © Bild: Pixabay / PDPics
Politik

Gefährliche Rede von der LÜGENPRESSE

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Begriff, der im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts ebenso präsent war wie in der NS- oder DDR-Propaganda, ist wieder salonfähig geworden.

1945 1960 1980 2000 2020

Ein Begriff, der im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts ebenso präsent war wie in der NS- oder DDR-Propaganda, ist wieder salonfähig geworden.

Ein Begriff, der im Kulturkampf des 19. Jahrhunderts ebenso präsent war wie in der NS-oder DDR-Propaganda, ist wieder salonfähig geworden.

Lügenpresse" ist seit der Pegida-Bewegung in Deutschland ein jacks of all trades-Wort im Protest auf der Straße, Online-Foren und in einem Typus alternativer Medien. "Besorgte Bürger", Kritiker gegenüber der zeitweiligen Willkommenskultur für Asylwerber sowie linke wie rechte Verschwörungstheoretiker fühlen sich von den etablierten Medien belogen und verraten. Der Begriff "Lügenpresse" zog auch in die österreichischen Debatten ein. War in 233 heimischen Medien laut APA-Defacto-Mediendatenbank im Jahr 2014 gerade einmal in 13 Beiträgen davon die Rede, schnellte der Kampfbegriff im letzten Jahr gleich einmal auf 407 hoch. Im ersten Quartal dieses Jahres kommt die "Lügenpresse" begrifflich bereits in über 200 Beiträgen vor.

In Deutschland hat der Pegida-Slogan von der "Lügenpresse" erfolgreich verfangen: Immerhin meinen 39 Prozent der erwachsenen Deutschen, an dem Vorwurf sei etwas dran. Das ergab eine Allensbach-Umfrage im Auftrag der Frankfurter Allgemeinen Zeitung.

Verunsicherung oft ohne empirische Belege

Manche Medienhäuser und Journalisten verunsichert der Vertrauensverlust der klassischen Medien, der allerdings mitunter recht freimütig auch ohne empirische Belege diagnostiziert wird. Debattiert wird unter anderem, sich selbst und dem Publikum gegenüber gemachte Fehler stärker einzubekennen. Gut gemachte Medien praktizieren freilich auch im deutschsprachigen Raum schon seit ein paar Jahren die Korrekturbox, informieren also ihre Leser über Fehler, die dem Medium passiert sind.

Das schützt sie heute dennoch nicht vor dem kollektiv vorgebrachten Vorwurf, Teil der "Lügenpresse" zu sein. Ein anderer Vorwurf resultiert aus einem Grundmotiv rassistischer rechter Politik: Medien würden die ethnische Herkunft von Straftätern systematisch verheimlichen. Auch in österreichischen Medien sorgt dieser über Online-Foren, Facebook & Co. massiv vorgebrachte Vorwurf in etlichen Redaktionen für Verunsicherung, auch wenn die meisten heimischen Medien bisher ohnedies regelmäßig die Herkunft von Tatverdächtigen durchaus angegeben haben. Der Standard publizierte im Jänner sogar den internen E-Mail-Verkehr zur verunsicherten Redaktionslinie, andere Medien holten sich Experten zum Klären der künftigen journalistischen Linie in Sachen Nennung der Ethnie ins Haus.

Zweifellos ist es in dieser Phase der Vorwürfe klug, sich zu vergewissern, warum man als Medium welche Regeln praktiziert. Allerdings sollte dies nicht defensiv und sich Asche aufs Haupt streuend geschehen. Vielmehr erscheint es mir notwendig, den Mediennutzern ausführlich den Unterschied zwischen recherchiertem Journalismus und dem Sammelsurium von Informationen - von richtigen Beobachtungen über viel Meinung bis Verschwörungstheorie hin zu bewusst in die digitale Welt gepflanzten Lügen -zu erklären. Zudem müssten Medien gründlich erläutern, warum sie über manche Vorgänge -z.B. um Opfer zu schützen - nicht oder sehr zurückhaltend berichten.

Leider leistet unser Bildungssystem diese Medienbildung bisher bei weitem nicht in ausreichendem Maß. Also sollten es Medien selbst in die Hand nehmen. Die Menschen sind kritischer geworden, aber zugleich nicht immer wissender. So wie viele heute vom Arzt selbstverständlich erwarten, dass er sie darüber informiert, warum er welche Behandlung vorschlägt und welche Alternativen es gibt, und sie häufig auch selbst eine zweite ärztlichen Meinung einholen, sollten Medien sich zunehmend auf kritischere Mediennutzer einstellen, damit sie diese nicht an Medien-Quacksalber und mediale Heilsversprecher verlieren.

Wer heute sich in seiner Kritik an Medien des Begriffs "Lügenpresse" bedient, sollte seine geschichtliche Verwendung kennen. Dass in der Presse auch Lügen vorkommen, darüber wurde übrigens selbst in der Presse immer wieder berichtet, und zwar von Anfang an. Dass der Begriff "Lügenpresse" eine Geschichte hat, sollte jedem auffallen, denn der Verwurf des Verheimlichens, Hintertreibens und Ablenkens richtet sich ja nicht gegen die gedruckten Blätter alleine, sondern genauso gegen Radio, TV und Online-Medien - es müsste also korrekt "Lügenmedien" heißen.